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15:59 04.03.2019
Eine Arbeiterin untersucht Cannabis-Pflanzen in einem Gewächshaus in Israel. Das Land gilt als einer der führenden Standorte bei der medizinischen Cannabisforschung. Quelle: dpa
Berlin/Hannover

Immer mehr schwerkranke Menschen bekommen Cannabis auf Rezept. Im vergangenen Jahr haben Apotheken rund 145.000 Einheiten cannabishaltiger Zubereitungen und unverarbeiteter Blüten auf Basis von etwa 95.000 Rezepten auf Kosten der gesetzlichen Krankenversicherung abgegeben – das sind mehr als dreimal so viele wie in den knapp zehn Monaten von der Freigabe von März bis Dezember 2017. Auch wurden 2018 gut 53.000 Packungen Fertigarzneien mit Cannabis-Stoffen abgegeben, ein Plus von einem Drittel. Das geht aus den Zahlen der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände hervor.

Bei der Erstverordnung einer Cannabis-basierten Therapie muss bei der Krankenkasse vorab eine Genehmigung eingeholt werden. Die AOK Niedersachsen verzeichnete im vergangenen Jahr insgesamt 1222 Anträge – ein Plus von 30 Prozent im Vergleich zum Zeitraum März bis Dezember 2017. Knapp zwei Drittel der Anträge habe man genehmigt, sagt ein AOK-Sprecher. Bei der Krankenkasse ist rund jeder dritte gesetzlich Krankenversicherte in Niedersachsen Mitglied.

Die Daten legten nahe, dass deutlich mehr Patienten mit medizinischem Cannabis versorgt würden als vor zwei Jahren, sagt Andreas Kiefer, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Arzneiprüfungsinstituts und Präsident der Bundesapothekerkammer. „Aber wir wissen nicht, ob inzwischen alle Patienten, die von medizinischem Cannabis profitieren könnten, Zugang dazu haben.“ Daten zur Zahl der Cannabis-Patienten gebe es nicht, hieß es. Zudem fehlten Angaben zu Rezepten von Privatpatienten.

Dass Cannabis auch eine medizinisch nützliche Wirkung haben kann, ist schon lange bekannt. So kann es beispielsweise Spastiken bei Multipler Sklerose lindern oder chronische Schmerzen betäuben. Bei anderen Symptomen wie etwa bei Übelkeit und Erbrechen nach Chemotherapien oder beim Tourette-Syndrom sei die Wirksamkeit noch nicht ausreichend belegt, betont die Bundesärztekammer.

Geschuldet ist die schwierige Beweislage auch der Vielseitigkeit der Pflanze. Bis zur Liberalisierung gedieh medizinisches Cannabis in Deutschland nur in einer Nische: Die rund 1000 Patienten, die seinerzeit über eine Ausnahmegenehmigung verfügten, litten an mehr als 50 unterschiedlichen Erkrankungen. In der Forschung finden sich viele kleine Studien, die Hinweise auf die Wirkung von Cannabis liefern – aber noch ist es der Wissenschaft nicht gelungen, die vielen Fäden in einem Standardwerk zu bündeln.

Gelten für Medikamente üblicherweise hohe Zulassungshürden, wurde Cannabis zur Verordnung erlaubt, während der Gesetzgeber die Wirksamkeit noch begleitend erforschen lässt. Diverse Fragen rund um den medizinischen Nutzen müssten daher noch offen bleiben, erklärt der AOK Bundesverband. Dazu zähle auch, welche Diagnose eine Cannabis-Verordnung ermögliche. Eine klare Indikation für die Anwendung von Blüten gebe es bisher nicht. Im ersten Halbjahr 2018 gaben die Kassen insgesamt rund 30 Millionen Euro für medizinischen Cannabis aus.

„Die intensive öffentliche Berichterstattung hat bei den Patienten überzogene Erwartungen geweckt, wann eine Cannabis-Therapie auf Rezept möglich ist“, sagt der niedersächsische AOK-Chef Jürgen Peter. Doch nicht für alle Patienten sei Cannabis das richtige Mittel der Wahl. „Um den Stellenwert von Cannabis in der Medizin objektiv bewerten zu können, sind dringend hochwertige und aussagekräftige Studien vonnöten.“

Von Alexander Sturm und Jens Heitmann

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