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Niedersachsen Bringt Löwenzahn das neue Massengeschäft?
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Bringt Löwenzahn das neue Massengeschäft?
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09:53 04.12.2016
Von Lars Ruzic
Anspruchslos und überall anzubauen: Gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut testet die Conti den Löwenzahn als Alternative zum Kautschukbaum.
Anspruchslos und überall anzubauen: Gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut testet die Conti den Löwenzahn als Alternative zum Kautschukbaum. Quelle: Continental
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Hannover

Nach Jahren der Forschung will der Continental-Konzern die Gewinnung von Kautschuk aus Löwenzahn zum Massengeschäft ausbauen. „Wir werden jetzt die Industrialisierung vorantreiben“, sagte der Leiter der Materialentwicklung, Andreas Topp, der HAZ. Dafür wollen die Hannoveraner für 35 Millionen Euro eine Forschungsanlage im vorpommerschen Anklam aufbauen, die nach und nach zum Pilot­betrieb und letztlich zur Massenfertigung erweitert werden könnte. In frühestens fünf Jahren rechnet Topp mit der Serienreife.

Gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie arbeitet die Conti seit gut fünf Jahren an dem Projekt, die Pusteblume zur Alternative zum Kautschukbaum aufzubauen. Dazu haben die Fraunhofer-Forscher russischen Löwenzahn so umgezüchtet, dass seine Wurzeln möglichst viel Milch liefern, aus der wiederum der Kautschuk gewonnen wird. Bis heute ist dieser Naturstoff in der Gummiproduktion nicht ganz zu ersetzen.

Allein die Conti benötigt für ihre Reifen und technische Gummiprodukte gut eine halbe Million Tonnen Naturkautschuk pro Jahr. Das Material kommt aus Plantagen des Kautschukbaums, der nur in einem „Gürtel“ rund um den Äquator gedeiht. Das macht den Transport des Kautschuks nicht nur aufwendig, der komplette Weltmarkt ist auch abhängig von den Ernten einer vergleichsweise kleinen Region. Extreme Preisschwankungen sind deshalb nicht unüblich. Bei der Conti rechnet man damit, dass der Kautschukbedarf auch mittel- und langfristig weiter steigt. Die Hannoveraner wollen sich mit der Initiative deshalb unabhängiger vom „Kautschukgürtel“ machen.

Der Ertrag stimmt noch nicht

Der russische Löwenzahn produziert mehr Latexsaft als der deutsche. Er ist zudem besonders anspruchslos und gedeiht auch auf Böden, auf denen Kartoffeln oder Getreide kaum Erträge liefern würden. Die Pflanze könne nahezu überall angebaut werden, meinte Topp. In ersten Kleinserien habe man den Löwenzahn-Kautschuk - für den sich Conti bereits die Marke „Taraxa Gum“ gesichert hat - bereits eingesetzt. „Das Material ist ohne Einschränkungen nutzbar“, so der Chemiker.

Gleichwohl haben die Entwickler noch einen weiten Weg vor sich. „Wir sind beim Ertrag noch nicht da, wo wir hinwollen“, räumte Topp ein. Der Konzern benötige eine Tonne Kautschuk aus einem Hektar Löwenzahn, um das Geschäft wirtschaftlich betreiben zu können. Die Züchter seien hier jedoch noch „unter Volldampf“ dabei, die Ausbeute zu erhöhen. Parallel muss die Conti eine landwirtschaftliche Anbau- und Erntepraxis, einen wirtschaftlichen Extraktionsprozess und eine profunde Qualitätskontrolle entwickeln.

Dies alles soll in Anklam geschehen. Der Standort sei ideal für Conti geeignet, „weil wir dank der großen Ländereien mit wenigen Partnern viel Fläche zur Verfügung haben“, sagt Topp. Erste Landwirte habe man bereits an Bord geholt. Beginnen will der Konzern auf zwei Hektar, in zwei Jahren sollen es bereits bis zu 50 Hektar Anbaufläche sein. Auch für die Entwicklung von Erntemaschinen habe man sich Partner geholt. Derzeit läuft die Standortsuche für die Forschungsanlage. Rund 20 Arbeitsplätze sollen dort mittelfristig entstehen.

Mit der Forschung am Kautschuk aus Löwenzahn stehen die Hannoveraner längst nicht mehr allein da. Sowohl in den USA als auch in China gibt es ähnliche Initiativen. „Wir haben eine ganz gute Startposition“, ist sich Topp sicher. Zwar seien die Entwicklungen noch nicht patentiert worden. „Aber wir haben ein Interesse daran, das für uns abzusichern.“

Anklam könnte mittelfristig als Lieferant für die Gummi-Mischsäle der Conti in Europa fungieren - wie etwa für den in Hannover-Stöcken. Für die Werke auf anderen Kontinenten müssten vor Ort eigene Felder aufgebaut werden. Als erstes großes Etappenziel peilt Topp an, 10 Prozent des Kautschukbedarfs aus Löwenzahn zu decken.

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