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Niedersachsen Kein Schrott mehr im Urwald
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11:03 16.11.2013
Der Landtechnikkonzern Claas geht mit seinem Reismähdrescher in Indien den Weg einer sanften Mechanisierung. Quelle: Körner
Hannover

Professor Losenge Turoop aus Kenia bringt es auf den Punkt. „Wir wollen nicht zum Mars fliegen, wir wollen Landwirtschaft machen.“ Was afrikanische Kleinbauern bräuchten, erläutert Turoop auf der Agritechnica, seien keine großen Maschinen, wie sie über europäische oder nordamerikanische Felder fahren. Auf die Bedürfnisse der Betriebe angepasste Erntemaschinen würden helfen. Klein und einfach zu warten müssen sie sein, sie bräuchten nicht einmal einen Motor, sagt Turoop, der in Hannover studiert hat und heute an der Universität von Nairobi Agrarwissenschaften lehrt. Doch zunächst müssen Infrastrukturen geschaffen werden, Energie- und Wasserversorgung gesichert sein. „Die Landwirtschaft in den armen Ländern muss Schritt für Schritt optimiert werden, um bei der wachsenden Weltbevölkerung eine ausreichende und gerechte Nahrungsversorgung gewährleisten zu können“, erklärt Turoop.

Dass früher große Landmaschinen in Schwellenländer geliefert wurden, kritisiert Josef Kienzle von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO). Traktoren und Drescher seien als Teil von Entwicklungshilfeprojekten geschickt worden und hätten schon nach wenigen Monaten schrottreif im Urwald gestanden, weil sie keiner zu bedienen vermochte. Hersteller müssten passende Produkte für diese Regionen anbieten, fordert der Wissenschaftler. Welche Mechanisierung angepasst ist, hält er für die entscheidende Frage, auf die Politik und Wirtschaft Antworten finden müssen. Die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) hat die Nachricht verstanden, sagt Kienzle und lobt den DLG-Präsidenten Carl-Albrecht Bartmer dafür, dass er in seiner Eröffnungsrede eine sanfte Mechanisierung für Entwicklungsländer angemahnt habe. Der Landtechnikhersteller Claas geht in Indien bereits diesen Weg mit einem Reismähdrescher.

Schwere Maschinen und ein großer Andrang: Die Agritechnica 2013 auf dem Messegelände in Hannover.

Der Crop Tiger sei kompakt, passe auf kleine Lkw und optimiere das Ernteergebnis der Kleinbauern, sagt der Sprecher der Geschäftsführung Theo Freye. Zudem schule Claas die Bauern für den Umgang und die Wartung des Mähdreschers. Auch die Firma Grimme aus Damme hat einen kleinen Kartoffelroder für chinesische Bauern produziert. Er holt die Knolle aus dem Boden, aber der Bauer muss sie nach wie vor aufsammeln und wird dadurch nicht überflüssig.

Diesen Ansatz hält Uwe Richter vom Fachbereich Agrartechnik der Universität Kassel für richtig. „In Schwellenländern muss klein angefangen werden, ohne dass man den Menschen vor Ort das Gefühl gibt, dass, was sie tun, falsch ist“, sagt der Wissenschaftler. Doch es dürfe nicht nur um die Technik gehen, sondern auch um den soziologischen Faktor. „Wir haben den Weg eines kenianischen Hirten mit seiner Ziegenherde aufgezeichnet. 900 Kilometer hat er in 36 Tagen zurückgelegt und Wege eingeschlagen, die für seine Tiere keinerlei Vorteil hatten.“ Später stellte sich laut Richter heraus, dass seine Entscheidung auch von Verwandten beeinflusst worden war. „Hinter jedem Bauern stecken kulturelle Einflüsse und Traditionen, die wir Europäer nicht einfach übergehen dürfen.“

Eine bessere Nutzung der Agrarflächen setzt eine intakte Infrastruktur voraus. In Ländern wie Tansania oder Ghana hat nur jeder Zehnte Zugang zum Stromnetz. Das gelte für die meisten Entwicklungsländer, erklärt Richter und verweist auf ein Projekt in einem Dorf auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán. Dort verbrennt jede Familie 2,4 Kilogramm Holz am Tag zur Energiegewinnung. Eine effizientere Alternative sei eine kleine Biogasanlage, in der Dorfbewohner ihren organischen Hausmüll verwerten. 

Richter wird im kommenden Sommer wieder nach Afrika reisen und eine Modellfarm aufbauen, an der gezeigt wird, wie mit einfachen Mitteln Wasser gewonnen werden kann. Dafür will er Firmen mitbringen, die sich darauf spezialisiert haben.

Von Felix Klabe

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