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Deutschland / Welt Seemanns Braut ist nicht die See
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22:46 07.10.2011
Von Gunnar Menkens
Diakon Michael Wechsler hat stets ein offenes Ohr für Seeleute wie Michael Javier. Der Kontakt nach Hause ist für viele das Wichtigste. Quelle: Christian Burkert
Wilhelmshaven

An Bord vertreiben sich 22 Männer die Zeit. Sie halten das Schiff in Schuss, sie spielen in der Kombüse unter Kunstlicht Tischtennis auf einem Küchentisch mit kitschiger Blumenmusterfolie, sie sehen Filme. Strom kommt von einem Generator, Tag und Nacht dröhnt die Maschine an Deck, bis in Kabinen und den Schlaf hinein. „Keine Neuigkeiten im Moment“, sagt Michael Javier, 35, ein stiller freundlicher Philippino mit kurzen Haaren und hoher Stirn. Sicher ist: In diesem Jahr legt der 140 Meter lange Frachter nicht mehr ab.

Der zweite Ingenieur des in die Jahre gekommenen globalen Lastesels lehnt an der Reling und blinzelt in die warme Sonne. Sein Vertrag mit der Reederei läuft über zehn Monate. Es ist exakt die Zeitspanne, in der er seine Frau und die zwei kleinen Töchter nicht sehen wird. Aber Michael Javier ist zufrieden, trotz allem. „Hier ist es besser“, sagt der Seemann. Keine Stürme, keine Piraten, der Reeder zahlt die Heuer. Handy und Internet garantieren sichere Verbindung zur Familie – auf See ist das längst nicht so. Manchmal, wenn die Langeweile an Bord schlimmer wird, nimmt sich Javier mit seinen Kollegen ein Rad, gemeinsam fahren sie dann ein paar Kilometer in die Wilhelmshavener City. Nett seien die Leute hier. Die Ungewissheit, das Ausharren in einem fremden Land? „No problem.“ Wäre die „Hudson Bay“ unterwegs, die Männer wären nicht früher zu Hause und ans Schiff gefesselt.

In Wilhelmshaven leistet Seemannsdiakon Michael Wechsler seinen Beitrag, um Besatzungen im unbekannten Land zu helfen. Er stammt vom Jadebusen und war längere Zeit in Bayern. Seitdem weiß er, wie es sich anfühlt, fremd zu sein. Der 56-Jährige arbeitet in der Stadt für die Deutsche Seemannsmission, die in diesen Wochen seit 125 Jahren besteht. Ein Fachmann für Wasser ist er nicht: Wechslers weiteste und damit auch gefährlichste Schiffsreise brachte ihn von Norddeich nach Norderney.

Inzwischen fährt der Diakon täglich mit seinem VW-Bus hinaus zu den Schiffen am Industriehafen und besucht Männer, die meist seit Wochen kein Land betreten haben. „This is Mike, Seamen’s Mission“, das ist sein Ruf in die schmalen stählernen Gänge der Decks, dann weiß die Besatzung, hier kommt einer, der sich kümmert. An Bord trägt er eine gelbe Weste, darunter spannt sich ein kariertes Hemd, und eine grobe Arbeitshose. Man steht auf einem Schiff, nicht vorm Altar.

Mike ist Geistlicher, aber mindestens so wichtig wie Zuspruch sind den Männern Dinge, die er mitbringt. Zeitungen, Stadtpläne, Telefonkarten, USB-Sticks, Fahrräder, warme Klamotten, Mützen (ohne Bommel, weil noch Arbeitshelme drüber müssen). Viele Spenden kommen aus der Kirchengemeinde, und hätte Wechsler einen Wunsch frei, dann hätte er gerne mehr DVDs für seine Seemänner.

„Die Leute denken immer, Seelsorge, das sind große Gespräche, und alles muss in der Kirche stattfinden. Aber wenn ich einem Seefahrer nach 20 Tagen Fahrt eine Telefonkarte verkaufen kann, dann weiß ich, ich hab’ was für seinen Seelenfrieden getan.“ Wechsler beschreibt den Wandel in der Seefahrt, und auch den der 17 deutschen Missionen. Es geht kaum noch darum, Matrosen ein Dach über dem Kopf anzubieten oder Seeleuten in fremden Häfen über den Tag zu helfen. Die Zimmer in Wilhelmshaven stehen meist leer, wenn sie nicht an Rucksacktouristen billig vermietet sind. Heute sind Schiffe meist nach zwölf oder 24 Stunden entladen, alles geht immer schneller. Die Männer müssen arbeiten und Wache schieben, oft geht es sofort weiter zum nächsten Ziel. Da bleibt keine Zeit für Ausflüge in Städte, deren Zentren oft weit vom Anlieger entfernt sind. Deshalb, sagt der Diakon, werde er immer zuerst nach Karten und USB-Sticks gefragt. „Die Männer wollen schnell nach Hause telefonieren.“

Aber ein Geistlicher ist Wechsler doch, und er hat Zeit für Gespräche, wenn Männer sich sorgen um ihre weit entfernten Familien, die Verhältnisse in ihrer Heimat oder Probleme haben mit Kollegen aus anderen Ländern. Mike hat Seeleute schätzen gelernt, fast alle. Russen, die Hilfe brauchen, weil sie in der Stadt aus Unwissenheit bloß Malzbier gekauft haben. Köche aus China, die im Supermarkt Gemüse in ungezählter Menge in Einkaufswagen packen. An der Kasse muss dann leider alles einzeln abgewogen werden. Einer der vielen christlichen Leitsätze in der Arbeit von Diakon Michael Wechsler bekommt dann plötzlich eine ganz neue Bedeutung. „Unsere Zeit ist unser größtes Geschenk.“

Nur die Geschichte von den drei Engländern, die einmal sturzbesoffen und offenbar nach einem Bordellbesuch ihr Schiff verpassten, die erzählt der Pastor doch sehr knapp. Denn so klischeehaft – Ausgang, saufen, Puff, weiterfahren – sei das Leben der Seeleute längst nicht mehr.

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