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„Starke Schiene“ und „Deutschlandtakt“: Die Bahn will besser werden

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12:54 20.06.2019
Die Deutsche Bahn will sich wieder auf ihr Kerngeschäft konzentrieren. Quelle: imago images / Ralph Peters
Hannover/Berlin

Mit einer neuen Dachstrategie „Starke Schiene“ will sich die Deutsche Bahn AG künftig auf das Kerngeschäft in Deutschland konzentrieren und den Klimaschutz durch mehr und besseren Schienenverkehrs voranbringen. „Wir setzen voll und ganz auf einen starken Ausbau der Bahn“, heißt es seitens der Bahn. Demnach soll die Infrastruktur robuster, das Unternehmen schlagkräftiger und der Bahnverkehr schneller und moderner werden.

Damit vollzieht Bahnchef Richard Lutz eine Kehrtwende und verabschiedet sich vom umstrittenen Ziel seines Vorgängers Rüdiger Grube, den Umsatz des größten Bundesunternehmens mit seinen 319.000 Mitarbeitern durch weltweite Expansion auf 70 Milliarden Euro zu verdoppeln.

Was soll die neue Strategie bringen?

Die DB AG steckt tief in der Krise: der Zugverkehr ist unpünktlich, es fehlen Fahrzeuge und Personal, das Netz ist überlastet und überaltert, der Konzern hoch verschuldet und ertragsschwach. Die Strategien von Ex-Chef Grube – Zukunft Bahn und vor allem DB 2020+ – gelten als weitgehend gescheitert und fanden kaum Akzeptanz an der Basis.

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Mit der neuen Strategie soll bis 2030 das lange vernachlässigte Kerngeschäft in Deutschland gestärkt werden: der Fern-, Regional- und Güterverkehr auf der Schiene. Denn die Nachfrage wächst enorm. Immer mehr Menschen fahren Bahn.

Was sind die Ziele?

DB-Chef Lutz braucht fast 5 Milliarden Euro für seine Agenda für eine bessere Bahn, die Pünktlichkeit und Qualität verbessern und die nötigen Kapazitäten bei Zügen, Personal und Netz schaffen soll. Die neue Strategie soll zeigen, dass die Kunden und die Umwelt profitieren.

Die Bahn will zum Klimaschutz beitragen und bis 2038 ihre Züge komplett mit Ökostrom betreiben. So soll auch Akzeptanz für die nötigen Milliardensummen an Steuergeld geschaffen werden, die für den Erfolg der Neuausrichtung gebraucht werden.

Was haben die Bahnkunden davon?

Die DB verspricht viele neue Angebote – die unter anderem als „Deutschlandtakt“ firmieren. Im Fernverkehr soll sich die Zahl der Passagiere zwischen 2015 und 2030 auf 260 Millionen verdoppeln. 30 Großstädte sollen dann im Halbstunden-Takt verbunden sein, als erste Verbindung kommt Hamburg-Berlin. Dafür sollen 120 weitere Fernzüge und die Flotte auf dann 600 Fahrzeuge ausgebaut werden.

Weitere sieben Millionen Menschen sollen direkt ans ICE-, Intercity- und Eurocity-Netz angebunden werden. Kleinere und mittlere Städte sollen mindestens im Zweistundentakt Abfahrten bekommen. Im Nahverkehr sollen eine Milliarde Fahrgäste pro Jahr zusätzlich gewonnen werden, auch durch neue Mobilitätsangebote und bessere Vernetzung.

Werden die Bahnhöfe attraktiver?

Auch das wird versprochen. Viele Stationen sind mangels Investitionen zu Schandflecken verkommen. Nun sollen wieder „Drehscheiben multimodaler Mobilität und Zentren urbanen Lebens“ entstehen. Die Kapazität der deutschen Bahnhöfe sollen von 20 auf 40 Millionen Gäste täglich verdoppelt werden. Der Übergang zwischen Schiene, Rad, Bus und neuen Angeboten wie Carsharing und E-Scooter soll erleichtert werden.

Was passiert bei der Infrastruktur?

Das 33.200 km lange Schienennetz und die mehr als 5000 Bahnhöfe gehören dem Bund, werden von der DB Netz verwaltet und sind teils veraltet und verrottet, auch wegen zu geringer und ineffizienter Finanzierung. Nun sollen die Kapazitäten um 30 Prozent auf 1,45 Milliarden Trassenkilometer durch Ausbau, Modernisierung und Digitalisierung erweitert werden. Das gilt als zentrale Voraussetzung, um das Wachstum beim Personen- und Güterverkehr bewältigen zu können. Die bisher zugesagten Mittel der Bundesregierung gelten aber als viel zu gering, um die versprochene neue Ära wirklich erreichen zu können.

100.000 neue Mitarbeiter

Der wichtigste deutsche Staatskonzern hat seit der Jahrtausendwende viele Milliarden im Ausland und in schienenfremde Geschäfte investiert. Zu Jahresbeginn hatte der Bundesrechnungshof in seiner kritischen Bilanz zu 25 Jahren Bahnreform von der Bundesregierung mit sehr deutlichen Worten ein Umsteuern und die Konzentration auf das Kerngeschäft Schiene verlangt.

Der DB-Aufsichtsrat wird die neue Strategie Mitte Juni bei einem zweitägigen Treffen beraten. Zur Neuausrichtung gehört der Verkauf der britischen Bus- und Bahntochter Arriva mit seinen mehr als 50.000 Beschäftigten. In Deutschland sollen 100.000 neue Mitarbeiter eingestellt werden, auch um die hohen Rentenabgänge aufzufangen. Unserer Redaktion liegen umfangreiche Informationen aus Aufsichtsratskreisen vor. Hier ein Überblick.

Was sagen Fahrgastverbände?

Der Fahrgastverband Pro Bahn begrüßt die neue Strategie. „Das ist eine notwendige Sache“, sagt der Bundesvorsitzende Karl-Peter Naumann. Zwar könne man über Details immer streiten, „aber es muss jetzt vorwärts gehen“, betonte der Fahrgastvertreter gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.

Zugleich forderte er die Politik auf, den Strategiewechsel der Bahn zu unterstützen. „Der Bund als Eigentümer kann von der Bahn nicht Dinge verlangen, die er ihr nicht ermöglicht“, sagte Naumann bezüglich der Finanzierung des jüngsten Vorhabens. Zugleich sei es wichtig, einen angemessenen verkehrspolitischen Rahmen zur Stärkung der Bahn zu schaffen.

Allerdings appellierte Naumann auch an die Bürger, der Bahn keine Steine in den Weg zu legen und sich nicht Projekten wie der Schaffung neuer Trassen entgegen zu stellen. „Wenn alle sagen, sie seien dafür, aber nicht in der eigenen Nachbarschaft, kann es nicht funktionieren“, so Naumann.

Allerdings sei auch die Bahn gefragt, beispielsweise in Punkto Lärmschutz auf die Bürger zuzugehen – und zu kommunizieren, was heute technisch möglich sei. „Wer heute einen leisen Güterzug im Betrieb hört hat, staunt sicher darüber, wie leise die sind“.

Was ist im Güterverkehr geplant?

Der Frachtverkehr auf der Schiene gehört wegen massiver politischer Fehlsteuerungen und Missmanagement zum größten Problem, die DB Cargo fährt seit Jahren hohe Verluste ein und hat die Hälfte des Marktes an private Wettbewerber verloren. Bis April steht ein weiteres Minus von 98 Millionen Euro zu Buche. Unter Grube führten geplante weitere Rotstiftaktionen zu heftigen Protesten und Konflikten.

Nun soll die größte Frachtbahn Europas mit dem Kauf von 300 Loks durchstarten, 70 Prozent mehr Güter transportieren und den Marktanteil der Schiene gegenüber dem umweltschädlichen Lkw von 18 auf 25 Prozent erhöhen. Auch der gefährdete Einzelwagenverkehr soll dazu modernisiert und gestärkt werden.

Wie soll das alles finanziert werden?

Hohe Gewinne fährt die Bahn nicht ein: In den ersten vier Monaten hat sich der Umsatz um 471 Millionen auf knapp 14,6 Milliarden Euro erhöht. Der Gewinn vor Zinsen und Steuern (EBIT) sank allerdings um fast ein Viertel von 434 auf 336 Millionen Euro. Ein großer Teil der Erträge kommt weiterhin aus der vom Steuerzahler subventionierten Infrastruktursparte DB Netz.

Um an frisches Geld zu kommen, will die Bahn außerdem Konzernteile veräußern: Nach neun Jahren unter dem DB-Dach soll der europäische Bus- und Bahnbetreiber Arriva wieder verkauft werden. Ganz aus dem internationalen Geschäft zieht sich die Bahn aber nicht zurück. So will sie die internationale Logistiktochter Schenker behalten.

Neben der Ertragsschwäche machen die hohen Schulden Sorgen. Da nun auch Leasingverpflichtungen ausgewiesen werden müssen, werden in der nächsten Halbjahresbilanz nach Informationen unserer Redaktion bereits mehr als 25 Milliarden Euro Verbindlichkeiten stehen. Die DB AG war 1994 schuldenfrei gestartet, Bundes- und Reichsbahn hatten zuvor in mehr als vierzig Jahren lediglich 32 Milliarden Euro Schulden aufgehäuft.

Von RND/Thomas Wüpper und Christoph Höland

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