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Deutschland / Welt Szenen einer Auto-Ehe
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06:16 08.07.2012
Von Stefan Winter
„Das ist gut für Volkswagen, für Porsche und für den ganzen Industriestandort Deutschland“ – VW-Chef Martin Winterkorn zur Fusion. Quelle: dpa
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Hannover

Um ein Unternehmen in Wolfsburg mit einem in Stuttgart zusammenzubringen, fliegt man am besten nach Salzburg. Das Bürohaus an der Salzach ist schlicht, ebenso wie das Türschild: „Volkswagen AG“. Hier residiert der Aufsichtsratsvorsitzende Ferdinand Piëch, und hier brachte ein halbes Dutzend Männer am Mittwochabend eine fast siebenjährige Irrfahrt zu Ende: Porsche gehört jetzt zu VW – und natürlich andersrum. „Es wurde ein kleines Stück deutsche Industriegeschichte geschrieben“, sagte Ministerpräsident David McAllister, der für den Großaktionär Niedersachsen im Aufsichtsrat sitzt.

Aus dem Geschäftspartner werde nun endlich ein Mitglied der Konzernfamilie, sagte Martin Winterkorn am nächsten Vormittag in Wolfsburg. Neben ihm stand Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch und sagte, was sein Chef wohl dachte: „Endlich geschafft.“ Am Abend in Salzburg, als die beiden Manager dem vierköpfigen Aufsichtsratsausschuss „Integrierter Automobilkonzern“ ihren Plan vorgestellt hatten, war einigen noch einmal die Vorgeschichte in den Sinn gekommen. „Wer hätte das vor vier Jahren gedacht?“, fragte hinterher ein Beteiligter.

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Kooperationen zwischen Porsche und Volkswagen haben eine lange Tradition. Die Modelle im Überblick.

So hatte sich das tatsächlich niemand gedacht, und trotzdem sind jetzt alle zufrieden. Denn für jeden hätte das große VW-Porsche-Abenteuer böse ausgehen können. Vor vier Jahren stand VW davor, seine Selbstständigkeit zu verlieren, Porsche griff nach der Alleinherrschaft in Wolfsburg – vor allem nach dem Kassenschlüssel. Dank VW-Gesetz blieb das erfolglos, doch glücklich machte das in Niedersachsen auch niemanden, denn ohne die VW-Kasse stand Porsche ein paar Monate später vor der Pleite. Millionen VW-Aktien lagen als Sicherheit bei diversen Banken und warteten darauf, in unbekannte Richtung verscherbelt zu werden.

Das Szenario kennt man aus der Bankenwelt, „too big to fail“ heißt es dort: Man bewahrt jemand zähneknirschend vor den Folgen seiner Zockerei, weil ein Scheitern noch viel schlimmer wäre. So bekam das klamme Familienunternehmen Porsche in höchster Not einen Überbrückungskredit des Landes Niedersachsen, und VW kaufte dem eigenen Großaktionär schöne Unternehmen ab, damit der seine Schulden begleichen konnte.

Dank des jetzt beschlossenen letzten Aktes verschwinden nicht nur die letzten Schulden der Porsche SE, es werden sogar rund zwei Milliarden Euro in der Kasse bleiben. Mit dem Geld sollen weitere Beteiligungen rund ums Automobilgeschäft gekauft werden.

So stimmt am Ende beides: VW kauft Porsche und Porsche hat VW gekauft. Am Mittwoch wurde beschlossen, dass der Wolfsburger Konzern in einigen Wochen den Autobauer Porsche AG komplett übernehmen wird – einerseits. Andererseits: Die Mehrheit der stimmberechtigten VW-Aktien gehört unverändert der weiter von den Familien Porsche und Piëch kontrollierten Beteiligungsgesellschaft Porsche SE. Dass es zwischendurch einmal anders gedacht war und die Familien im Zuge einer kompletten Verschmelzung ihre Mehrheit verlieren sollten, mochte gestern niemand mehr aufarbeiten.

Es habe nur ein Ziel gegeben, betonte Pötsch ein ums andere Mal: Man habe nach dem Ende des Übernahmekampfes einen integrierten Automobilkonzern schaffen wollen, und das sei „voll und ganz erreicht“. Die Verschmelzung wurde vor Monaten abgeblasen, weil sich die Porsche SE mit Schadensersatzforderungen in Milliardenhöhe herumschlägt. Damit will VW nichts zu tun haben, deshalb hatte Pötsch von Anfang an „Plan B“ im Gepäck: Nur der Autobauer Porsche AG wechselt den Besitzer. Für die reibungslose Organisation bedachte Winterkorn seinen Finanzmann gestern mit einem schlichten „sensationell“.

Nur die Betriebsräte beider Seiten gönnten sich gestern noch kleine Reminiszenzen an die bewegten Monate. Porsche behalte im VW-Konzern eine besondere Rolle, betonte der Stuttgarter Betriebsratschef Uwe Hück in einer Erklärung, die sechs Mal das Wort „Eigenständigkeit“ enthielt. Tatsächlich hat es Hück geschafft, einen eigenen, mitbestimmten  Aufsichtsrat für die neue Konzerntochter zu erhalten.

Sein VW-Kollege Bernd Osterloh berichtete von „intensiven Gesprächen mit den Familien Piëch und Porsche zur künftigen Rolle der Familien bei Volkswagen“. Sie hätten sich nicht nur zu langfristigem Engagement bei VW, sondern auch „zum Konzernsitz Wolfsburg, dem Aktionär Niedersachsen und zum VW-Gesetz bekannt“. An allen drei Punkten hatte Stuttgart im Übernahmekampf angegriffen. Doch die Aufbruchstimmung mochten auch die beiden Gewerkschafter nicht mehr trüben. „Riesige Vorteile“ bringe der Gesamtkonzern, sagte Hück, Osterloh begrüßte die Kollegen in der „Volkswagen-Familie“.

Kaum hatte Winterkorn seine einstündige Pressekonferenz in Wolfsburg absolviert, jettete er gestern nach Stuttgart, um die neuen „Familienmitglieder“ in einer Betriebsversammlung zu begrüßen. Längst ist er in Gedanken bei den Projekten, die VW und Porsche jetzt viel leichter anschieben können. „Wir haben da eine Menge Phantasie“, sagte er gestern nur und lächelte wissend. Die Zahlen- und Paragrafenwühlerei hat der Automann weitgehend Pötsch überlassen, Winterkorn plante für die Zeit danach.

Ein kleiner Porsche-Geländewagen namens „Macan“, der sich viel Technik mit VW- und Audi-Modellen teilen wird, ist schon beschlossen. Von einem neuen Spitzenmodell ist die Rede, vielleicht ein kleiner Panamera, man könnte ... Es soll jetzt endlich losgehen, angeblich warten 700 Millionen Euro Synergien – sowohl Kostensenkungen als auch zusätzliches Geschäft – darauf, gehoben zu werden.

Unter anderem die Arbeit am „Macan“ hat die Wolfsburger allerdings davon überzeugt, dass diese Ziele in der alten Struktur nicht zu erreichen sind. Die Porsche AG als bloße Beteiligung, die formal wie ein fremdes Unternehmen zu behandeln ist, das habe zu aberwitziger Bürokratie geführt, heißt es im Konzern: Jede Zusammenarbeit zwischen VW und Porsche musste durch besondere Ausschüsse genehmigt werden, wurde von Juristen geprüft, brauchte formvollendete Ausschreibungen und Angebote. Ist Porsche Konzerntochter, wird das einfacher.

Bis 2014, wie eigentlich gedacht, wollte nach den ersten praktischen Erfahrungen niemand mehr warten, also machten sich in beiden Unternehmen und bei diversen Beratern die Experten auf die Suche nach Beschleunigungsmöglichkeiten. Das Jahr 2014 hatte man ausgesucht, weil der Deal dann in jedem Fall steuerfrei wäre. Nun sollte ein früherer Weg gefunden werden. In diversen Nachtschichten seien Pötsch und seine Leute in den vergangenen Monaten „an die Grenze dessen gegangen, was man leisten kann“, erzählt ein Beobachter.

Entsprechend genervt rechnet der Finanzvorstand mittlerweile vor, dass dem Staat keine Steuern entgingen, im Gegenteil: VW sei ein verlässlicher Steuerzahler, der Fiskus verdiene an der gewählten Lösung. In Wolfsburg spürt man, dass Erfolg und Größe nicht automatisch sympathisch machen. Nicht nur groß, sondern „groß und gut“ will man sein. Da ist die Steuerdiskussion der einzige stumpfe Fleck im Hochglanzbild dieser Tage.

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