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Niedersachsen Continental siedelt Zentrale in Japan um
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Continental siedelt Zentrale in Japan um
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09:30 18.03.2011
Von Lars Ruzic
Hannover Maschine 747 aus Tokio kommt in Hannover an. Mitarbeiter von VW und Conti wurden aus Japan mit einer Sondermaschine ausgeflogen.  (Foto/ Michael Thomas)
Conti-Mitarbeiter werden im Flughafen in Hannover von ihren Kollegen empfangen. Quelle: Michael Thomas
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Die Busse verkehren täglich. Die Fahrt geht über mehr als 800 Kilometer von Yokohama bei Tokio nach Hiroschima im Süden Japans. Bloß so weit wie möglich weg von den havarierten Atomreaktoren von Fukuschima. Die Reisenden haben Glück im Unglück – sie müssen sich weder um die Fahrt, noch um eine Bleibe im sicheren Hiroschima kümmern. Sie müssen nur ihrem Arbeitgeber Bescheid geben, dass sie zum Umzug bereit sind.

Continental hat seit dem Beginn der Katastrophe in Japan vor einer Woche keine Zeit verloren. Noch am Freitag trafen sich in der hannoverschen Zentrale die Mitglieder des Krisenteams, das in solchen und anderen „Major Incidents“, wie das bei Conti wertfrei heißt, zusammenkommt. Hatte sich die Mannschaft zunächst um die Frage zu kümmern, ob die 950 Continentäler an sieben Standorten in Japan wohlauf sind, verschob sich das Krisenmanagement schnell auf den Umgang mit den Folgen eines GAUs.

Per Vorstandsbeschluss wurden die europäischen Mitarbeiter in die Heimat zurückgeflogen. „Das hat jedem die schwere Entscheidung abgenommen, ob er bleiben oder gehen soll“, sagt ein Sprecher. Die Japan-Zentrale in Yokohama bei Tokio wurde kurzerhand nach Hiroschima verlegt. Dass der Großraum Tokio mehr als 200 Kilometer vom Unglücksreaktor entfernt liegt, konnte bei Conti niemanden beruhigen. „Wie soll man sich dort auf die Arbeit konzentrieren können, wenn man ständig bangen muss, dass der Wind nicht dreht?“

Schnell hat das gut 30-köpfige Krisenteam reagiert. Für die Beschäftigten der Japan-Zentrale und zweier weiterer Standorte sowie deren Familien mieteten die Hannoveraner 400 Wohnungen in der Region Hiroschima. Der Standort, der bislang nur mit Bremssystemen beschäftigt war, soll vorübergehend als Hauptquartier dienen. Conti habe sich frühzeitig zu diesem Schritt entschlossen, um nicht in Nöte zu geraten, wenn es in Fukuschima zum Äußersten kommen sollte, hieß es. Der Umzug auf Zeit ist freiwillig – doch schon am ersten Tag nahmen mehr als 100 Menschen das Angebot an.

Die Vorteile für das Unternehmen liegen auf der Hand: Die Mannschaft vor Ort bleibt einsatzbereit, kann sich gerade jetzt, wo jede helfende Hand gebraucht wird, voll auf die Arbeit konzentrieren. Die Produktion der japanischen Autoriesen soll bereits in der kommenden Woche wieder angefahren werden. Gleichzeitig muss die Versorgung mit Komponenten für die Conti sichergestellt sein. „Das Ganze geschieht nicht komplett uneigennützig“, räumt der Sprecher offen ein. Japan ist für Conti zwar kein großer Markt – mit rund 600 Millionen Euro werden dort gerade rund 2 Prozent des Umsatzes erwirtschaftet –, doch das Potenzial ist groß. Conti bemüht sich seit Jahren, bei Toyota und Co. mehr als nur einen Fuß in die Tür zu bekommen. Doch das sei ein mühsames Geschäft, bei dem man immer am Ball bleiben müsse, heißt es – auch oder gerade jetzt.