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Deutschland / Welt Vorstandschef Utz Claassen im Interview
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Vorstandschef Utz Claassen im Interview
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22:41 25.06.2010
Utz Claassen Quelle: Rainer Surrey
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Herr Claassen, was ist ein Raffke?
Jemand, der gierig ist.

Sind Sie gierig?
Nein, keineswegs.

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Nach Ihrem Abschied als EnBW-Chef haben Sie auf die Zahlung einer Rente von knapp 400 000 Euro geklagt, jetzt sind Sie nach nur 74 Tagen an der Spitze von Solar Millennium zurückgetreten und wollen Ihre Antrittsprämie von angeblich 10 Millionen Euro behalten...
…das habe ich nie gesagt, und es stimmt so auch gleich in mehrerlei Hinsicht nicht. In dem Rechtsstreit, den ich mit Solar Millennium führe, geht es nicht um die sogenannte Antrittsprämie. Zudem hat mich überhaupt noch niemand von Solar Millennium gefragt oder gar aufgefordert, das Geld zurückzuzahlen: Ein konkretes Rückforderungsersuchen oder gar eine Zahlungsaufforderung des Unternehmens liegen mir weder schriftlich noch mündlich vor, geschweige denn sachlich oder juristisch begründet. Schließlich ist auch noch die über die Presse gestreute Zahl falsch. Und bei EnBW ging es im Übrigen letztlich um nichts anderes als die Frage, ob Verträge in unserem Land einzuhalten sind.

Und deshalb sind Sie nicht gierig?
Gier ist doch keine Frage von Vertragstreue, Gehaltshöhe oder Marktwert. Gier ist für mich eine Frage des Entscheidungsverhaltens. Gierig ist jemand, der um des eigenen finanziellen Vorteils willen sachwidrige Entscheidungen zulasten Dritter trifft. Das habe ich in meinem Leben noch nie getan.

Normalverdiener würden Gier wohl anders definieren...
Das mag sein. Aber wir leben in einer Marktwirtschaft, und es kann sich wohl schlecht jemand für seinen Marktwert entschuldigen. Im Übrigen stand es sowohl dem Aufsichtsrat von EnBW als auch dem von Solar Millennium frei, mir die jeweiligen Vertragsangebote zu machen. Beide Male sollte ich aus anderen lukrativen Engagements abgeworben werden – bei Solar Millennium sogar mit einer Frist von nur etwa zwei Wochen. Es ist angemessen und üblich, dass man dann auch einen Ersatz für an anderer Stelle entgangene oder zu erwartende Einkünfte erhält. Insofern ist der in der Presse pauschal verwendete Begriff Antrittsprämie ohnehin irreführend.

Hätten Sie als Aufsichtsrat von Solar Millennium Ihren Vertrag unterschrieben?
Die Frage hat sich so nicht gestellt. Der Aufsichtsrat, in dem auch ein Juraprofessor vertreten ist, der einen Lehrstuhl unter anderem für Handelsrecht, Wirtschaftsrecht und Steuerrecht innehat, hat sicherlich genau geplant und gewusst, was er tat und was er wollte. Nach dem Vorstandsvergütungsgesetz ist er zu einer Prüfung der Angemessenheit der Bezüge verpflichtet, und ich bin sicher, dass er diese auch sorgfältig wahrgenommen hat.

Hat es Sie nicht überrascht, dass ein kleines Unternehmen, dessen Gewinn zuletzt nur minimal unter Ihrem Spitzenverdienst zu EnBW-Zeiten lag, einen so gut dotierten Vertrag anbietet?
Nein, damals nicht. Insbesondere deshalb, weil ich von dem ungeheuren Potenzial der solarthermischen Stromerzeugung überzeugt war und bin. Ich habe nie zuvor eine Aufgabe mit mehr Begeisterung und Enthusiasmus in Angriff genommen.

Wie kommt ein Mittelständler wie Solar Millennium an einen Manager wie Sie?
Man ist über zwei große Banken auf mich zugekommen.

Ihr abruptes Ausscheiden hat Ihr Anwalt unter anderem damit begründet, dass Sie sich „über die wirtschaftliche Lage der Gesellschaft, über ihre Entwicklungsperspektiven und über ihre technologische Position grob getäuscht“ fühlen. Seit wann war das der Fall?
Nach meinem Amtsantritt im Januar.

Worüber genau fühlen Sie sich getäuscht?
Das ist Gegenstand der vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth anhängigen Feststellungsklage.

Wie kann es sein, dass sich ein gestandener Manager hinters Licht führen lässt? Haben Sie über Solar Millennium vor Vertragsunterschrift keine Erkundigungen eingezogen?
Ich habe mir die öffentlich zugänglichen Informationen beschafft und erhielt einen Business-Plan ausgehändigt, der sogar elementarer Bestandteil meines Dienstvertrages wurde und dessen Seriosität der Aufsichtsrat schriftlich versicherte.

Und dem war nicht so?
Es stellte sich leider heraus, dass der mir ausgehändigte Business-Plan, wie auch immer man ihn bewerten mag, nicht der tatsächlichen offiziellen Planung des Unternehmens entsprach. Drei Tage nach Abschluss meines Dienstvertrages und 14 Tage vor meinem Dienstantritt wurde ein signifikant abweichender Business-Plan vom Aufsichtsrat verabschiedet.

Wann haben Sie das bemerkt?
Nach meinem Amtsantritt im Januar.

Was sollte den Aufsichtsrat zu einem solchen Verhalten veranlasst haben?
Das weiß ich nicht, ich will auch nicht spekulieren. Aber allein schon die Tatsache, dass ein Aufsichtsrat innerhalb von drei Tagen für verschiedene Zwecke mit deutlich unterschiedlichen Datensätzen arbeitet, ist vollkommen inakzeptabel, eigentlich sogar unfassbar.

Sie haben Ihr Amt erstmals am 10. Februar niedergelegt, um dann einen Tag später vom Rücktritt wieder zurückzutreten. Das wirkt – mit Verlaub – auch nicht gerade professionell...
Ich habe das im Sinne des Unternehmens, der Mitarbeiter und der Aktionäre getan. Der Aufsichtsrat war geschlossen nach Hannover gereist und hat mich in einem mehrstündigen Gespräch nachdrücklich gebeten, meine Arbeit fortzusetzen – unbeschadet der von mir ausgesprochenen fristlosen Kündigung, die eingehend schriftlich begründet war. Zudem hat er mir das Recht eingeräumt, innerhalb einer Überlegungsfrist von sechs Monaten mein Amt jederzeit niederzulegen und das Dienstverhältnis zum gleichen Zeitpunkt zu kündigen.

Warum haben Sie davon schon nach nur vier Wochen Gebrauch gemacht?
Weil es mir nach sorgfältiger Abwägung richtig und angemessen erschien, nicht länger im Amt zu bleiben.

Was ist denn vorgefallen?
Die Gründe im Einzelnen sind ausführlich in der dem Landgericht Nürnberg-Fürth vorliegenden Klage aufgeführt, die ja noch öffentlich zu verhandeln sein wird.

Warum klagen Sie eigentlich, wenn Sie doch das Recht hatten, jederzeit zu gehen?
Ich habe in der Tat das mir am 11. Februar 2010 vom Aufsichtsrat eingeräumte Recht zur Amtsniederlegung und Kündigung in Anspruch genommen. Das Unternehmen hat ja auch am 15. März öffentlich verkündet, dass es meine Entscheidung respektiere. Umso weniger verstehe ich, warum der Aufsichtsrat dann vier Wochen später meine Kündi­gung plötzlich für unwirksam zu erklären versucht und seinerseits eine aus meiner Sicht völlig unbegründete Kündigung ausspricht. Dies machte die Feststellungsklage erforderlich – man braucht schließlich Rechtssicherheit.

Geht es nicht auch darum, ob Sie Ihre üppige Antrittsprämie behalten dürfen?
Es geht in der Feststellungsklage weder um Rückforderungs- noch um Abfindungsansprüche. Der Aufsichtsrat hat in der Vereinbarung vom 11. Februar 2010 zudem auf etwaige entsprechende Rückforderungsansprüche ausdrücklich verzichtet. Nochmals: Ich habe mit meiner Amtsniederlegung und Kündigung ein mir vom Aufsichtsrat ausdrücklich eingeräumtes Recht wahrgenommen. Insofern verstehe ich die ganze Aufregung nicht.

Wollen Sie allen Ernstes sagen, es gehe Ihnen nicht um Geld?
Geld hat für mich weder für meinen Amtsantritt noch bei meiner Amtsniederlegung eine vorrangige Rolle gespielt, im Gegenteil: Ich habe nicht Geld über Moral gestellt, sondern Moral über Geld. Sonst hätte ich doch einen von der Presse als „Wohlfühlvertrag“ titulierten Dienstvertrag mit Solar Millennium nicht von mir aus gekündigt.

Ist es nicht lukrativ, ein Unternehmen mit einigen Millionen Euro zu verlassen?
Den Vertrag zu erfüllen, wäre wesentlich lukrativer gewesen.

Warum hat dann Solar Millennium nach Ihrem Ausscheiden eine Gewinnwarnung herausgegeben?
Das weiß ich nicht, und ich verstehe es auch nicht. Wäre ich geblieben, wären schließlich höhere und nicht niedrigere Personalkosten angefallen.

Wie schätzen Sie denn die Perspektiven von Solar Millennium ein?
Die solarthermische Stromerzeugung ist einer der spannendsten Wachstumsmärkte überhaupt. Das Unternehmen hat ein ganz tolles Team, das sehr motiviert ist. Diesem Team wünsche ich von ganzem Herzen eine gute Entwicklung.

Vorstand und Aufsichtsrat haben Sie jetzt nicht erwähnt ...
Die Vorstandskollegen waren zu mir stets besonders konstruktiv und nett, ich habe mich in ihrem Kreise sehr wohl gefühlt.

Und der Aufsichtsrat?
Ich bin über einige Entwicklungen, die ich vor und auch nach meinem Ausscheiden erlebt habe, sehr überrascht. Aber das ist kein Thema für ein Zeitungsinterview, sondern für die anstehende Gerichtsverhandlung – sofern es nicht vorher zu einer Einigung kommt. Auf sachlicher Basis kann man mit mir immer reden.

Interview: Jens Heitmann