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Wirtschaft Griechenland steht vor Comeback
Nachrichten Wirtschaft Griechenland steht vor Comeback
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22:30 03.04.2014
In Athen dauern die Proteste gegen die Sparpolitik an, diese zeigt aber Erfolge. Quelle: dpa
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Athen

Für den griechischen Finanzminister Giannis Stournaras muss es ein gutes Gefühl gewesen sein. Endlich saß er diese Woche beim Treffen der EU-Finanzminister in Athen einmal nicht auf der Anklagebank. Stattdessen gab es Lob. Stournaras trat nicht mit leeren Händen vor seine Kollegen: Nach sieben Monaten Tauziehen sind die Troika-Verhandlungen endlich abgeschlossen, der Staatshaushalt ist im Lot, die Anleger beginnen sich wieder für griechische Aktien und Anleihen zu interessieren.
„Die Stimmung hat sich dramatisch gewandelt“, sagt Stournaras, „alle sind der Meinung, dass Griechenland jetzt über den Berg ist.“ Selbst Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble lobt: Was die Griechen in den vergangenen Jahren umgesetzt haben, „verdient Anerkennung“.
Vor allem bei der Konsolidierung der zerrütteten Staatsfinanzen kann das Land Erfolge melden. Ein Jahr früher als erwartet erzielte man bereits 2013 in der Primärbilanz des Haushalts, die den Schuldendienst ausklammert, einen Überschuss von fast 3 Milliarden Euro. Das Haushaltsdefizit, das 2009 noch 15,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) erreicht hatte, lag zuletzt bei 2,2 Prozent. Kein anderes EU-Land hat in so kurzer Zeit eine solche Konsolidierungsleistung geschafft.
Erstmals seit 1948 erwirtschaftete Griechenland vergangenes Jahr sogar in der Leistungsbilanz einen Überschuss. Auch die Konjunktur zeigt Anzeichen der Wiederbelebung. Das Wirtschaftsklima stieg nach Berechnungen des Forschungsinstituts IOBE im Februar auf 94,8 Indexpunkte, den höchsten Stand seit Sommer 2008. Nach sechs Jahren Rezession soll die griechische Wirtschaft in diesem Jahr erstmals wieder wachsen, wenn auch nur um bescheidene 0,6 Prozent. Für das kommende Jahr erwartet die Troika ein kräftiges Plus von 2,9 Prozent.
Den Erfolgen in der Fiskalpolitik stehen allerdings noch Versäumnisse bei der Umsetzung der Strukturreformen gegenüber. Deshalb zog sich auch die jüngste Troika-Prüfung so lange hin. Die Modernisierung der öffentlichen Verwaltung, vor allem des Fiskus, kommt nur schleppend voran. Gegen die Deregulierung des griechischen Binnenmarktes, die für mehr Wettbewerb und niedrigere Preise sorgen soll, gibt es immer noch erheblich Widerstände. Mal streiken die Apotheker dagegen, dass künftig auch Apothekenketten zugelassen werden sollen, dann wollen die Bäcker verhindern, dass Brot künftig auch in Lebensmittelläden verkauft werden darf, oder die Milchlobby protestiert, weil demnächst auch importierte Frischmilch in die Supermarktregale kommt.
Große Rückstände hat Griechenland bei den Privatisierungen, die eine Schlüsselrolle beim Schuldenabbau spielen sollen. Doch auch hier gibt es nun Bewegung: Diese Woche bekam der Immobilienkonzern Lamda den Zuschlag für die Entwicklung des früheren Athener Flughafengeländes Ellinikon. Das Unternehmen will dort 8 Milliarden Euro investieren, das größte private Bauprojekt in der Geschichte des Landes. Auch bei der Privatisierung der Häfen von Piräus und Thessaloniki zeichnen sich Fortschritte ab.
Besiegeln will die Regierung das Comeback des Landes mit der Rückkehr an den Kapitalmarkt, von dem Griechenland seit Anfang 2010 praktisch ausgeschlossen war. Noch vor dem Sommer will Athen eine Staatsanleihe über 1,5 bis 2 Milliarden Euro mit drei- oder fünfjähriger Laufzeit begeben. „Es gibt einen riesigen Appetit am Markt“, glaubt Finanzminister Stournaras.
Tatsächlich scheinen die Anleger wieder Vertrauen zu fassen: Der Kurs der zehnjährigen griechischen Anleihe stieg von 49 Prozent vor einem Jahr auf aktuell mehr als 80 Prozent. Spiegelbildlich fiel die Rendite auf 6,1 Prozent, den niedrigsten Stand seit vier Jahren.

Von Gerd Höhler