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Deutschland / Welt Strompreise steigen wegen Energiewende bis 2023
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Strompreise steigen wegen Energiewende bis 2023
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19:29 06.01.2017
Foto: Ein Kraftwerk in Mehrum: Der Ausstieg aus der Stromgewinnung durch Kohle gewinnt an Tempo.
Ein Kraftwerk in Mehrum: Der Ausstieg aus der Stromgewinnung durch Kohle gewinnt an Tempo. Quelle: dpa
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Berlin/Hannover

Die Verbraucher müssen sich auf weiter steigende Strompreise einstellen. Bereits zum Jahreswechsel haben viele Versorger ihre Tarife erhöht – doch dabei werde es vermutlich nicht bleiben, sagt die Berliner Denkfabrik Agora Energiewende voraus. Sie erwartet, dass die Strompreise für Haushalte 2017 erstmals die Marke von 30 Cent je Kilowattstunde überschreiten. Anschließend werde es weiter bergauf gehen, sagte Agora-Direktor Patrick Graichen am Freitag in Berlin: „Bleibt das System der Abgaben und Umlagen, wie es ist, so ist bis 2023 ein weiterer Anstieg der Strompreise absehbar.“ Erst danach kämen die „Erntejahre“ der Energiewende.
Im vergangenen Jahr war Energie so billig wie lange nicht mehr. Erst sanken die Weltmarktpreise für Kohle, Öl und Gas, dann purzelten die Strompreise im Großhandel an der Börse: Mit 26,60  Euro pro Megawattstunde hätten sie ein Zehn-Jahres-Tief markiert, sagte Graichen.

Wegen des Fördermechanismus für die erneuerbaren Energien sind die Stromrechnungen der Haushalte jedoch nicht gesunken: Die vor allem von den privaten Verbrauchern zu zahlende EEG-Umlage deckt die Differenz zwischen den Preisen an der Strombörse und den festen Vergütungen für die Einspeiser von Ökostrom ab – je stärker das Überangebot an erneuerbaren Energien die Preise im Großhandel senkt, desto höher steigt die EEG-Umlage. Inzwischen liegt sie bei 6,88 Cent je Kilowattstunde.

Gasmeiler galten als Verlierer

Im vergangenen Jahr hat sich der Zuwachs beim Ökostrom mit einem Plus von vier Terrawattstunden jedoch in Grenzen gehalten. Deutlich an Bedeutung gewannen hingegen Gasmeiler, deren Erzeugung sich um 16,5 Terrawattstunden erhöhte – ein Anstieg von knapp 27 Prozent. „Die Zahlen zeigen, dass Gaskraftwerke zunehmend ein Versorgungssystem managen, das durch eine wachsende Erneuerbaren-Komponente volatiler wird“, erklärte der Branchenverband BDEW.

Zwischenzeitlich galten Gasmeiler als die Verlierer der Energiewende. Obwohl sie wegen ihrer Flexibilität besonders geeignet sind, um die naturbedingten Schwankungen der Stromerzeugung aus Wind und Sonne auszugleichen, wurden sie oft von den Kohlekraftwerken aus dem Markt gedrängt, die deutlich günstiger produzieren konnten. Durch den Absturz der Gaspreise im vergangenen Jahr schrumpfte dieser Vorteil jedoch – folglich konnten die Gaskraftwerke mit ihren Vorteilen beim schnellen Hoch- und Runterfahren punkten.

Ende der Kohle zeichnet sich ab

Steinkohle- und Atommeiler haben im vergangenen Jahr besonders stark an Bedeutung verloren: Bei Ersteren sank die Stromproduktion um 7,7 Terrawattstunden – ein Minus von 6,5 Prozent –, bei Letzteren um 6,9 Terrawattstunden – ein Verlust von 7,5 Prozent. Die besonders klimaschädlichen Braunkohlekraftwerke verzeichneten einen Rückgang von 4,5 Terrawattstunden, ein Abschlag von 2,9 Prozent.
„Wenn man den Rückgang der Kohleverstromung so fortsetzen würde, würde ungefähr Anfang 2038 das letzte Kohlekraftwerk vom Netz gehen“, sagte Agora-Direktor Graichen. Auch beim Branchenverband BDEW hält man nach dem Atomausstieg den Abschied von der Kohle ebenfalls für unausweichlich – allerdings könnte sich das Ende länger hinziehen, meint Hauptgeschäftsführer Stefan Kapferer. Effiziente Kohlekraftwerke könnten bis 2050 „eine volkswirtschaftliche Option“ sein. Der Ausstieg gewinnt aber an Tempo: In diesem Jahr gehen neben dem AKW Gundremmingen auch mehrere große Kohleblöcke vom Netz.     

Von Jens Heitmann
 und Andre Stahl