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Niedersachsen Begehrter Nachwuchs: Jetzt schon Dienstwagen für Azubis
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17:25 21.02.2018
Symboldbild Quelle: dpa
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Hannover

 Der zunehmende Fachkräftemangel zwingt Handwerksbetriebe zu ungewöhnlichen Maßnahmen bei der Suche nach Auszubildenden: Sie bieten mittlerweile Extras wie Auslandsaufenthalte und Dienstwagen oder übernehmen die Kosten für den Führerschein. Handwerksvertreter fordern die Politik auf, auf den Bewerbermangel zu reagieren und berufliche Ausbildungen stärker zu fördern.

„Der Fachkräftemangel hat sich in kürzester Zeit verschärft“, sagte Mike Schneider, Präsident des Niedersächsischen Handwerkstages (NHT) am Mittwoch. In einer aktuellen NHT-Umfrage unter 1000 niedersächsischen Handwerksbetrieben gaben knapp 60 Prozent der Befragten an, dass sie ihre Ausbildungsplätze nicht vollständig besetzen konnten. Im Vorjahr lag dieser Wert noch bei 40 Prozent. Gleichzeitig beobachten 80 Prozent der Betriebe einen Rückgang der Bewerberzahlen.

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„Das Handwerk kann seinen Mitarbeiterstamm nicht durch Roboter ersetzen“, warnte Schneider. Der Fachkräftemangel treffe nicht nur die Betriebe, sondern die gesamte Gesellschaft, besonders in ländlichen Räumen. Auch die Kunden spüren den Mangel: Laut dem Zentralverband des Deutschen Handwerks warten Bauherren deutschlandweit typischerweise mehr als zehn Wochen auf Handwerker.

Friseur lockt mit Kreuzfahrt  

Niedersächsische Betriebe versuchen mittlerweile, Bewerber mit besonderen Extras zu überzeugen: Zum Beispiel bieten Glaser und Dachdecker ihren Azubis Auslandsaufenthalte oder bezahlen den Führerschein, berichtet die Handwerkskammer Hannover. Der hannoversche Friseur Tondemus versprach vor Kurzem dem besten Bewerber eine Kreuzfahrt. Außerdem stellt er Zusatzleistungen wie eine Fitnessclub-Mitgliedschaft und einen Dienstwagen in Aussicht.

Aus Sicht von NHT-Präsident Mike Schneider muss die Politik mit einen „Masterplan zur Stärkung der dualen Berufsausbildung“ auf den Fachkräftemangel reagieren. Die Unterrichtsversorgung an niedersächsischen Berufsschulen von 88 Prozent sei desolat. Das Problem treffe aber auf wenig Interesse. „Da ist es schon verwunderlich, dass bei einer Unterrichtsversorgung von 98,9 Prozent an den Gymnasien ein Aufschrei durch das Land geht.“

Nach Angaben der Gewerkschaft IG Bauen-Agrar-Umwelt (IG Bau) werben große Bauunternehmen in Niedersachsen seit Kurzem auch mit Barprämien um neue Mitarbeiter. Auszubildende könnten mit 500 Euro rechnen, Gesellen mit 2000 Euro. „Das ist kein Akt der Fürsorge, sondern wirtschaftliche Notwendigkeit“, sagte Kai Schwabe, stellvertretender Regionalleiter der Gewerkschaft in Niedersachsen.

Er betonte, dass Arbeitgeber ihre Stellen auch mit höheren Löhnen attraktiver machen müssten. In den aktuellen Tarifverhandlungen im Bauhauptgewerbe fordert die Gewerkschaft unter anderem sechs Prozent mehr Lohn und ein 13. Monatsgehalt. „Wir schließen Streiks nicht aus“, sagte Schwabe. 

Von Christian Wölbert

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