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Niedersachsen AWD Kunden: Teure Rechnung statt Schadensersatz
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen AWD Kunden: Teure Rechnung statt Schadensersatz
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21:59 14.12.2012
Von Albrecht Scheuermann
Vor den Gerichten sind die Klagen gegen den AWD gescheitert – die Kläger bleiben auf den Kosten sitzen. Quelle: dpa
Hannover

 Die Gerichte spielen bisher allerdings nicht mit: Die Verfahren endeten fast durchgängig mit einer Niederlage für die Kläger. Nun müssen sie oft auch noch einen Berg von Gerichts- und Anwaltskosten abtragen.

Zum Beispiel Helmut Klemm im schwäbischen Mahlstetten. „Thiel hat mir das Blaue vom Himmel versprochen“, erzählt der 76-Jährige. „Ich könnte durch einen Prozess 20 000 Euro bekommen, ohne dass es etwas kostet.“ Jetzt kämpft Klemm stattdessen mit Kostenrechnungen der gegnerischen Anwälte. 1000 Euro musste er jetzt überweisen, eine weitere Rechnung von 960 Euro liegt schon vor. „Dabei brauche ich jeden Euro“, sagt der Rentner. Er fühle sich von Thiel „auf Schwäbisch gesagt verarscht, also betrogen“.  

Prof. Rolf W. Thiel hat der Hamburger Kanzlei Thiel & Collegen seinen Namen gegeben. Auf ihrer Internetseite ist von einer „Nischenpraxis“ die Rede, also „einer in bestimmten Fachbereichen im hohen Maße spezialisierten Praxis mit persönlicher Bindung zwischen Anwalt und Mandanten auf der Grundlage stabiler Vertrauensverhältnisse, in der der einzelne Mandant im Mittelpunkt steht ...“

Thiel, der selbst über berufliche Erfahrungen in der Finanzbranche verfügt, hat eine Nische in der Vertretung von früheren AWD-Kunden gefunden. Im Hinblick auf eine Ende 2011 ablaufende Verjährungsfrist hatte er intensiv für Klagen gegen den AWD wegen missratener Anlagegeschäfte aus früheren Jahren geworben. Der geschäftstüchtige Anwalt versprach beste Erfolgschancen und vermittelte interessierten Mandanten sogar eine Prozessfinanzierung. So bot eine „Benner Holding“ die Übernahme der Anwalts- und Gerichtskosten an – gegen eine Beteiligung von 35 Prozent an in den Klageverfahren erstrittenen Schadensersatzzahlungen des AWD.

Der Hamburger Jurist stellte die Aussichten in leuchtenden Farben dar und gewann so nach eigenen Angaben rund 2000 frühere AWD-Kunden für mögliche Klageverfahren. Dabei half ihm auch der öffentlich-rechtliche Sender NDR, der dem Anwalt werbewirksame Auftritte in Funk und Fernsehen ermöglichte. Ein Teil der Verfahren landete im Jahr 2011 beim Landgericht Hannover. Etliche sind schon entschieden – mit ernüchternden Ergebnissen: Bisher wurden alle Schadensersatzklagen abgewiesen.

Thiel hatte sich unter anderem darauf verlassen, dass die Aussagen von zwei früheren AWD-Managern, Jörg Jacob und Hermann Winkler, die Gerichte beeindrucken würden. Allerdings wurden diese Zeugen überhaupt nicht gehört, weil den Richtern schon die Begründung der Klagen nicht stichhaltig erschien – und deshalb die Beweisaufnahme abgelehnt wurde.

Wegen der offensichtlichen Aussichtslosigkeit rät der Anwalt nun sogar selbst vielen Mandanten, die Klagen nicht mehr zu verfolgen. Ein AWD-Sprecher erklärte, dass in den Verfahren, die die Kanzlei Thiel & Collegen gegen AWD angestrengt hat, deutschlandweit mittlerweile etwa 600 Klagen entweder zurückgenommen oder aber von den Gerichten abgewiesen worden seien.

Ärgerlich für Gerichte und andere Beteiligte: Der Hamburger Anwalt zieht die Klagen häufig erst wenige Tage oder sogar nur einen Tag vor der Verhandlung zurück. Dies hat den Effekt, dass die Anwälte der Gegenseite ihre Ansprüche erst möglichst spät geltend machen können – und damit der Prozessfinanzierer seine Liquidität schonen kann. 

Für manche kommt der Rückzieher  allerdings zu spät – was nun anderen Anwälten neue Arbeit verschafft. So vertritt die Berliner Anwältin Bettina Schleicher frühere Thiel-Mandanten, die sich von dem Juristen getäuscht fühlen. Dabei geht es um die allzu rosig eingeschätzten Klagechancen, aber auch um das Angebot der „Benner Holding“, den Prozess zu finanzieren.

Diese Holding wirft einige Fragen auf. Als Firmenadresse gab sie die Industriestraße 3–5 im  bayerischen Ippesheim  an. Dort befindet sich das Weber Betonwerk, das sich für „höchste Qualität bei der Produktion von Beton-Fertigelementen“ preist. Hier hatte Matthias Benner ein Büro, wie eine Mitarbeiterin des Betonwerks bestätigt, aber: „Herr Benner ist nicht mehr bei uns.“ Wo er sich aufhält, könne sie nicht sagen.
Benner  hatte Ende November in einer Mail selbst eingeräumt, dass seine Kasse leer ist. „Auf diese Kostenflut war ich von der Kanzlei Thiel & Collegen nicht vorbereitet worden. Ich versuche gerade Liquidität zu besorgen, um den Mandanten den Schaden zu ersetzen. Derzeit ist mir dies noch nicht gelungen. Ich kann allen Mandanten nur empfehlen, die Kosten auszulegen. Sollte es mir gelingen, die Kosten erstatten zu können, werde ich dies natürlich tun. Aber 2 bis 3 Mio. Kosten (aus 1000 Fällen) sind natürlich sehr bedrohlich. Eine Insolvenz der ,Benner Holding‘ GmbH kann ich nicht ausschließen.“
Gegenüber der HAZ erklärte Benner jetzt nur, dass es bei den Anlegern offenbar Missverständnisse gebe. In einem Teil der Verträge seien nur die Anwaltskosten von Thiel & Collegen einschließlich Gerichtskosten abgedeckt, nicht aber die  Kosten der gegnerischen Anwälte. „Dies verstehen einige Anleger nicht.“ Zudem habe man Kostenfestsetzungsbeschlüsse juristisch und kaufmännisch prüfen müssen. „Hier kommt es sicherlich auch zu zeitlichen Verzögerungen.“

Tatsache ist, dass etliche von Thiel vertretene Anleger auf Anwalts- und Gerichtskosten sitzen bleiben. Dies können mehrere Tausend Euro sein – zu viel für manche Betroffene. „Bei manchen Mandanten hat sich schon der Gerichtsvollzieher gemeldet“, sagte Anwältin Schleicher aus Berlin. Sie hält Klauseln in den Benner-Verträgen, die die Zahlungen für die Anwälte der Gegenseite ausschließt, für „sittenwidrig“.

Womöglich bekommen die Gerichte also bald neue Arbeit – diesmal durch Verfahren gegen den Hamburger Anwalt. Statt Schadensersatz zu erstreiten, hat er Mandanten zusätzlichen Schaden eingebrockt. Möglicherweise könnte sich dafür auch die Anwaltskammer Hamburg interessieren, weil Thiel damit nach Ansicht von Kollegen gegen das Berufsrecht verstoßen haben könnte. „Mir ist ein solcher Fall in meiner dreißigjährigen Berufspraxis noch nicht vorgekommen“, sagte ein Anwalt. Thiel selbst gibt sich jetzt kleinlaut. Alle Versuche, den einst überhaupt nicht öffentlichkeitsscheuen Anwalt zu einer Stellungnahme zu bewegen, verliefen im Sande.

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