Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Deutschland / Welt Was die Fusion von Deutscher Bank und Commerzbank bedeutet
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Was die Fusion von Deutscher Bank und Commerzbank bedeutet
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:44 18.03.2019
Die beiden größten Privatbanken Deutschlands nehmen Gespräche über einen eventuellen Zusammenschluss auf. Quelle: dpa
Frankfurt

Warum wollen die beiden Banken gerade jetzt zusammengehen?

Beide Institute kämpfen mit den Umwälzungen im Bankenmarkt und auch mit hausgemachten Problemen. Die Commerzbank hatte kurz vor der Finanzkrise die Dresdner Bank gekauft und konnte in den anschließenden Turbulenzen nur durch den Einstieg des Staates gerettet werden. Die Deutsche Bank verdankte ihre Gewinne vor der Finanzkrise vor allem dem Investment-Banking, das danach schärfer reguliert wurde und deutlich schrumpfte. Zudem hinterließ es Milliardenstrafen.

Immer noch sind beide Institute ertragsschwach, sodass mehrere Beteiligte zunehmend nervös werden: Die Bewertung an der Börse ist extrem niedrig, Großaktionäre wie das Emirat Katar bei der Deutschen Bank oder der bei beiden Konzernen beteiligte US-Fonds Cerberus warten auf Kurssteigerung. Gleichzeitig fürchtet die Bundesregierung, dass die Institute zu Übernahmeopfern werden oder in der nächsten Krise in Schieflage geraten könnten. Die deutsche Industrie brauche eine weltweit agierende Großbank, heißt es.

Was spricht für die Fusion und was dagegen?

Größe ist im Geldgeschäft einiges wert. Die Kosten für das Filialnetz und die extrem wichtige Informationstechnik können dann auf mehr Kunden verteilt werden. Auch bei der Refinanzierung, also der Geldbeschaffung am Kapitalmarkt, könnten beide Institute gemeinsam Vorteile haben, heißt es in einer Studie der Investmentbank Goldman Sachs, die – „sofern erfolgreich durchgeführt“ – auch eine höhere Eigenkapitalrendite erwartet.

Die Durchführung ist allerdings auch der größte Haken: Die Fusion wird beide Banken jahrelang beschäftigen, während sich ihr Geschäft gerade sehr schnell verändert. Zudem sind hohe Investitionen nötig, bevor die Einsparungen greifen können. Einige individuelle Baustellen hat jedes Haus danach immer noch.

Wie sind die Reaktionen?

Gerüchte um eine Fusion gibt es schon seit Monaten, und die meisten Experten haben sich im Vorfeld skeptisch geäußert. Ein Zusammengehen löse kaum Probleme und bringe nur dann Kostenvorteile, wenn radikal Stellen abgebaut würden, hieß es. Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) soll hinter den Kulissen zur Fusion gedrängt haben, hielt sich am Montag aber zurück: Es handele sich um Privatunternehmen, „sie treffen ihre eigenen Entscheidungen“. Das Wirtschaftsforum seiner Partei begrüßte den Plan. „Die deutsche Wirtschaft braucht ein global operierendes Bankhaus, das in der Topliga der international führenden Banken mitspielt“, sagte Präsidiumsmitglied Harald Christ.

Die Gewerkschaft Verdi sieht jedoch Zehntausende Arbeitsplätze in Gefahr. „Dass da einfach zugeguckt wird, davon kann niemand ernsthaft ausgehen“, sagte Verdi-Chef Frank Bsirske. Kanzleramtsminister Helge Braun bezeichnete die Arbeitsplätze als „sehr, sehr relevanten Punkt“. Der Industrieverband BDI reagiert vorsichtig: „Nur wenn das Zusammengehen eine stärkere Institution schafft, ist es zielführend.“ Die Monopolkommission warnte davor, dass die neu entstehende Bank ein Systemrisiko sein könnte. An der Börse stiegen die beiden Aktien um mehrere Prozent.

Wie viele Stellen können wegfallen?

Die Schätzungen gehen weit auseinander. Verdi-Chef Bsirske sagte am Montag, es stünden bis zu 30 000 Arbeitsplätze „im Feuer “. Klaus Nieding vom Aktionärsverein DSW spricht sogar davon, dass bis zu 50 000 Arbeitsplätze wegfallen könnten. Bei all diesen Kalkulationen spielt eine entscheidende Rolle, wie die Überschneidungen in den geschäftlichen Aktivitäten beurteilt werden. Zusammengerechnet haben beide Institute derzeit rund 130 000 Beschäftigte. Offensichtlich ist, dass eine große Zahl von Filialen hierzulande dicht gemacht würde. Hinzu kommt, dass durch die Digitalisierung zahlreiche Dienstleistungen ins Internet verlagert werden können.

Auch in der Verwaltung dürfte es einen massiven Jobabbau geben. Die Banken unterhalten riesige Verwaltungsapparate, auch weil Aufsicht und Regulierung massiv ausgebaut wurden. Durch die Zusammenlegung dieser Abteilungen würden zahlreiche Stellen wegfallen, insbesondere in Frankfurt. Gleiches gilt für das Wertpapiergeschäft.

Was bedeutet das für die Filialen in der Region Hannover?

Eine Fusion zwischen der Deutschen Bank und der Commerzbank hätte voraussichtlich auch Auswirkungen auf die Angestellten in der Region Hannover. Die Commerzbank betreibt hier nach eigenen Angaben 14 Filialen und beschäftigt hier insgesamt 250 Mitarbeiter.

Die Deutsche Bank hat in Hannover 170 Mitarbeiter und sieben Filialen – diese Angaben beziehen sich allerdings nur auf das Stadtgebiet, nicht auf die Region.

Beide Banken investieren zudem in ihre hannoverschen Filialen: Die Deutsche Bank baut ihr Haus am Georgsplatz aufwendig um, die Commerzbank will bald ihren Standort in Linden modernisieren.

Was bedeutet das für die Kunden?

Filialen würden sicher zusammengelegt, sodass die Wege hier und da länger werden und sich Ansprechpartner ändern könnten. Schwer abzuschätzen ist das wegen der Postbank, die zur Deutschen Bank gehört, mit ihren Filialen aber oft in Zweigstellen der Deutschen Post untergebracht ist. Die Konditionen würden sich wohl trotz der Konzentration im Markt nicht verschlechtern, denn gerade bei Privatkunden gibt es mit Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken sowie Online-Anbietern weiter starke Konkurrenz.

Anders kann das bei den Firmenkunden aussehen, die meist auf zwei Finanzpartner Wert legen, um nicht von einem abhängig zu sein. Sitzen Deutsche Bank und Commerzbank unter einem Dach, dürften sich viele Unternehmen noch ein konkurrierendes Institut ins Haus holen.

Welche Rolle spielt der Staat bei diesem Plan?

Der Staat ist mit 15 Prozent an der Commerzbank beteiligt. Gleichzeitig ist die Deutsche Bank so bedeutsam, dass auch hier nichts Grundlegendes ohne Rücksprache mit der Bundesregierung geschieht. Vermutlich würde der Staat seine Beteiligung in einem neuen Institut behalten, es wären dann wohl rund fünf Prozent. Ein Verkauf brächte im Moment hohen Verlust und würde zudem an den Kapitalmärkten als Misstrauensvotum gegen die fusionierte Bank verstanden.

Was passiert, wenn die Fusion scheitert?

Einfach wieder zur bisherigen Strategie des Alleingangs zurückzukehren, wäre dann wenig überzeugend. Der Druck des Kapitalmarkts auf die Institute, eine zukunftsträchtige Lösung zu finden, würde steigen. Dann könnten über kurz oder lang doch Übernahmen durch ausländische Institute zur Debatte stehen.

Von RND/fw/stw