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Niedersachsen Nach Aufbruch von Schließfächern: Experten sehen schwere Sicherheitsmängel
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen

 Aufbruch von Sparkassen-Schließfächern: Experten sehen schwere Sicherheitsmängel

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20:26 02.08.2019
Sparkassenkunden glaubten, dass ihre Wertgegenstände in einem Schließfach sicher aufbewahrt seien – ein Irrtum. Quelle: Daniel Reinhardt/dpa
Hannover

Nachdem in drei Filialen Schließfächer aufgebrochen worden sind, müssen die Sparkassen in Hannover und Harburg-Buxtehude mit hohen Schadensersatzforderungen rechnen. Beide Geldinstitute hätten „in unvertretbarer und grob fahrlässiger Weise gebotene Sicherheitsmaßnahmen vernachlässigt“, sagt der Buchholzer Fachanwalt für Haftungsrecht, Jürgen Hennemann. Die Täter hätten über mehrere Tage hinweg ungestört Zugangsdaten von Kunden ausspähen können, um sich anschließend Zugriff auf die Schließfächer zu verschaffen. „Ein Sicherheitssystem, das so etwas gestattet, ist nicht nur hochgradig mangelhaft, sondern untauglich“, meint Hennemann.

Anfang Juli haben bisher unbekannte Täter zeitgleich in den beiden hannoverschen Sparkassenfilialen in der List und in Linden-Nord sowie in der Buchholzer Filiale der Sparkasse Harburg Buxtehude insgesamt 130 Schließfächer ausgeraubt. Den Kreditinstituten blieb dies verborgen – erst als betroffene Kunden Alarm schlugen, wurde die Polizei informiert. Der Gesamtwert der gestohlenen Gegenstände soll in die Millionen gehen. Da die Inhalte der Schließfächer nicht versichert sind, müssten die Kunden den Schaden selbst tragen, sofern sie sich nicht selbst über entsprechende Policen abgesichert hätten, heißt es bei den Sparkassen.

„Vermutlich kannte die Bande die Schwachstellen“

Wie sich die Täter Zugang zu den Schließfächern verschafft haben, ist noch nicht bekannt. Als wahrscheinlich gilt, dass sie mithilfe eines manipulierten Kartenlesegerätes an die Kundendaten gekommen sind – mit dieser Skimming genannten Methode war es Kriminellen bereits im Jahr 2017 in einer Filiale der Sparkasse Halle gelungen, zwei Dutzend Wertkassetten auszuräumen. „Vermutlich kannte die Bande die Schwachstellen der Anlagen sehr genau“, sagt ein Experte eines führenden Tresorherstellers. Dies sieht man bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen ähnlich: „Das Beispiel Halle zeigt doch, dass die Sicherheitssysteme der Filialen anfällig sind“, sagt der Bankrechtsexperte der Verbraucherzentrale, David Riechmann. „Die Sparkassen hätten deshalb für bessere Schutzvorkehrungen sorgen müssen.“

Die Sparkasse Hannover sieht hier keine Defizite. „Der Zugang zu den Schließfächern ist dreifach gesichert“, sagt ein Sprecher des Instituts. Außerhalb der Öffnungszeiten hätten die Kunden über ihre EC-Karte Zutritt zur Schalterhalle. In einem separaten „Diskretraum“ müssten sie sich ein zweites Mal mit ihrer Karte und einer fünfstelligen PIN identifizieren. Nach der Autorisierung werde dem Kunden das Schließfach aus einem Sicherheitsbereich automatisch zum Zugriff freigegeben. Das Schließfach öffne der Kunde mit einem Schlüssel. Für die Überwachung der Filialen sei der „Sicherheitsleitstand“ zuständig. Dieser habe Zugriff auf alle Kameras – aus Gründen des Datenschutzes dürfen sich diese Zentrale aber nur auf das Geschehen vor Ort „aufschalten“, sofern die Systeme eine „Störung“ melden. „Damit sind wir auf dem neuesten Stand der Sicherheit“, sagt der Sprecher.

Hat die Sparkasse ihre Sorgfaltspflichten verletzt?

Dazu gibt es in der Branche auch andere Ansichten. Der Hersteller Gunnebo beispielsweise, der die Schließfachanlagen in Hannover geliefert hat, wirbt mit einem neueren Standard, bei dem sich Kunden unter anderem über ein bio­metrisches Finger­abdruck-Scansystem authentifizieren. Für zusätz­liche Sicherheit seien optional eine Video­­überwachung oder eine „Echtzeit-Überwachungs­­software“ verfügbar, erklärt das Unternehmen. Bei einem unbefugten Zutritts­versuch werde zudem Alarm ausgelöst. „Eine Umstellung auf ein biometrisches Sicherheitssystem kam für die Sparkasse Hannover bislang nicht in Frage, da diese Systeme störanfällig sind“, sagte der Sprecher des Geldhauses.

Ein Schadensersatzanspruch der Kunden wäre gegeben, wenn die Sparkasse ihre Obhuts- und Sorgfaltspflichten schuldhaft verletzt, die sich aus dem Mietvertrag für das Schließfach ergeben, sagt Andreas Hampe, Haftrechtsexperte der hannoverschen Kanzlei Kern-Cherkeh. Die Sparkasse müsse geeignete und zugleich zumutbare Maßnahmen ergreifen, die es Dritten zumindest wesentlich erschwert, Zugang zum Schließfachraum zu erlangen. „Dass dies hier in einem ausreichenden Maße erfolgt wäre, ist zumindest höchst fraglich“, sagt Hampe.

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Sparkasse Hannover hat rund 30.000 Schließfächer

Die Sparkasse Hannover verfügt insgesamt über mehr als 30 000 Schließfächer in der Region. Die Mietpreise richten sich nach der Größe und liegen zwischen 60 und 90 Euro im Jahr. Die Erträge aus den Vermietungen liegen nach Angaben des Geldinstituts bei rund 2,2 Millionen Euro jährlich. „Für uns als regionales Kreditinstitut stellen Schließfächer eine Abrundung unseres Angebotes für Privat- und Individualkunden dar“, sagt ein Sparkassensprecher. Die Kunden müssen ihre Schließfächer selbst versichern. jen

Von Jens Heitmann

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