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Niedersachsen Bundesgerichtshof entscheidet über Versteigerung von Zahnarztbehandlung
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Bundesgerichtshof entscheidet über Versteigerung von Zahnarztbehandlung
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20:09 30.11.2010
Von Jens Heitmann
Im Internet bittet ein Emsländer um die beste Offerte für seine Zahnbehandlung. Quelle: dpa
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Die Zahnärzte müssen sich beeilen. Noch bis Mittwochmittag 13 Uhr haben die Konkurrenten Zeit, ihren Kollegen zu unterbieten. Für 6047,38 Euro ist dieser bereit, einem Patienten aus dem Emsland sechs Implantate zu setzen. Das war diesem jedoch zu teuer, sodass er nun im Internet unter „2te-Zahnarztmeinung.de“ um günstigere Angebote bittet. Bis gestern waren sieben Offerten eingegangen – die besten unterbieten den ursprünglichen Preis um 40 Prozent. Der Nachteil: Der Patient muss einen weiten Anfahrtsweg in Kauf nehmen – bis kurz vor Pinneberg oder nach Düsseldorf.

Auf die Idee mit den Auktionen ist Holger Lehmann gekommen, als er selbst eine Brücke brauchte. Der Diplom-Kaufmann aus Düsseldorf hatte auf Rat seiner Eltern ein zweites Angebot eingeholt – und am Ende ein Viertel der Kosten gespart. Vor fünf Jahren machte er ein Geschäftsmodell daraus und hat seither knapp 65 000 Auktionen abgewickelt. Im Schnitt sparten die Patienten 56 Prozent ihres ursprünglichen Rechnungsbetrages, berichtet Lehmann: „Für die Zahnärzte ist das immer noch lukrativ.“

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Das sehen nicht alle Doctores so. Die Vorsitzenden der Kassenzahnärztlichen Vereinigung (KVZ) Bayern klagen unter Verweis auf die Berufsordnung auf Unterlassung. Es sei „berufsunwürdig, einen Kollegen aus seiner Behandlungstätigkeit oder als Mitbewerber um eine berufliche Tätigkeit durch unlautere Handlungen zu verdrängen“. Durch zwei Instanzen waren sie erfolgreich – am Mittwoch entscheidet der Bundesgerichtshof (BGH).

Auch ohne das Internet gebe es bereits genug Wettbewerb unter den Zahnärzten, findet Niedersachsens KZV-Chef Jobst-Wilken Carl. Für die Qualität der Versorgung sei es wichtig, dass die Behandlung wohnortnah erfolge: „Die Zahnärzte wollen nicht den Wettbewerb aushebeln – es geht uns um den Schutz der Patienten.“

Daran hegen zumindest einige Krankenkassen Zweifel, die Lehmanns Internetportal als Partner gewonnen hat. Allerdings stellen im Jahr durchschnittlich nur rund 420 Mitglieder der AOK Niedersachsen ihren Heil- und Kostenpläne auf „2te-Zahnarztmeinung.de“ ins Netz – bei insgesamt 360 000 Behandlungsfällen. Für die Versicherten ist das kostenlos, sonst fällt eine Gebühr zwischen 2,50 und 7,50 Euro an. Die Basis des Portals ist die Umsatzbeteiligung bei den Zahnärzten: Wer den Zuschlag erhält, muss 20 Prozent seines Behandlungshonorars nach Düsseldorf überweisen. Seit Gründung der Auktionsseite hat Lehmann nach eigenen Angaben 200 000 Euro verdient.

Nicht nur unter den Zahnärzten ist der Wettbewerb hart – auch die Internetportale haben zu kämpfen. Anbieter wie Opor oder Dentcorp sind offenbar nicht mehr aktiv, Zahngebot.de ist übernommen worden und hat 2009 rote Zahlen geschrieben. Falls der BGH die Urteile der unteren Instanzen bestätigt, wäre das Auktionsmodell am Ende. „2te-Zahnarztmeinung.de“-Gründer Lehmann schreckt das nicht: Er will dann sein Portal umstellen und als „Patientenscout“ weitermachen, also gegen eine Provision Festpreisangebote von Zahnärzten vermitteln. „Solche Informationen darf jeder geben“, sagt Lehmann.