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Niedersachsen Conti will Werk in Salzgitter schließen
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Conti will Werk in Salzgitter schließen
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00:24 09.05.2015
Von Lars Ruzic
„Keine dauerhafte Zukunftsperspektive“: Der Contitech-Konzern macht sein Werk in Salzgitter dicht. Quelle: Karliczek
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Hannover

Der Autozulieferer Continental will sein Werk in Salzgitter schließen. Nach HAZ-Informationen hat das Management die Belegschaft am Mittwoch auf einer Betriebsversammlung über die Pläne informiert. Es will nun zügig Verhandlungen mit den Arbeitnehmervertretern über einen Interessenausgleich aufnehmen. 220 Beschäftigte stehen vor dem Jobverlust. „Zu unserem großen Bedauern sehen wir keine dauerhafte Zukunftsperspektive für den Standort“, sagte Geschäftsführer Florian Fauth.

39 Milliarden Euro

Continental hebt nach gutem Jahresstart seine Ziele an.

Das Werk Salzgitter gehört zur Konzerntochter Contitech, deren neuer Chef Hans-Jürgen Duensing erst seit wenigen Tagen im Amt ist. Hergestellt werden dort Schlauchleitungen für Klimaanlagen und Turbolader im Auto. Die Produktionsstätte geht auf eine Ausgliederung des Volkswagen-Konzerns zurück, der vor 20 Jahren rund 60 Beschäftigte seines Motorenwerks und eine Fertigungshalle in Salzgitter an Contitech abgegeben hatte. 1999 baute der Zulieferer eine neue Fabrik in direkter Nachbarschaft. Vor etwa zehn Jahren produzierten dort noch 430 Mitarbeiter etwa 2,2 Millionen Schlauchleitungen. Inzwischen ist das Volumen um mehr als ein Viertel gesunken. Die Belegschaft hat sich halbiert.

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Conti-Baustellen in Deutschland

Der Conti insgesamt mag es glänzend gehen – und doch hat der Konzern derzeit einige Werke in Deutschland, die an ihrer Wettbewerbsfähigkeit arbeiten müssen.
Gifhorn: Das Werk mit seinen 1600 Beschäftigten gilt als zu komplex und zu teuer. Seit Jahren schreibt es rote Zahlen. Sieben Produktgruppen tummeln sich auf dem 22 Hektar großen Gelände – von einfachen Bremszylindern bis zu komplexen Elektromotoren. Seit einem halben Jahr verhandeln Management und Betriebsrat über die Sanierung – Kündigungen nicht ausgeschlossen.
Rheinböllen: Der rheinland-pfälzische Standort mit seinen 650 Beschäftigten hat gerade eine Betriebsvereinbarung geschlossen, die unter anderem den Verzicht auf bezahlte Pausen und Antrittsprämien am Wochenende vorsieht. Der Sonnabend wurde zum Regelarbeitstag erklärt. Dafür sind die Arbeitsplätze bis 2017 sicher.

Seit Jahren bemühe man sich vergeblich um neue Aufträge für den Standort, berichtete Fauth. Selbst bei knappster Kalkulation und intensivster Suche nach „jedem nur erdenklichen Einsparungspotenzial“ habe man aber am Markt nicht mithalten können. Und Aufträge anzunehmen, die die Kosten nicht decken, könne sich der Standort nicht leisten. Das Werk in Salzgitter schreibe seit Längerem rote Zahlen, heißt es aus dem Konzern. Den Preisvorstellungen von VW habe man mit der Produktion am Hochlohnstandort Deutschland nicht mehr entsprechen können.

Den Ausschlag für die Schließung gab nun die Umstellung von der fünften auf die sechste Transporter-Generation bei VW Nutzfahrzeuge in Hannover. Die Klimaanlagen des T5 bekamen ihre Leitungen noch aus Salzgitter – für den T6 war der Standort dann zu teuer. Zwar konnte Contitech den Nachfolgeauftrag gewinnen. Hergestellt werden die Produkte für den T6 jedoch am Standort Timisoara in Rumänien, wo die Löhne im Schnitt bei knapp einem Siebtel des deutschen Niveaus liegen. Da die Schlauchsysteme zu einem großen Teil in Handarbeit gefertigt werden, spielen die Lohnkosten im Wettrennen um die Großaufträge eine wichtige Rolle.

Salzgitter bricht damit ein Drittel des Umsatzes weg. Damit sei eine kostendeckende Produktion nicht mehr möglich, erklärte Fauth, der die verantwortliche Tochter Contitech-Techno-Chemie führt. Die restlichen Aufträge will die Firma nun an ihre anderen Standorte verteilen. In Salzgitter wolle man „gemeinsam mit dem Betriebsrat nach einer sozialverträglichen Lösung“ suchen. Schon vor zwei Jahren hatten beide Seiten über einen Personalabbau verhandelt. Damals sollte mehr als jede dritte Stelle wegfallen. Man einigte sich auf die Einrichtung einer Transfergesellschaft. Am Ende liefen die Verkäufe dann aber besser als erwartet – und der Standort musste Leiharbeiter an Bord holen.

Kommentar: Die Problemfälle sammeln sich

Lange Zeit war es ruhig um die deutschen Autozulieferer. Die Geschäfte gehen gut, selbst die Flaute in Europa scheint langsam überwunden. Und doch bekommen immer mehr deutsche Standorte ein Problem mit der Wettbewerbsfähigkeit. Schon in Niedersachsen addieren sich inzwischen die Problemfälle: Bosch in Hildesheim, Delphi in Bad Salzdetfurth, Conti Teves in Gifhorn – und nun gleich die Schließung des  Contitech-Werks in Salzgitter.
Dass die Zulieferer die Fertigung einfacherer Produkte in Niedriglohnländer verlagern, ist heute selbstverständlicher Teil des Geschäfts. In den vergangenen Jahren konnten sie die Abgänge an den heimischen Standorten dadurch kompensieren, dass sie hier komplexere Produkte entwickelten und fertigten. Doch dieser Kreislauf scheint ins Stocken geraten zu sein. Vielleicht auch deshalb, weil von Zukunftstechnologien wie Elektrofahrzeugen, automatisiertem Fahren oder voll vernetzten Autos zwar viel geredet wird – sie aber in der Massenproduktion noch keine Rolle spielen. Derzeit drohen mehr Produktionsbereiche abzuwandern, als neue hinzukommen.
Milliardenschwere Effizienzprogramme wie bei Volkswagen machen es den Zulieferern nicht leichter, Jobs im Inland zu halten. Denn zuallererst sparen VW und Co. bei den Beschaffungskosten. Das tut im eigenen Haus niemandem weh – außerhalb aber umso mehr.

Albrecht Scheuermann 06.05.2015
Heiko Randermann 05.05.2015
08.05.2015