Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Deutschland / Welt Reeder rechnen mit langer Flaute
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Reeder rechnen mit langer Flaute
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:33 09.07.2009
Von Jens Heitmann
Anzeige

Jede dritte Reederei hat bereits Schifffe stillgelegt. Das ist das Ergebnis einer Umfrage unter rund 100 deutschen Reedereien, die am Donnerstag von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) präsentiert wurde.

Im Zuge der weltweiten Wirtschaftskrise sind die Frachtraten – also die Transportpreise für Container – von 2000 Dollar auf unter 300 Dollar gefallen. Deutlich gesunken sind auch die Mietzinsen für Containerschiffe, die sogenannten Charterraten. Für ein Schiff mit einer Kapazität von 1700 Containern würden auf Jahresbasis aktuell noch bis zu 4500 Dollar pro Tag gezahlt, berichtet ein Branchenkenner. Vor 18 Monaten waren es noch bis zu 18.000 Dollar. Ein solcher Preisverfall sei nicht durch Kostensenkungen aufzufangen, hieß es.

Für den Niedergang des Marktes gibt es vor allem zwei Gründe: Zum einen schrumpfen die Güterströme des Welthandels infolge der Rezession. Die Beratungsfirma Drewry erwartet, dass die Containertransporte in diesem Jahr um mehr als ein Zehntel zurückgehen könnten – das wäre das erste Minus seit dem Ölpreisschock in den siebziger Jahren. Zum anderen laufen in diesen Monaten viele neue Schiffe vom Stapel, die noch zu Boomzeiten bestellt worden waren. Dass zuletzt die Kosten für Schiffsdiesel nach oben geschossen sind, macht den Reedern das Leben zusätzlich schwer. Auch wenn die Ölpreise dieser Tage wieder etwas nachgeben, rechnet man in der Branche nicht mit einer längerfristigen Entlastung.

Nach Angaben des Schiffsregisters Lloyd’s kreuzen derzeit rund 100.000 Handelsschiffe die Weltmeere; bei den Werften – insbesondere in Asien – stapeln sich Aufträge für rund 11.000 Neubauten. Ursprünglich sollte über die Hälfte dieser Schiffe noch in diesem Jahr auf den Markt kommen, doch das erscheint inzwischen unwahrscheinlich. Laut der PwC-Umfrage hat bereits jede vierte deutsche Reederei Bauaufträge storniert oder verschoben.

Nach Angaben aus der Branche lassen manche Auftraggeber inzwischen lieber Anzahlungen in Millionenhöhe verfallen, als mitten in der Krise neue Schiffe übernehmen zu müssen. Ohnehin sei die Kapitaldecke bei vielen Reedereien gefährlich dünn geworden, berichtete ein Schifffsfinanzierer: „Bei Krediten versuchen im Augenblick alle Firmen eine Tilgungsstundung zu erreichen.“
Da die Banken selbst unter Druck stehen, beobachten sie penibel den Marktwert der von ihnen finanzierten Schiffe – im Schnitt würden die Carrierer derzeit rund ein Drittel schlechter bewertet als vor anderthalb Jahren, sagte ein Bankmanager. Das hat Folgen: Um ihre Außenstände abzusichern, verlangten die Kreditinstitute zusätzliche Sicherheiten – bei großen Reedereien, indem sie sich Forderungen abtreten lassen oder Hypotheken auf Grundstücke eintragen. Bei Ein-Schiff-Firmen würden Bürgschaften vom Eigner verlangt. Allerdings sind auch den Bankern die Hände gebunden: Kredite fällig zu stellen, verbietet sich meistens, weil Zwangsversteigerungen angesichts des Preisverfalls „unsinnig“ seien, wie ein Finanzexperte berichtete.

Nach der letzten schweren Schifffahrtskrise in den Jahren 2001/2002 war es vor allem der Aufschwung in China, der den Reedern viele neue Aufträge bescherte. Dass sich dieser Boom wiederholt, glaubt in der Branche kaum jemand. „Diese Krise wird sich nicht in einem Jahr auflösen“, sagte der Chef der weltgrößten Reederei Mærsk, Eivind Kolding, kürzlich in einem Interview. Am Ende könne der Abschwung aber eine notwendige Marktbereinigung voranbringen und Überkapazitäten beseitigen.

Im Fusionspoker werden finanzstarken Reedereien die besten Chancen eingeräumt. Der dänische Marktführer Mærsk gilt als gesetzt, auch die Verfolger auf den nächsten Plätzen. Fragezeichen stehen indes hinter der Nummer fünf – Hapag-Lloyd. Die Hamburger gelten in der Branche als exzellent gemanagt, es fehle ihnen aber an Kapital, hieß es. Bis Ende Juli wollen die Anteilseigner über eine weitere Milliardenhilfe für die in Not geratene Reederei entscheiden.