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Deutschland / Welt Streit um Daimlers Klimaanlagen eskaliert
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Streit um Daimlers Klimaanlagen eskaliert
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08:59 24.01.2014
Test mit Folgen: Mehrere Mercedes gingen in Flammen auf. Quelle: Archiv
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Hannover

Die EU-Kommission will Deutschland im Streit um Kältemittel für Auto-Klimaanlagen zur Rechenschaft ziehen. Industriekommissar Antonio Tajani kündigte ein Vertragsverletzungsverfahren gegen die Bundesregierung an, weil sie den Daimler-Konzern nicht an der Verwendung des bisher üblichen, klimaschädlicheren Kühlmittels hindert. Nach seiner Ansicht könnte Daimler am Ende gezwungen sein, rund 130 000 Autos zurückzurufen, die zwischen Januar und Juni 2013 verkauft wurden.

Laut einer EU-Richtlinie dürfen in neu auf den Markt kommenden Autos keine klimaverändernden Stoffe mehr als Kältemittel eingesetzt werden. Die Autobranche hat deshalb den Umstieg auf das von den US-Konzernen Honeywell und Dupont entwickelte R1234yf beschlossen. Im Herbst 2012 stellte Daimler bei Crashtests allerdings fest, dass dieses Mittel bei Unfällen leicht Brände auslöst und außerdem stark ätzende Flusssäure freisetzt. Seitdem tobt ein Expertenstreit über die Gefährlichkeit des neuen Mittels. Daimler hat beschlossen, R1234yf nicht einzusetzen und bleibt beim alten, laut EU-Richtlinie mittlerweile verbotenen Mittel. Das Kraftfahrtbundesamt hat den Mercedes-Modellen dennoch eine Zulassung erteilt – was es nach Überzeugung des EU-Kommissars nicht hätte tun dürfen.

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Auch andere Hersteller meiden das neue Kältemittel, wählen dafür aber einen unauffälligeren Weg: Neue Modelle wurden zu reinen Fortentwicklungen der alten erklärt, sodass keine neue Typgenehmigung nötig war. So konnte es bei der alten Typgenehmigung und damit auch beim alten Kältemittel bleiben. Das kritisiert Tajani zwar, hier fehlt ihm aber der konkrete Angriffspunkt.

Mercedes jedoch – und nach Informationen aus Branchenkreisen auch Toyota – nutzten den Trick etwas verspätet und ließen neue Typgenehmigungen nachträglich ändern: Alte Zertifikate wurden so erweitert, dass sie auch das neue Modell noch abdecken. „Dies ist ein völlig korrekter Vorgang, der auch in anderen EU-Mitgliedsstaaten praktiziert wurde“, erklärte ein Sprecher von Daimler. Das greift Tajani an.

Am Donnerstag zeigte sich der EU-Kommissar jedoch kompromissbereit. Die Einleitung eines Verfahrens sei „keine endgültige Entscheidung“. Er stehe in regelmäßigem Kontakt mit der Bundesregierung, um doch noch eine gütliche Einigung zu finden. Das Bundesverkehrsministerium teilte mit, dass noch zu viele Fragen bei der Risikobewertung des neuen Kältemittels offen seien. Daimler kündigte an, die Bundesregierung mit allen notwendigen Informationen zu unterstützen. Berlin hat zwei Monate Zeit, um auf die Vorwürfe zu reagieren. Sollte die Kommission danach nicht zufriedengestellt sein, eröffnet sie formal das Verfahren. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) kritisierte, dass die Kommission gegen Deutschland vorgehe, obwohl sie ihre eigenen Untersuchungen dazu noch nicht abgeschlossen habe.

Nach Angaben der Deutschen Umwelthilfe sind in Deutschland bisher knapp 100 000 Autos mit dem Kältemittel R1234yf unterwegs, fast alle von Importmarken. Die Hersteller arbeiten inzwischen intensiv an Klimaanlagen, die CO2 als Kältemittel nutzen. Die Serienreife will Daimler bis 2017 erreichen.