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Wirtschaft Firmen setzen auf Training in künstlichen Welten
Nachrichten Wirtschaft Firmen setzen auf Training in künstlichen Welten
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18:19 03.01.2019
Üben am virtuellen ICE: Zugbegleiter Daniel von Contzen.
Üben am virtuellen ICE: Zugbegleiter Daniel von Contzen. Quelle: Foto: dpa
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Köln

Zuerst den Vierkantschlüssel rausholen, dann zwei Sicherungshebel lösen und zahlreiche andere Handgriffe tätigen: Nachdem Zugbegleiter Daniel von Contzen alle 28  Arbeitsschritte erledigt hat, ist der Hublift – eine Art Minilift am Zug – ausgeklappt. Nun kann ein Rollstuhlfahrer rein in den ICE. Doch der Rollstuhlfahrer ist gar nicht da. Und auch ein Zug ist nicht vor Ort. Von Contzen übt die Arbeitsschritte in einem Kölner Konferenzraum – mit einer Virtual-Reality-Brille. Er hält Kontrollgeräte und steuert damit seine virtuellen Hände. Was genau er gerade tut, sehen andere Schulungsteilnehmer ohne VR-Brille auf einer Leinwand.

Schulungen für neuen ICE

Die Realitätsnähe der VR-Schulung ist unter den Teilnehmern ein großes Thema. „Die Handgriffe kommen denen am echten Hublift schon nah“, erzählt der Zugbegleiter von Contzen nach seinem VR-Training. Von Contzen ist einer von rund 1000 Mitarbeitern der Deutschen Bahn, die 2018 mit der neuen Technik geschult wurden. Die Übungsszenarien beziehen sich größtenteils auf den neuen ICE 4. Separat hierzu gibt es auch Übungen im echten Zug.

Die Bahn ist nur ein Beispiel für Firmen, die auf VR-Schulungen setzen. Auch in anderen Branchen wird auf diese Technik zum Lehren und Lernen gesetzt. In der Industrie, im Gesundheitswesen oder im Rettungsdienst wird diese Technik ebenfalls bereits zum Lehren und Lernen verwendet. Volkswagen zum Beispiel kündigte vor Kurzem an, allein im Werk Zwickau rund 3000 Montagearbeitern neue Fertigkeiten mithilfe von VR-Brillen zu vermitteln.

Die Kosten für die Technik seien deutlich gesunken, sagt Martin Zimmermann, Gründer der europäischen Kompetenzeinrichtung Virtual Dimension Center (VDC) in Fellbach und St. Georgen. Über das VDC vernetzen sich seit 15 Jahren Unternehmen, Hochschulen und Entwickler von Soft- und Hardware.

In den Anfängen seien für eine VR-Anlage mehrere Millionen Mark fällig gewesen, heute sei man für eine VR-Brille, Sensoren und einen Rechner mit einem niedrigen vierstelligen Euro-Betrag dabei, sagt Zimmermann. Man arbeite nun auch mit Volkshochschulen, Berufsschulen und allgemeinbildenden Schulen zusammen.

Der Fachmann sieht die Vorteile der Schulungen in der Kombination aus interaktivem Lernen und dreidimensionaler Umgebung. Dadurch könne man die Aufgabe ganz anders wahrnehmen und begreifen als über einen klassischen Vortrag oder Frontalunterricht. Außerdem biete VR ein Gruppenerlebnis. Wenn die virtuelle Realität über einen Beamer an die Wand geworfen werde, könnten alle Teilnehmer mithelfen, eine Aufgabe zu lösen.

Auch der Motorsägenhersteller Stihl setzt auf virtuelle Realität: Das schwäbische Unternehmen schult eigene Mitarbeiter und Fachhändler in einem Motorsägensimulator. Eine gefährliche Situation – das Fällen eines Baumes – wird in einer sicheren Umgebung geübt. Der Schulungsteilnehmer hält eine echte Säge in der Hand, auf der Sensortechnik angebracht ist. „Mit dem Simulator kann man das Baumfällen Schritt für Schritt durchgehen und wird dadurch auf den echten Wald vorbereitet“, erklärt der zuständige Stihl-Abteilungsleiter Marbod Lemke. Auch der Zeitfaktor ist ein Vorteil, denn das Training kann bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit durchgeführt werden – die Übung ist also gut planbar.

Ergänzung der Realität

Die Realität ersetzen sollen die Schulungen im virtuellen Raum nicht, vielmehr sollen sie das Training ergänzen. „Mit dem VR-Programm können Bewegungsabläufe in Ruhe geübt werden, die in der Praxis schnell ablaufen müssen“, erklärt Lars Tiedermann. Er hat das Programm Eve mitentwickelt, mit dem die Bahnmitarbeiter lernen. Es geht dabei nicht nur um den Hublift für Rollstuhlfahrer, sondern zum Beispiel auch um das Öffnen virtueller Bugklappen zum Abschleppen eines Zuges.

Von Rabea Gruber