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Deutschland / Welt Rabattitis erfasst den Automarkt
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Rabattitis erfasst den Automarkt
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21:15 31.10.2011
Auf dem deutschen Automarkt dreht sich der Wind. Nach den satten Absatzzuwächsen und ausufernden Lieferzeiten der vergangenen Monate stellen sich Hersteller und Händler auf härtere Zeiten ein. Quelle: dpa
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Hannover

„In den Auftragseingängen zeichnet sich bereits eine spürbare Abkühlung ab“, sagte der Präsident des niedersächsischen Kfz-Gewerbes, Karl-Heinz Bley, dieser Zeitung. Postwendend schießen Rabattaktionen wie Pilze aus der Erde. Ihre Zahl sei im Oktober auf ein Rekordniveau gestiegen, berichtete das Center Automotive Research (CAR) der Universität Duisburg-Essen am Montag.

Im Schnitt kosteten Neuwagen inzwischen 18 Prozent weniger als in den Preislisten angegeben. „So hoch war der Abstand noch nie seit unserer Messung“, berichtete CAR-Chef Ferdinand Dudenhöffer. Insgesamt 389 offen von den Herstellern beworbene Rabattaktionen zählten Dudenhöffers Mitarbeiter – ebenfalls Rekord. Gleichzeitig befindet sich die Zahl sogenannter taktischer Zulassungen im Steilflug. 30 Prozent aller Neuwagen werden derzeit zunächst auf Hersteller oder Händler zugelassen. Exakt auf diesem Niveau liegt laut CAR auch Volkswagen – ein für die Wolfsburger vergleichsweise hoher Wert, wie Dudenhöffer meint. Er dürfte allerdings mit der Markteinführung des Kleinwagens Up! zu erklären sein, der erst einmal in alle Schauräume gebracht werden muss.

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Bei den Preisaktionen liegen wie üblich die Importeure ganz vorn – mit Nachlässen von teils mehr als 30 Prozent. Fiat und Citroën finden sich unter den zehn Angeboten mit den größten Rabatten gleich mehrmals. Aber auch BMW ist vertreten – ein für die deutschen Premiumhersteller bislang einmaliger Vorstoß. Die aktuelle Dreier-Reihe, die kurz vor dem Produktauslauf steht, wird über ein günstiges Leasingangebot in den Markt gedrückt. Es verspricht 30,4 Prozent Preisvorteil für die Touring-Variante. Ohnehin sind die meisten Offerten besonders günstig geschnittene Finanzierungs- oder Leasingmodelle.

„Die aggressiven Preisaktionen weisen darauf hin, dass 2012 mit zurückgehender Gesamtkonjunktur das Autogeschäft schwer wird“, erklärte Dudenhöffer. „Die noch vor Monaten hohen Auftragsbestände bei den Autobauern sind bis Jahresende aufgebraucht“, ist sich der Professor sicher. Nun würden auch die Margen in der Branche wieder zusammenschmelzen. „Der deutsche Automarkt sitzt in der Preis- und Rabattfalle.“

Im niedersächsischen Autohandel stoßen die Aktionen auf scharfe Kritik. „Es kann nicht sein, dass man gleich wieder übers Ziel hinausschießt, wenn sich die Nachfrage abschwächt“, sagte Verbandspräsident Bley. Rabatte von mehr als 30 Prozent seien keine seriösen Verkaufspraktiken. „Der Kunde bekommt ja Angst, wenn er sieht, dass solche Zahlen machbar sein sollen.“ Die Branche habe es in den zurückliegenden Jahren gerade mühsam geschafft, die Gewinnmargen etwas über das sonst übliche eine Prozent vom Umsatz zu heben. Das sei durch eine übermäßige Rabattierung gefährdet.

Wenngleich auch in Niedersachsen eine „spürbare Abkühlung“ bei den Auftragseingängen zu verspüren sei, so zeige sich der heimische Markt dennoch weitaus robuster als der Rest der Republik, sagte Bley. So lägen die Neuwagenverkäufe bis einschließlich September um fast 15 Prozent über denen des Vergleichszeitraums 2010. Bundesweit beträgt das Plus gut 11 Prozent. Für das Gesamtjahr rechnet das niedersächsische Kfz-Gewerbe mit 330 000 verkauften Autos – ein Plus von 10 Prozent. Was 2012 kommt, wagt derzeit noch niemand zu prognostizieren.

Lars Ruzic