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Deutschland / Welt Symrise reitet auf der Gesundheitswelle
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Symrise reitet auf der Gesundheitswelle
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20:05 23.11.2009
Von Lars Ruzic
Heinz-Jürgen Bertram Quelle: Nico Herzog
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Bloß keine künstlichen Aromen, biologisch angebaute, möglichst noch fair gehandelte Inhaltsstoffe, die bei alledem gern auch die Gesundheit fördern dürfen – die aktuellen Ernährungstrends stehen auf den ersten Blick im krassen Gegensatz zum Geschäft eines Aromen- und Duftstoffherstellers. Doch genau hier sieht der neue Chef des Holzmindener Symrise-Konzerns, Heinz-Jürgen Bertram, für sein Unternehmen die erfolgreichsten Geschäftsfelder der Zukunft. „Schon heute entwickeln wir nur noch natürliche Aromen“, sagt der 51-Jährige, der seit Juli an der Spitze des börsennotierten Konzerns sitzt.

Der Aromensparte hat Bertram deshalb jetzt ein weiteres Standbein verpasst – Konsumentengesundheit. Mehr als 50 Mitarbeiter sollen sich künftig allein darum kümmern, wie mit Ernährungszusätzen das Wohlbefinden gesteigert werden kann. Die Symrise-Stoffe sollen gut für Herz, Verdauung oder Knochen sein. „Die Fertigkeiten haben wir sowieso“, sagt Bertram, „wir müssen sie nur mit anderem Schwerpunkt nutzen.“ Als Beispiel nennt er ein Extrakt aus Blaubeeren, denen eine Zellschutz-Wirkung zugeschrieben wird. Hier könne man eben nicht nur den besten Geschmack, sondern auch die gesundheitsfördernden Bestandteile herausarbeiten.

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Für Bertram ist die Zusammenführung der Kompetenzen ein weiterer Baustein des behutsamen Konzernumbaus, den er unter die Überschrift „Evolution statt Revolution“ gesetzt hat. Schon heute seien mehr als die Hälfte aller in Europa eingesetzten Aromen natürlicher Herkunft, in fünf Jahren würden es mehr als drei Viertel sein, prognostiziert der Konzernchef. Als promovierter Chemiker, der viele Jahre beim Symrise-Vorgänger Haarmann & Reimer – dem Erfinder des künstlichen Vanilins – verbracht hat, habe auch er selbst sich umstellen müssen, räumt Bertram ein. Schließlich seien viele Aromen heute „nah am Nahrungsmittel“ und kommen eher in Pesto-Form daher.

Der Wandel kennt keine heiligen Kühe: Das künstliche Vanilin kauft Symrise inzwischen nur noch zu. „Das ist ein einfaches Produkt, das andere viel günstiger produzieren können.“ Dafür gehören den Holzmindenern heute Firmen in Madagaskar, die fair gehandelte und biologisch angebaute Vanilleschoten ernten. Und in der Zentrale kümmern sie sich vor allem um komplexe Produkte und Innovationen, die das Wachstum der Zukunft garantieren sollen.

Bertram, selbst in der Nähe von Holzminden geboren, hat gleich nach seinem Amtsantritt den Konzernsitz gestärkt. Zentralfunktionen wie etwa Teile des Finanzwesens, die sein Vorgänger Gerold Linzbach nach Frankfurt ausgelagert hatte, wurden zurückgeholt, Produktion aus der Schweiz ins Weserbergland verlagert. „Der Standort ist in den vergangenen Jahren viel wettbewerbsfähiger geworden“, lobt der Manager. Dafür haben die Beschäftigten eine Vielzahl von Opfern gebracht – angefangen bei der Arbeitszeitverlängerung auf 40 Stunden ohne Lohnausgleich bis hin zum Verzicht auf Entgeltsteigerungen.

Die Vereinbarung hat der Konzern gemeinsam mit der IG BCE jüngst verlängert – einschließlich einer Arbeitsplatzgarantie bis 2014. „Das bieten heute nur wenige“, meint Bertram. Nach der durch Finanzinvestoren erzwungenen Fusion der Holzmindener Nachbarn Haarmann & Reimer und Dragoco vor sieben Jahren, diversen Personalabbau- und Ausgliederungsrunden, hat sich für die Belegschaft die Situation deutlich entspannt. Ohnehin könne man den Zusammenschluss, der einst durch gewaltige kulturelle Unterschiede erschwert wurde, inzwischen als gelungen bezeichnen, so Haarmann & Reimer-Gewächs Bertram. Die Mitarbeiterzahl in Holzminden sei mit mehr als 2000 mittlerweile wieder so hoch wie vor der Fusion.

Eine so weitgehende Jobgarantie fällt einem Zulieferer der Nahrungsmittel- und Schönheitsindustrie freilich leichter als Firmen, die Auto- oder Maschinenbauer beliefern. Das Symrise-Geschäft gilt als wenig krisenanfällig und nur geringfügig schwankend. Das belegen die ersten neun Monate 2009, in denen Symrise den Umsatz bei gut einer Milliarde auf dem Niveau des Vorjahreszeitraums halten konnte und das operative Ergebnis um vergleichsweise geringe 17 Prozent auf 131 Millionen Euro zurückging. Im dritten Quartal waren beide Werte wieder auf Wachstumskurs. „Der Lagerabbau bei unseren Kunden ist beendet“, erläutert Bertram. Für das nächste Jahr sei er deshalb „verhalten zuversichtlich“. Die Börsianer reagierten euphorischer: Nach der Bekanntgabe der Neunmonatszahlen schnellte die im Mittelwertindex M-Dax notierte Aktie um 10 Prozent in die Höhe.

Wie seine Vorgänger will auch Betram schneller wachsen als der Markt. In den vergangenen Jahren habe man den globalen Marktanteil auf jetzt 12 Prozent ausbauen können. Als Hauptvorteil sieht er dabei, dass Symrise neben Aromen und Duftstoffen für Parfums auch Nahrungsergänzungs- und Hautpflegemittel im Angebot und damit eine Alleinstellung hat. Den ungeliebten vierten Platz in der Weltrangliste will er damit schnellstens loswerden. „Das bedeutet ja noch nicht mal eine Bronze-Medaille.“