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Deutschland / Welt Zentralbank versorgt Institute mit Liquidität
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Zentralbank versorgt Institute mit Liquidität
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20:39 06.10.2011
EZB-Präsident Jean-Claude Trichet ist hart geblieben und hat den Leitzins nicht gesenkt. Quelle: dpa
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Berlin/Frankfurt

Wie EZB-Chef Jean-Claude Trichet am Donnerstag nach seiner letzten großen Ratssitzung in Berlin mitteilte, legt die Zentralbank ein neues Programm zum Aufkauf von Pfandbriefen auf. Außerdem können sich Banken über neue langfristige Kreditlinien bei der EZB mit Liquidität versorgen, da der Geldmarkt zuletzt angespannt war. Beide Instrumente haben sich in der Finanzkrise bewährt.

Trichet appellierte an die Geldhäuser, wenn nötig alle von Staaten angebotenen Hilfen anzunehmen und ihre Bilanzen sowie Eigenkapitalbasis zu stärken. Die EZB wiederum stellt billiges Geld mit einer Laufzeit von einem Jahr zur Verfügung, um die Kreditvergabe bei den Geschäftsbanken zu stimulieren. Gleichzeitig will sie wieder sogenannte gedeckte Anleihen im Volumen von 40 Milliarden Euro erwerben. „Covered Bonds“ wie Pfandbriefe dienen Geschäftsbanken zur Refinanzierung. Die Papiere gelten als besonders sicher, da sie etwa durch Immobilien besichert sind. Mit den weiteren Maßnahmen will die Zentralbank Liquiditätsengpässe im Finanzsektor vermeiden. „Alles in allem hat die EZB damit heute sämtliche Schleusen geöffnet, um den Bankensektor mit Liquidität zu fluten“, sagte Mario Gruppe, Volkswirt bei der Nord/LB in Hannover. Der Deutsche Aktienindex (Dax) legte gestern um mehr als 3 Prozent zu.

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Trichet hielt Forderungen nach einer Zinssenkung stand. Manche Konjunkturexperten befürchten wegen der Staatsschuldenkrise eine Rezession, doch der scheidende Währungshüter kann die Zinsen schwer herabsetzen, um die Konjunktur anzukurbeln: Die Inflation ist zu hoch. Der EZB-Rat hat beschlossen, den Leitzins im Euro-Raum bei 1,5 Prozent zu belassen. Das von Ökonomen geforderte Abschiedsgeschenk, die jüngsten Zinserhöhungen wieder zurückzunehmen, blieb damit aus.

Bei einer Inflation von 3 Prozent hätte dies wohl die Glaubwürdigkeit der Währungshüter untergraben, deren wichtigstes Ziel stabile Preise sind und die die Zügel erst im Juli angezogen hatten, wie Commerzbank-Ökonom Michael Schubert betonte. Die Teuerung ist auf dem höchsten Stand seit drei Jahren und liegt weit über dem Zielwert der Notenbank. Die Zins- sowie die anderen Entscheidungen fällte der EZB-Rat nicht einstimmig, sondern lediglich im Konsens.

„Wir haben nur eine Nadel im Kompass. Wir müssen Preisstabilität garantieren“, sagte Trichet im Laufe seiner achtjährigen Amtszeit immer wieder. Auch gestern machte er deutlich, dass die Sondermaßnahmen wie etwa die – umstrittenen – Käufe von Anleihen finanzschwacher Euro-Länder daran nichts änderten: „Wir haben in den vergangenen Jahren Preisstabilität gewährleistet und werden das auch in den kommenden Jahren tun. Hier sind wir absolut glaubwürdig.“

Ökonomen nehmen an, dass die EZB die Zinspause unter ihrem neuen Präsidenten Mario Draghi bald beenden dürfte. Die Frühindikatoren für die Konjunktur seien eingebrochen und nicht mehr weit von Niveaus entfernt, in denen die Wirtschaft in der Vergangenheit geschrumpft sei, erklärte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Auch Trichet zeichnete ein düsteres Bild von der Konjunktur im Euro-Raum in den kommenden Monaten: „Der Wirtschaftsausblick ist weiterhin mit besonders hoher Unsicherheit und verstärkten Abwärtsrisiken behaftet.“

Die Notenbank wird weiter massiv am Anleihenmarkt Papiere kriselnder Staaten erwerben, um die Zinslast der Schuldensünder zu verringern. Derzeit hat
sie Anleihen im Volumen von 160,5
Milliarden Euro in den Büchern. Allerdings machte Trichet deutlich, dass die EZB diese Geschäfte nicht ewig fortsetzen wolle. Man erwarte, dass der Euro-Rettungsschirm EFSF „so bald wie möglich steht und am Sekundärmarkt Anleihen kaufen kann“. Der EZB-Präsident rief dazu auf, die Lage des Bankensektors genauestens im Auge zu behalten.

Von Harald Schmidt
 und Martin Dowideit. Mit dpa.

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