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Niedersachsen Bankenretter attackiert die Branche
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Bankenretter attackiert die Branche
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19:43 20.08.2009
Der SoFFin-Chef Hannes Rehm beklagt mangelnde Lernfähigkeit bei vielen Bankern.
Der SoFFin-Chef Hannes Rehm beklagt mangelnde Lernfähigkeit bei vielen Bankern. Quelle: Nico Herzog
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„Manche öffentlichen Äußerungen erwecken nicht den Eindruck, dass die Banken die Aversionen gegenüber der Branche richtig verstehen“, sagte der frühere Vorstandsvorsitzende der Norddeutsche Landesbank anlässlich eines Vortrags in Hannover.

Ein Dorn im Auge sind ihm etwa Sonderzuwendungen an Bankmanager. „Banken sind sehr erfinderisch, wenn es darum geht, solche Zahlungen durch neue Begriffe zu camouflieren“, erklärte Rehm. So habe es sogenannte Halte- oder Motivationsprämien, wie sie die schwer angeschlagene HSH Nordbank 500 Führungskräften zahlen will, früher nicht gegeben. „Eine Krankenschwester, die morgens am Krankenbett steht, wird auch nicht nach ihrer Motivation gefragt“, erklärte Rehm.

Grundsätzlich müssten die Entlohnungssysteme der Banken Risiko und Nachhaltigkeit von Ergebnissen stärker berücksichtigen. „Unternehmerische Tätigkeit setzt Haftung voraus, das gilt auch für Manager“, sagte Rehm. Die Verbände der Kreditwirtschaft hätten nach seiner Ansicht selbst die Initiative ergreifen sollen, um neue Regeln für die Vergütung zu entwickeln. „Dies wäre ein Signal gewesen“, leider sei es nicht geschehen. Stattdessen mache dies nun die Aufsichtsbehörde Bafin.

Auch der Chef der Deutschen Bank, blieb nicht ungeschoren. „Es gibt keine Begründung dafür, dass eine Bank eine Eigenkapitalrendite von 25 Prozent erzielen müsste“, sagte Rehm zu entsprechenden Äußerungen von Josef Ackermann, ohne ihn namentlich zu nennen.

Nach Ansicht von Rehm greift der Begriff Finanzkrise für die Geschehnisse der vergangenen Zeit viel zu kurz. Es handele sich auch um eine Krise der Werte, die zur Gefahr für die Gesellschaftsordnung insgesamt werden könne. Ohne „Vertrauen, Anstand und Ehrlichkeit“ fehle der Marktwirtschaft die Grundlage.

Der SoFFin-Chef sieht die Krise als eine „tiefgreifende Zäsur“. Sie habe gezeigt, dass unregulierte Märkte zu ungeheuren Verlusten bis hin zur Selbstzerstörung führen könnten. Der Staat habe gerade im Finanzwesen eine wichtige Gestaltungsaufgabe, dies sei jedoch im weltweiten Wettbewerb der Finanzplätze aus dem Blick geraten.

„Alles, was wir jetzt erleben, ist nicht über uns gekommen, sondern ist gewollt gewesen – von der Politik, den Banken, der Wirtschaft“, sagte Rehm. Auch in Deutschland habe die Politik mit den Finanzmarktförderungsgesetzen die Interessen der Finanzindustrie bedient. „Der Verkauf von Lehman-Zertifikaten wäre mit den alten Gesetzen verhindert worden.“

Die Deregulierung habe ein enormes Wachstum der Finanzmärkte, insbesondere der Terminmärkte, zur Folge gehabt, ohne echten Mehrwert zu erzeugen. Es habe sich dabei um ein „globales Nullsummenspiel bei explodierten Umsätzen“ gehandelt. Zentraler Punkt der jetzt notwendigen Reformen sei eine „Rückführung der Komplexität. Bestimmte Geschäfte dürfen künftig nicht mehr möglich sein“.

Der notwendige neue Ordnungsrahmen für die Finanzmärkte könne nur im weltweiten Zusammenspiel geschaffen werden. Diese politische Aufgabe dürfe nicht irgendwelchen Expertenkomitees übertragen werden, warnte der frühere Bankchef. Der Staat müsse sich frei machen von den Interessen der Finanzbranche, was insbesondere in den USA und Großbritannien zweifelhaft sei. Rehm: „Die Obama-Regierung hat viele Vorschläge ins Regal gestellt, aber bisher wenig davon verwirklicht.“ Und auch in London werde gebremst, „aus verständlichen Gründen, schließlich gibt es in Großbritannien nicht mehr viel außer der Finanzindustrie“.