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Deutschland / Welt Zweigleisig in die Zukunft
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Zweigleisig in die Zukunft
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00:21 19.07.2014
Foto: Martin Winterkorn hat einiges mit der Volkswagen AG vor.
 Martin Winterkorn hat einiges mit der Volkswagen AG vor. Quelle: dpa
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Hannover

Jetzt schlägt in Wolfsburg wieder die Stunde der Projektgruppen. Konzernchef Martin Winterkorn will nicht nur das schon länger angekündigte Strategieprojekt „Future Tracks“ anschieben, es wird auch noch um ein Sparprogramm für die Marke VW ergänzt, denn Winterkorn will zweigleisig in die Zukunft fahren: „Ganz unmittelbar und kurzfristig“ soll ein Kostensenkungsprogramm für die Marke VW erarbeitet werden, damit diese – wie in der „Strategie 2018“ vorgegeben – eine operative Umsatzrendite von 6 Prozent erreicht. „Mit Blick weiter nach vorn, für das kommende Jahrzehnt“ will er zudem die Konzernstrukturen auf die großen Herausforderungen der Autowelt vorbereiten: Elektromobilität, vernetzte Fahrzeuge, geänderte Nutzungsgewohnheiten. „Um uns das leisten zu können, müssen wir jetzt die wirtschaftliche Basis schaffen“, sagte Winterkorn vor 1000 VW-Managern.

Die ersten Schritte im Sparprogramm sollten schnell entschieden werden, hieß es gestern im Konzern, die große Linie braucht etwas länger: Eine kleine Projektgruppe aus Vorstand und einigen Topmanagern der Fachressorts soll bis zum September „den großen Rahmen von Future Tracks abstecken“, Herausforderungen und Trends analysieren, sagte Winterkorn. Dann gehen 40 bis 60 Topmanager an die Details, die sie Ende des Jahres intern vorstellen sollen. An Themen fehlt es nicht:

Produktion: Das Baukastensystem MQB senkt zwar auf Dauer die Kosten, erforderte aber auch riesige Investitionen. Sie verteilen sich jetzt auf weniger Autos als geplant, weil die Nachfrage in Europa schwächer ist als erwartet und die Produktion in Wolfsburg langsamer läuft als geplant. Die Kollegen bei Audi hätten ihre Produktion in einigen Punkten cleverer auf das neue System umgestellt als die Wolfsburger, wird im Konzern kritisiert. Winterkorn spricht von einem „Kraftakt“.

wer im Konzern Geld verdient

Audi und Porsche sind die Perlen: Die Marke VW Pkw, eine von zwölf im Volkswagen-Konzern, bringt zwar die Hälfte des Umsatzes, aber nur ein Viertel des operativen Ergebnisses (Gewinn vor Steuern und Zinsen). 2,9 Milliarden Euro Gewinn im vergangenen Jahr bei 99,4 Milliarden Euro Umsatz bedeuten eine Rendite von knapp 3 Prozent. Im ersten Quartal 2014 schrumpfte sie sogar unter 2 Prozent. Hinzu kommen zwar 4,3 Milliarden Euro Gewinnanteil aus VWs China-Geschäften, die jedoch nicht ins operative Ergebnis fließen, sondern in China wieder investiert werden. In der „Strategie 2018“ werden für die Marke 6 Prozent operative Rendite angepeilt. Deshalb sollen die Kosten um 5 Milliarden Euro runter, entsprechend rund 5 Prozent. Das wird sich aber nicht voll im Gewinn niederschlagen, weil zugleich in zukunftsträchtigen Bereichen mehr ausgegeben werden soll. VW Pkw steht weitaus besser da als andere europäische Massenhersteller, aber deutlich schlechter als Toyota und Hyundai. Das Geld im Konzern bringt vor allem Audi mit 5 Milliarden Euro. Porsche macht zwar nur einen Bruchteil des VW-Umsatzes, verdient aber 2,6 Milliarden Euro.

Vertrieb: Manager in der Produktion geben einen Teil der Schuld den Kollegen im Vertrieb, die mit ihren Absatzprognosen immer wieder danebenlägen. „Die Vertriebsplanung spottet häufig jeder Beschreibung“, sagt Betriebsratschef Bernd Osterloh und sieht in mangelnder Marktnähe auch den Grund für die Rückschläge in den USA. Entwicklung: Jahrelang baute VW seine Entwicklungsabteilung massiv aus und war stolz darauf. Jetzt bekennt Winterkorn, dass „dringend gegengehalten“ werden müsse: Die Entwicklungskosten der Marke seien seit 2010 um 80 Prozent nach oben geschnellt. Der Betriebsrat kritisiert außerdem, dass die Arbeit externer Entwicklungsbüros schlecht koordiniert werde und zu wenig Synergien zwischen den Marken gehoben würden.

Fertigungstiefe: VW macht traditionell vieles selbst, was andere Hersteller nach außen vergeben. Sitze werden ebenso vom Konzern selbst hergestellt wie Spritzgussteile aus Kunststoff und Elektromotoren. „Dringend“ müsse die Fertigungstiefe überprüft werden, sagte Winterkorn, wobei er den Komponentenbereich aber offenbar nicht eindampfen will: „Wir müssen uns stärker auf die Kernkompetenzen für die Mobilität von morgen fokussieren.“ Dabei hat er Osterlohs Unterstützung, der außerdem auf der Konzernebene ein eigenes Vorstandsressort für den Komponentenbereich fordert – bisher gibt es das nur eine Stufe tiefer bei der Marke VW.

Modellpolitik: Konzernweit verkauft VW – inklusive diverser Varianten – mehr als 300 Modelle. Doch die Kundenwünsche ändern sich schneller als früher; es müsse „der Mut da sein, sich von einigen Projekten und Varianten zu verabschieden“. Das dürfte für den Eos gelten, eines von drei Cabrio-Modellen allein bei der Marke VW. Auch Familienvans haben ihre Blüte hinter sich, dafür boomen SUVs. Fabrikkosten: Neue Werke, weltweit nach einheitlichem Muster gebaut, seien oft zu groß, komplex und teuer, sagte Winterkorn. Das ist allerdings nur noch schwer zu ändern: Der Konzern steckt gerade in einem kleinen Bauboom und betreibt bereits mehr als 100 Fabriken weltweit.

Konzernstruktur: Dazu äußerte sich Winterkorn nicht. In Betriebsrat und Management gilt aber auch die Zentralisierung der Entscheidungen im Konzern als Problem. Nach dem starken Wachstum der vergangenen Jahre müsse geklärt werden, wer welche Entscheidungen für einzelne Weltregionen oder Marken trifft, heißt es. Zu möglichen Verbesserungen gehöre „zu allererst, dass wir dem Konzern neue Strukturen geben“, sagt Osterloh: Wie den Nutzfahrzeugbereich „müssen wir auch andere Potenziale in Sparten bündeln“.