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Deutschland / Welt „Dies trifft den ADAC ins Mark“
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt „Dies trifft den ADAC ins Mark“
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09:15 21.01.2014
Von Stefan Winter
„Wir sind jetzt in der Bringschuld, die Reputation wiederherzustellen“: ADAC-Geschäftsführer Karl Obermair gestern auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz des Automobilclubs. Quelle: dpa
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München

Der Skandal um gefälschte Zahlen beim ADAC-Autopreis Gelber Engel hat größere Dimensionen als bisher angenommen. „Wir müssen davon ausgehen, dass auch in den vergangenen Jahren die Zahl der abgegebenen Stimmen zum Lieblingsauto nach oben korrigiert wurde“, sagte Geschäftsführer Karl Obermair auf einer am Montag in München eilig einberufenen Pressekonferenz. Obermair kündigte eine umfassende Aufklärung an. Der Automobilclub will zudem seine Strukturen reformieren und für mehr Transparenz sorgen. Weitere personelle Konsequenzen soll es zunächst nicht geben.

„Dieser Vorgang tut uns leid. Er trifft den ADAC ins Mark, weil wir als eine der vertrauenswürdigsten und seriösesten Organisationen galten, dieser Ruf ist jetzt angeschlagen“, sagte Obermair. „Wir werden das lückenlos nach innen und nach außen aufarbeiten.“ Auch wolle man externe Prüfer dazuholen. Obermair bat die rund 19 Millionen ADAC-Mitglieder um Entschuldigung. „Wir sind jetzt in der Bringschuld, die Reputation wieder herzustellen.“ Dazu gehöre auch, dass man eine neue Studie zur Pkw-Maut in Auftrag gegeben habe.

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Auch der frühere ADAC-Kommunikationschef Michael Ramstetter zeigte sich schuldbewusst: „Ich habe Scheiße gebaut und die Zahlen geschönt“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“. „Daraus ziehe ich die Konsequenzen und übernehme die Verantwortung.“ Ramstetter hatte nach Obermairs Angaben bereits am vergangenen Freitag – einen Tag nach der Verleihung des Preises Gelber Engel – ein Geständnis abgelegt, die alleinige Verantwortung übernommen und seine Posten geräumt. Der 60-Jährige war auch Chefredakteur der Zeitschrift „Motorwelt“.

In der Branche herrscht Unmut darüber, dass der ADAC trotz des bereits bestehenden Manipulationsverdachts noch die Konzernspitzen nach München holte. „Warum haben die das durchgezogen?“, fragte sich ein Automanager. Dass außer Ramstetter niemand etwas gewusst habe, sei schwer vorstellbar. In den Chefetagen schreckte man offenbar vor Absagen zurück, weil der Manipulationsverdacht zunächst nicht zu beweisen war.

Wie die Hersteller rief auch die Bundesregierung den ADAC gestern zu einer umfassenden Aufklärung auf. „Es ist jetzt Aufgabe des ADAC, hier alle Karten auf den Tisch zu legen, möglichst transparent die Vorgänge aufzuarbeiten, auch rückblickend für die Jahre zuvor“, sagte ein Sprecher des Verkehrsministeriums. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer meinte: „Am besten ist jetzt: alles auf den Tisch, Transparenz, und nach Möglichkeit eine unabhängige, objektive Prüfung.“ Die Manipulationen hätten ihn nicht überrascht, er habe sich auch über Zahlen in einer Maut-Studie des Clubs gewundert. Die CSU habe immer andere Zahlen etwa zu Einnahmen gehabt.

ADAC-Geschäftsführer Obermair hatte vor einigen Tagen die Manipulationsvorwürfe bei der Wahl noch als Unterstellungen zurückgewiesen. Der Betrug soll unentdeckt geblieben sein, weil – so zitiert die „Süddeutsche Zeitung“ den Geschäftsführer – nur Ramstetter Zugang zu allen Auszählungen gehabt habe. Nach einem Bericht der „Bild“-Zeitung ergaben erste interne Untersuchungen beim ADAC, dass zumindest 2012 und 2013 die Zahl der Stimmen künstlich erhöht wurde. (dpa/mit:rtr)

Preis-Wettbewerb

Die prestigeträchtigste Auszeichnung für Autos ist „World Car of the Year“, vergeben von einer internationalen Journalistenjury. In Deutschland bekommt das „Goldene Lenkrad“ des Springer-Konzerns die meiste Aufmerksamkeit – hier testen Prominente mit und ohne Autoverstand neue Modelle. Die größte Fachzeitschrift „auto motor und sport“ befragt ihre Leser, die offenbar motivierter sind als ADAC-Mitglieder: 112 877 Teilnehmer wurden 2013 nach Verlagsangaben gezählt. 80 Prozent davon hätten per Postkarte, der Rest online abgestimmt. Ausgezählt werde das Ergebnis von einem externen Dienstleister. Die Daten müssen transparent und belastbar sein, weil aus ihnen auch eine Imagestudie für die Autoindustrie abgeleitet wird. Wer teilnehmen will, muss sich deshalb 20 bis 30 Minuten Zeit nehmen. stw

Von Cordula Dieckmann und Stefan Winter

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