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Deutschland / Welt „Tarifverhandlungen mit eigener Dramaturgie“
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt „Tarifverhandlungen mit eigener Dramaturgie“
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22:26 05.05.2012
Die IG Metall fordert mehr Lohn. Quelle: dpa (Symbolbild)
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Tübingen

Tarifverhandlungen wie derzeit in der Metallindustrie haben nach Ansicht des Tübinger Experten Reinhard Bahnmüller ihre eigene notwendige Dramaturgie. „Tarifverhandlungen zwischen Gewerkschaft und Arbeitgebern haben eine innere Logik, sie gehorchen innerorganisatorischen Bedürfnissen“, erläuterte der Industriesoziologe der Universität Tübingen in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. „Von überkommenen Ritualen kann keine Rede sein, weil die einzelnen Schritte und Eskalationsstufen einen Abschluss erst ermöglichen.“

Der erste Akt einer Tarifbewegung bestehe im Aufstellen der Forderung durch die Gewerkschaft. „Dabei muss die Spitze der Gewerkschaft darauf achten, dass die Mitgliedschaft sich mit den Zielen identifizieren und im Streitfall mobilisiert werden kann.“ Deshalb werde die Forderung auch erst nach Monaten der Diskussion an der Basis und bei Delegiertentreffen aufgestellt. Auch auf Arbeitgeberseite kommt das Finden eines Entgelt-Angebotes nach Bahnmüllers Einschätzung einer „Zerreißprobe“ gleich. „Die Interessenslage im Verband kann zwischen kleinen und großen Unternehmen sehr unterschiedlich sein, außerdem stehen sie in wirtschaftlicher Konkurrenz zueinander.“

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Im zweiten Akt treffen sich die Tarifvertragsparteien zu Verhandlungen: „Auch wenn die Positionen von Anfang an klar sind, werden häufig mehrere Runden ohne Annäherung gedreht, denn jede Seite muss nach innen signalisieren: Wir haben das Maximale versucht, die Grenzen ausgetestet.“ Auf diese Weise versuchten die Verhandlungsführer, ihr Gesicht zu wahren: „Sie sind immer potenzielle Verräter, Grenzgänger, denn sie müssen die Forderungen ihrer Organisation ebenso vertreten wie einen späteren Kompromiss.“ Um das Risiko zu vermindern, wegen einer Einigung mit der Gegenseite „geköpft zu werden“, stimmten diese Spitzenfunktionäre ihr Vorgehen während der Verhandlungen immer wieder mit Gremien und Kommissionen im Hintergrund ab.

Auch den dritten Akt des Dramas, die derzeit laufende Warnstreikwelle der IG Metall, hält Bahnmüller für unverzichtbar. „Das ist eine Vorwarnung, ein Muskelspiel, damit es nicht zu einem großen Streik kommt.“ Zugleich lasse die IG Metall ihre Truppen für eine weitere mögliche Zuspitzung sich warmlaufen. Warnstreiks dienten beiden Seiten als Barometer für die Stimmung in den Betrieben. „Entweder findet man jetzt in einem letzten Akt am Verhandlungstisch zueinander oder die Streikmaschinerie läuft an“, sagte der Experte vom Forschungsinstitut für Arbeit Technik und Kultur.

Im Südwesten, einem Schwerpunkt der Warnstreiks der IG Metall, wird am kommenden Dienstag in Sindelfingen in der vierten Runde weiterverhandelt. Ein weiterer Termin im traditionellen Pilotbezirk ebenfalls in Sindelfingen ist für den 15. Mai angesetzt. 

jhf/dpa

Albrecht Scheuermann 03.05.2012