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Niedersachsen „An der Altersvorsorge führt kein Weg vorbei“
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen „An der Altersvorsorge führt kein Weg vorbei“
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00:15 15.02.2015
Von Albrecht Scheuermann
„2015 wird für uns wohl das herausforderndste Jahr seit langer Zeit“: Talanx-Chef Herbert Haas. Quelle: Philipp von Ditfurth
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Herr Haas, können Sie schon etwas zum Geschäftsergebnis im abgelaufenen Jahr sagen?

Genaue Zahlen werden wir im März vorlegen. Wir haben einen Konzerngewinn von mehr als 700 Millionen Euro in Aussicht gestellt. Diese Prognose bereitet mir keine schlaflosen Nächte.

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Dazu hat die Talanx-Tochter Hannover Rück mehr als die Hälfte beigesteuert. Wie sah es sonst aus?

Nicht nur die Hannover Rück hat dazu beigetragen. Auch das im Bereich Talanx International angesiedelte Privatkundengeschäft im Ausland hat sehr gut abgeschnitten. Hier zahlt sich unsere breite Aufstellung aus, denn im inländischen Privatkundengeschäft sieht es anders aus. Die Industriesparte schneidet auch nicht so gut ab wie gewohnt.

Woran liegt das?

In unserem traditionellen Kerngeschäft, also dem Geschäft mit der Industrie, gab es eine ungewöhnliche Häufung von mittleren und großen Feuerschäden, das hat uns wirklich überrascht. Wir haben das analysiert, aber keine besonderen Ursachen gefunden. Es gibt keine Schwerpunkte in bestimmten Branchen, Regionen oder Kundengruppen.

Dann handelt es sich um einen Zufall?

Ja, es sieht so aus. Hinzu kommt, dass wir beschlossen haben, den Selbstbehalt in diesem Geschäft zu erhöhen, also weniger in Rückdeckung zu geben. Deshalb trifft uns diese Schadenhäufung jetzt besonders stark. Dennoch halten wir die strategische Entscheidung, einen größeren Teil der Risiken und damit auch der Beiträge im Haus zu behalten, weiter für absolut richtig.

Wie erklären sich die schwachen Zahlen im Geschäft mit Privat- und kleineren Gewerbekunden?

Das operative Geschäft lief zufriedenstellend. Aber wir haben rund 200 Millionen Euro auf unsere Versicherungsbestände abgeschrieben, die wir unter anderem durch die Übernahme von Gerling in der Bilanz haben. Die Erträge sind niedriger als ursprünglich kalkuliert. Mit den Maßnahmen haben wir das Privatkundengeschäft wetterfester gemacht.

Gibt es auch positive Sonderfaktoren?

Wir gleichen die Abschreibung auf den Bestand komplett durch einen außerordentlichen Ertrag aus. Wir haben unsere Swiss-Life-Aktien verkauft. Insgesamt hat uns diese Investition einen Gewinn von über 300 Millionen Euro gebracht, davon allein 214 Millionen Euro im vergangenen Jahr. Solche Gelegenheiten würden wir gern öfter nutzen, sie liegen leider nicht auf der Straße.

Ihre Privatkundensparte unter der Marke HDI gilt als Sanierungsfall. Wie weit sind Sie mit den Sanierungsarbeiten?

Die Herausforderungen sind leider komplexer als erwartet. Das liegt zum einen an exogenen Faktoren, die wir nicht beeinflussen können, allen voran die Zinspolitik von Herrn Draghi. Zum anderen gibt es auch hausgemachte Faktoren. So gestaltet sich die Erneuerung der IT-Systeme in der Schaden- und Unfallversicherung viel aufwendiger und langwieriger als gedacht. Eigentlich wollten wir 2017 mit der Integration der verschiedenen Systeme durch sein. Jetzt peilen wir das Jahr 2020 an. Allerdings bin ich optimistisch, dass wir gemeinsam mit unserer erneuerten Mannschaft diese Herausforderungen auf die Reihe bekommen.

Welche Rolle spielen die Marktverhältnisse?

Eigentlich ist die Schaden- und Unfallversicherung, speziell die Autoversicherung, in Deutschland ein sehr interessanter Markt. Man kann hier wieder gutes Geld verdienen - und damit konzernweit die zinsbedingten Probleme der Lebensversicherung abfedern. Wir haben aber deutlich zu hohe Kosten und arbeiten nicht effizient genug. Hier müssen wir besser werden, zum Beispiel bei der Digitalisierung: Sind Standardabläufe automatisiert, haben die Mitarbeiter mehr Raum für die eigentliche Kundenbetreuung.

Früher galt HDI als ein besonders kostengünstig arbeitender Versicherer. Was haben Sie falsch gemacht?

Wir haben das Privatversicherungsgeschäft von HDI und Gerling nach der Übernahme nicht schnell genug integriert. In der Industrieversicherung ist dies dagegen exzellent gelungen.

Wie erklärt sich der Unterschied?

Das liegt zum Teil an unserer DNA: Wir sind traditionell ein Industrie- und Rückversicherer. Das Privatkundengeschäft wurde deshalb etwas stiefmütterlich behandelt. Das ist aber jetzt vorbei.

Was ist derzeit die größte Herausforderung für die Versicherungsbranche?

Eindeutig die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank. Dank Herrn Draghi kann Finanzminister Wolfgang Schäuble mit stolzgeschwellter Brust die „schwarze Null“ verkünden, aber für die Vorsorge sind die Mini-Zinsen schlimm. Wir erziehen eine Generation in die Altersarmut hinein, weil es keine Anreize mehr gibt, zu sparen. Ich rechne damit, dass diese Phase noch mindestens drei Jahre andauert.

Lohnt sich der Abschluss einer Lebens- oder Rentenversicherung überhaupt noch?

Ich verstehe schon, dass junge Leute sich heute diese Frage stellen. Aber was ist die Alternative? An der Altersvorsorge, am regelmäßigen Sparen, führt kein Weg vorbei. Natürlich kann man auch einen Aktienfondssparplan abschließen, aber die Kursrisiken sind enorm. Nur die Versicherer können eine lebenslange Rentenzahlung in bestimmter Höhe garantieren. Deshalb würde ich meinen eigenen Kindern auch heute noch einen solchen Vertrag empfehlen.

Müssten Sie angesichts der rekordniedrigen Zinsen am Kapitalmarkt nicht stärker in Aktien investieren?

Wir sind da aus drei Gründen vorsichtig. Erstens haben wir uns an Aktien schon mal ziemlich übel die Finger verbrannt. Zweitens müssen Sie Aktien aufsichtsrechtlich fast zur Hälfte mit Eigenkapital unterlegen. Und drittens ist unser Kerngeschäft die Übernahme von Versicherungsrisiken, nicht von Kapitalmarktrisiken. Unsere Investoren wollen in das Versicherungsgeschäft investieren, nicht in eine Zockerbude mit angeschlossenem Versicherungsbetrieb.

Die Talanx AG ist vor etwas mehr als zwei Jahren an die Börse gegangen. Sind Sie mit der Kursentwicklung Ihrer Aktie zufrieden?

Nicht ganz. Schließlich müsste der Kurs allein schon wegen der starken Kursentwicklung der Hannover-Rück-Aktie deutlich höher stehen. Der Kapitalmarkt sieht offenbar unsere Herausforderungen in der Erstversicherung.

Angesichts der guten Börsenverfassung wäre jetzt dennoch ein guter Zeitpunkt, um ein weiteres Paket von Talanx-Aktien an die Börse zu bringen ...

Wir brauchen derzeit kein Kapital. Allein die stillen Reserven in unseren Kapitalanlagen belaufen sich auf rund 10 Milliarden Euro. Ich will das aber für die Zukunft nicht ausschließen - etwa um Wachstum durch Unternehmenszukäufe zu finanzieren.

Was sind Ihre Erwartungen für das laufende Jahr?

2015 wird für uns wohl das herausforderndste Jahr seit langer Zeit. Wir stecken im Zangengriff von Niedrigzins auf der einen Seite und Prämiendruck in der Industrie- und Rückversicherung auf der anderen Seite. Uns bleibt nur ein Hebel: Die Kosten müssen runter.

Drohen Entlassungen?

Nein. Bei uns arbeiten viele selbstständige Berater im Dauereinsatz. Hier gibt es Sparpotenzial. Und auch bei den Sachkosten haben wir Punkte identifiziert, die günstiger werden können.

Welchen Gewinn streben Sie an?

Es ist in dieser Situation ein ambitioniertes Ziel, ein Ergebnis auf Vorjahreshöhe zu erzielen, also mindestens 700 Millionen Euro. Dafür müssen wir aber raus aus der Komfortzone und uns ins Zeug legen.

Interview: Albrecht Scheuermann

Zur Person

Herbert K. Haas begann seine Karriere nach dem Betriebswirtschaftsstudium in Berlin beim damals noch dort angesiedelten Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen. 1982 kam er zur Hannover Rück, seinerzeit eine Tochter des hannoverschen Versicherers HDI, aus dem Talanx hervorgegangen ist. Dort rückte Haas 1994 in den Vorstand auf. 2002 wechselte er in den Talanx-Vorstand, den er seit 2006 leitet. Haas, geboren am 17. Dezember 1954, stammt aus dem schwäbischen Bad Urach – was man ihm trotz der Jahrzehnte im Norden Deutschlands immer noch deutlich anhört.

12.02.2015
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