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12:12 21.05.2011
Von Dirk Schmaler
Die Preise sind in Deutschland stark angezogen. Das könnte den Konsum schmälern. Quelle: Nancy Heusel (Symbolbild)
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Dimosthenis Laios muss bald wieder die Leiter herausholen. Der Inhaber des Podbi-Grills, einer kleinen Imbissbude im Norden Hannovers, verdiente lange Zeit gutes Geld damit, Pommes zu frittieren und zu verkaufen. Doch sein Geschäftsmodell stößt neuerdings an Grenzen. „Fast jede Woche“, klagt er, „werden derzeit die Pommes für mich im Einkauf teurer – und das schon seit Monaten.“ Zugleich zieht das Frittierfett im Preis an wie noch nie. Noch zögert der Unternehmer, die Teuerung an seine Kunden weiterzugeben. Doch bald muss er raufklettern zur Preistafel über seinem Tresen und für Pommes einen neuen, höheren Betrag einsetzen: „Sonst zahlen wir drauf.“

Der Inhaber des Grills ist mit seinem Problem nicht allein. Quer durch die Republik steigen seit Monaten die Lebensmittelpreise in für Deutschland lange ungeahnte Höhen. Nicht nur für Gewerbetreibende. Erstmals seit vielen Jahren schlagen die Preiserhöhungen auf den Weltmärkten bei Weizen, Kaffee oder Mais auch deutlich auf die Discounter-Preise durch. Pommes frites nehmen dabei einen Spitzenplatz ein – die Preise für ein Kilogramm im Discounter sind im vergangenen Jahr um immerhin 43 Prozent gestiegen. Aber auch für andere Lebensmittel wie Obst, Fleisch oder Milchprodukte müssen die Verbraucher, nach vielen Jahren immer weiter sinkender oder zumindest stagnierender Preise, an den Supermarktkassen plötzlich deutlich mehr Geld bezahlen.

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Teuerung, besonders bei Lebensmitteln, ist eine politisch heikle Tendenz. In Nordafrika, von Tunis bis Kairo, befeuerten steigende Brotpreise in diesem Frühjahr die Revolutionsbewegungen. In Deutschland zählte Martin Luther schon im 16. Jahrhundert drei Grundübel auf: „Teuerung, Krieg und Pestilenz.“

Heute, im Haushalt des modernen Deutschen, dämpft der relativ geringe Anteil der Lebensmittelkosten an den Gesamtausgaben die Aufregung. Dennoch war es eine bedenklich hohe Zahl, mit der das Statistische Bundesamt am Freitag den jüngsten Anstieg der Preise bezifferte: Um 7,2 Prozent waren die Lebensmittel hierzulande im April 2011 teurer als im April 2010.

Der Verbraucherdienst „Preiszeiger“ macht bei häufig gekauften Lebensmitteln im Mai-Vergleich sogar noch größere Sprünge aus: Wo 250 Gramm Butter im Mai 2010 85 Cent gekostet haben, kostet das halbe Pfund jetzt 1,15 Euro. Auch Billiges wird teurer: Ein Pfund vom günstigsten Kaffee kostet heute ein Drittel mehr als noch vor einem Jahr. Und ein baldiges Ende der Teuerung ist nach Ansicht von Experten nicht in Sicht. Die Deutschen sind ins Schwimmen geraten in einer Welle, die sie bereits anhebt, deren höchster Punkt aber noch immer unsichtbar bleibt.

Viele Faktoren wirken derzeit zusammen. Der wachsende Wohlstand in China, Indien und Brasilien steigerte weltweit die Nachfrage nach Lebensmitteln – zugleich ließen Wetterkapriolen das Angebot schrumpfen. Flächenbrände in Russland, Überschwemmungen in Pakistan und auch eine schlechte Maisernte in den USA schlagen indirekt durch bis auf den deutschen Markt.

Und nicht einmal eine gute Ernte garantiert künftig noch sinkende Preise. Klaus-Jürgen Gern vom Kieler Institut für Weltwirtschaft beobachtet die Agrarrohstoffe auf den Weltmärkten seit vielen Jahren und hat festgestellt: „Wir haben die Notwendigkeit, jedes Jahr neue Rekordernten zu produzieren. Sonst steigen automatisch die Preise.“

Die Nachfrage wirtschaftlich erfolgreicher Schwellenländer nach mehr und höherwertigen Lebensmitteln wird auch in Zukunft weiter wachsen. Für Weizen und Fleisch etwa ist eine Umkehr beim Preistrend nicht in Sicht. Die hektische Suche nach neuen Energien kommt als weiterer Megatrend hinzu. Die Teuerung beim Öl treibt Investoren in Richtung Biosprit – doch am Ende haben alte und alternative Treibstoffe eins gemeinsam: Sie kosten deutlich mehr als etwa noch vor einem Jahr.

Die zunehmende Verwendung von Mais, Raps, Weizen und Zuckerrohr zur Erzeugung von Biosprit macht zudem die Lebensmittel weltweit teurer. Allein in den USA werden mittlerweile 40 Prozent der Maisernte zur Ethanolproduktion verwendet, was den Maispreis in neue Rekordhöhen getrieben hat; seit 2009 haben sich die Börsennotierungen glatt verdoppelt. Jede Tankfüllung, bei der auch Biosprit im Spiel ist, treibt indirekt die Getreidepreise an. Dies wiederum hat Auswirkungen auf den Fleischpreis, da etwa Mais auch ein oft verwendetes Futtermittel ist. Wenn dann noch, wie etwa in Deutschland, neue Standards für Tierschutz und Tierhaltung gefordert werden, wird man vom Gedanken an ein billiges Schnitzel irgendwann Abschied nehmen müssen.

Mittlerweile werden auch die Anbauflächen für die Agrarwirtschaft wegen des Biosprittrends zunehmend knapp, und zwar rund um den Globus. „Wüsten dehnen sich aus, und Böden versalzen“, sagt IfW-Experte Gern. Auch für einstmals wenig begehrte Ackerflächen gilt heute: Die Preise steigen – und damit werden auch die auf diesen Äckern erzeugten Lebensmittel teurer.

Es sind aber nicht nur die realen Wirtschaftsdaten, die verantwortlich sind für die Preisexplosion. Immer häufiger deuten Experten auf die unselige Rolle eines Berufsstands, der mit Essen und Landwirtschaft eigentlich herzlich wenig zu tun hat. Internationale Hedgefonds-Manager und andere Finanzspekulanten haben die Agrarrohstoffe für sich entdeckt. Sie treiben an Rohstoffterminmärkten seit einigen Jahren mit irrwitzigen Großkäufen und immer neuen Spekulationen den Preis. Der Börsenpreis von Kaffee hat sich seit 2009 fast verdreifacht, der von Zucker verdoppelt. Zudem unterliegen die Kurse immer stärkeren Stimmungsschwankungen an den Märkten. So trug der Tod Osama bin Ladens kürzlich dazu bei, dass der Weizen kurzfristig billiger zu haben war: Es war ein Moment der Entspannung auf einem überhitzten Markt.

Ausgerechnet die Finanzkrise hat den Anreiz zum weltweiten Zocken mit Lebensmitteln noch verstärkt. Nachdem die Staatsanleihen vieler Länder mittlerweile als unsicher gelten, stürzen sich Spekulanten immer öfter auf den Kauf und Verkauf von Agrarrohstoffen. Die Käufer erwerben Weizen, Kakao oder Mais oft nur noch virtuell, um die Rohstoffe danach – ebenso virtuell – wieder an der Börse zu verkaufen. Was bleibt, ist in der Regel ein sehr realer Gewinn für die Spekulanten – und eine ebenso reale Preissteigerung beim nächsten Abnehmer.

Eine Studie der Welthungerhilfe kommt zu dem Ergebnis, dass das Engagement von branchenfremden Kapitalanlegern von 2007 bis 2009 für Preissteigerungen von bis zu 15 Prozent der Agrarrohstoffe verantwortlich ist. Für 2010 schätzen einige Experten den Anteil der Spekulationen sogar auf 25 Prozent. Agrar- und Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) forderte bereits für den Handel mit Agrarrohstoffen eine stärkere Regulierung im Rahmen der G-20-Staaten, um allzu starke Preisschwankungen auszugleichen.

Doch selbst wenn man sich die Spekulanten wegdenkt, bleibt die Teuerungswelle in allen Projektionen der Wirtschaftsforscher eine Konstante. „Die Preise für Lebensmittel werden auf lange Sicht nicht sinken, sondern eher steigen“, erklärt Wirtschaftsexperte Gern. „Daran müssen wir uns leider gewöhnen.“

Einen Grund zur Panik sehen die Fachleute dennoch nicht, jedenfalls nicht mit Blick auf Deutschland. Der Durchschnittsbürger investiert nur etwa elf Prozent seines Einkommens in Lebensmittel – in den sechziger Jahren waren es noch mehr als 50 Prozent. Die Gewerkschaften werden dennoch bereits unruhig – und fordern mit Verweis auf die aktuelle Kombination von steigenden Lebensmittelpreisen, höheren Mieten und Energiekosten dringend höhere Tarifabschlüsse. Die Begründung: Wenn alles teurer wird, wird eine moderate Lohnerhöhung auf dem Papier schnell unterm Strich zu einem Minus.

Experten halten für 2011 eine Inflationsrate von immerhin 2,4 Prozent für möglich. Auch in der Bevölkerung hat sich längst eine neue Angst vor steigenden Preisen ausgebreitet – obwohl das Land gerade einen veritablen Aufschwung erlebt. Jeder dritte Bundesbürger, so eine aktuelle Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung, macht sich akute Sorgen um die Stabilität der Preise. Das sind deutlich mehr als diejenigen, die Angst um die sozialen Sicherungssysteme, die Zukunft der Bildung oder das Gesundheitswesen haben. Am Freitag erst schlug in Hannover der Mieterbund Alarm. Er fürchtet einen starken Anstieg der Mieten genau in jenen Segmenten, in die so viele moderne Deutsche drängen: gute Stadtlage, keine langen Wege zur Arbeit, alles frisch saniert, alles gut gedämmt. Nach und nach wächst die Erkenntnis, dass das Leben in der allseits erstrebten schönen neuen Welt teuer wird.