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Deutschland / Welt Prokon meldet Insolvenz an
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Prokon meldet Insolvenz an
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00:15 25.01.2014
Der in Schieflage geratene Windanlagen-Finanzierer Prokon hat Insolvenz beim Amtsgericht Itzehoe angemeldet. Quelle: dpa
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Itzenhoe/Hamburg

Über das Prokon-Vermögen könne nun nur noch mit Zustimmung Penzlins verfügt werden. Gut 75.000 Anleger hatten dem Unternehmen über Genussrechte rund 1,4 Milliarden Euro anvertraut. Sie müssen um ihr Geld bangen.

Prokon beschäftigt rund 1300 Mitarbeiter. Der Geschäftsbetrieb werde ohne Einschränkungen fortgeführt, teilte Penzlin mit. Die bisherigen Ansprechpartner stünden Lieferanten und Kunden bei Prokon weiter zur Verfügung. Für die Beschäftigten werde eine Insolvenzgeldvorfinanzierung vorbereitet. Dadurch könnten Löhne und Gehälter bis einschließlich April 2014 über Insolvenzgeld vorfinanziert werden. Penzlin betonte, dass Rückzahlungen von Genussscheinkapital oder Zinsen derzeit nicht möglich seien. Forderungen könnten erst angemeldet werden, wenn das Insolvenzverfahren später eröffnet werden sollte.

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Anlegerschützer erwarten ein kompliziertes Verfahren. „Die Tatsache, dass die rund 1,4 Milliarden Euro, die das Unternehmen bei Anlegern eingesammelt hat, als Genussscheine mit teilweise recht unterschiedlichen Bedingungen ausgestaltet sind, macht den Prokon-Fall nicht nur einzigartig, sondern auch juristisch äußerst komplex“, teilte die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) mit. Ursprung der Insolvenz sei die handwerklich fehlerhafte Kombination von langfristigen Projekten, die das Kapital 10 bis 20 Jahre binden, mit der Finanzierung durch kurzfristig kündbares Genussscheinkapital. „Klar ist aber auch, dass nicht die Anleger an der Misere Schuld sind. Diesen Schuh muss sich schon das Prokon-Management anziehen“, sagte DSW-Chef Marc Tüngler.

Prokon gab sich trotz Insolvenzanmeldung optimistisch. Das bedeute keineswegs das Aus. Das Geschäftsmodell solle angepasst werden. „Wir sind nach wie vor operativ gut aufgestellt und sind zuversichtlich, dass wir die aktuellen Schwierigkeiten überstehen werden.“ Gemeinsam mit dem vorläufigen Insolvenzverwalter und im Dialog mit den Anlegern „werden wir alles daransetzen, die Zukunftsfähigkeit von Prokon zu sichern“. Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Reinhard Meyer (SPD) sagte, diese Insolvenz sei bedauerlich. „Aber sie bietet auch eine Chance. Wir haben als Land das Interesse, dass die produzierenden Teile fortgeführt werden.“ Es werde noch in dieser Woche Gespräche mit allen Akteuren am Standort Itzehoe geben.

Mit dem Insolvenzantrag hat Prokon den Kampf um die notwendige Gunst seiner 75 000 Kapitalanleger verloren. Das Unternehmen hatte am 10. Januar auf seiner Homepage seine Anleger dazu aufgerufen, ihr Geld vorerst nicht aus der insolvenzbedrohten Firma zu ziehen und Kapitalkündigungen zurückzunehmen. Anderenfalls drohe eine Planinsolvenz. Kürzlich hatte Prokon mitgeteilt, dass 227 Millionen Euro von 1,4 Milliarden Euro an Genusskapital gekündigt worden seien. Um eine Insolvenz zu verhindern, hätten laut Prokon 95 Prozent des Kapitals vorerst in der Firma bleiben müssen. Rein rechnerisch wären also maximal 70 Millionen Euro Kündigungen des Genussrechtskapitals verkraftbar gewesen. Allen Prokon-Anlegern mit Genussrechten droht theoretisch ein Totalverlust ihres Kapitals, da ihre Forderungen nachrangig behandelt werden.

dpa

Hannoversche Freunde sind ratlos

Wenn Unternehmen Insolvenz anmelden, reagieren die Gläubiger oft wütend. Nicht so bei dem Windkraftpionier aus Itzehoe – hier outen sie sich als „Freunde von Prokon“. Bis gestern Abend hatten sich 5323 von ihnen auf einer Internetseite zusammengefunden, die auch nach der Pleite zu „ihrer“ Firma stehen wollen. Und nicht nur das – sie werden auch vor Ort aktiv.

In Hannover hatte die ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Monika Ganseforth am Mittwoch zu einem ersten Treffen eingeladen – für 19 Uhr, da war die Nachricht von der Insolvenz gerade eine Stunde alt. Als Ort hatte man das Prokon-Büro gegenüber vom Niedersächsischen Landtag gewählt. Nach Angaben von Teilnehmern waren etwa zwei Dutzend Genussrechteinhaber der Einladung gefolgt – einige nahmen dafür auch Anfahrten aus Braunschweig, Höxter und dem Extertal in Kauf.

Die meisten von ihnen, das sei schnell klar geworden, hätten immer noch Vertrauen zu Prokon, hieß es. Allerdings habe es auch schärfere Töne gegeben. Warum, wollte beispielsweise ein Anleger wissen, habe die Geschäftsführung so wenige Barreserven vorgehalten? Wer für Genussrechte eine Kündigungsfrist von vier Wochen anbiete, müsse schließlich damit rechnen, dass Investoren davon Gebrauch machten.

Andere kritisierten, dass es das Unternehmen an der nötigen Transparenz habe fehlen lasse. Noch immer liege für das Geschäftsjahr 2012 keine testierte Bilanz vor. Ganseforth habe versucht, für Vertrauen zu werben, berichtete ein „Pokon-Freund“. Es könne der Firma vielleicht helfen, wenn jetzt Geld auf einem Treuhandkonto gesammelt werde. Das stieß aber nicht bei jedem auf Beifall. „Es ist eine Bringschuld von Prokon um unser Vertrauen zu werben – vorher gibt es auch kein frisches Geld“, habe ein Anleger erklärt. jen

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