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Niedersachsen „Mit der ersten Zinserhöhung rechne ich nicht vor 2019“
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen „Mit der ersten Zinserhöhung rechne ich nicht vor 2019“
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18:18 25.06.2017
Von Stefan Winter
Quelle: dpa
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Die amerikanische Notenbank hat gerade wieder die Zinsen erhöht. Wäre es für die Europäer nicht auch langsam Zeit, Herr Fratzscher?

Das würden sich gerade in Deutschland zwar viele wünschen, aber es käme deutlich zu früh. Die deutsche Wirtschaft würde wohl eine straffere Geldpolitik vertragen, aber das gilt eben noch nicht für die ganze Euro-Zone. Die Kapazitäten in der Wirtschaft sind immer noch relativ schlecht ausgelastet. Die Arbeitslosigkeit ist sehr hoch, die Inflation zu niedrig. Ich sehe vorerst wenig Spielraum für die Europäische Zentralbank. Wenn alles gut läuft, wird sie im nächsten Jahr schrittweise die Anleihenkäufe beenden, mit der ersten Zinserhöhung rechne ich nicht vor 2019.

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Die Ersparnisse schmelzen unterdessen weg, die Sparer resignieren.

Ja, das ist ärgerlich für viele kleine Sparer. Aber es hat auch damit zu tun, dass wir Deutschen generell schlecht sparen. Der Anteil von Aktien und Immobilien in der Geldanlage ist zu niedrig. Die größte Herausforderung ist jedoch, dass viele Leute überhaupt keine Altersvorsorge betreiben. 40 Prozent der Deutschen haben überhaupt keine Ersparnisse, sind also nicht in der Lage, von ihrem Einkommen Rücklagen zu bilden.

Es scheint, als würde Europa langsam wieder Tritt fassen. Markiert die Wahl von Emmanuel Macron in Frankreich eine Wende?

Das ist jedenfalls ein politisches Hoffnungszeichen. Überhaupt finde ich, dass Frankreich in der deutschen Sicht oft zu schlecht weggekommen ist. Dort ist schon einiges passiert. Viel größere Sorgen mache ich mir wegen Italien. Die Wirtschaft dort ist schwach, der Bankensektor schwer angeschlagen, die Reformen sind steckengeblieben. Und wer weiß, was bei den Wahlen herauskommt, die es wahrscheinlich Anfang 2018 geben wird.

Rechnen wir mal mit dem Schlimmsten: Was kann passieren?

Es treten mit der Lega Nord und der Fünf-Sterne-Bewegung zwei Gruppen an, die über den Verbleib in der EU abstimmen lassen wollen - und damit auch über den Euro. Würde Italien den Austritt beschließen, käme Europa in eine extrem schwierige Lage. Daneben würde der Lehman-Zusammenbruch im Rückblick relativ moderat aussehen. Und selbst wenn nicht das Schlimmste passiert: Durch seine hohe Verschuldung und die angeschlagenen Banken ist Italien extrem anfällig. Schon steigende Zinsen werden zu Problemen führen.

Wie groß schätzen Sie die Gefahr ein?

Die Wahrscheinlichkeit für einen EU-Austritt ist niedrig, aber nennenswert. Vor allem aber wären die Folgekosten enorm. Und das gilt nicht nur für einen Austrittsbeschluss, sondern schon für die Ankündigung eines Referendums: Warum sollten sich internationale Anleger diesem Risiko aussetzen? Sie würden flüchten. Vor allem wäre das im Gegensatz zu früheren Euro-Krisen eine politische Entscheidung, bei der die EZB nicht einspringen könnte - das gibt ihr Mandat nicht her. Das „Whatever it takes“, mit dem EZB-Präsident Mario Draghi 2012 wahrscheinlich den Zusammenbruch verhindert hat, kann er hier nicht wiederholen. Es ist ein Horrorszenario.

Das ist eine Zwickmühle: Italien braucht Reformen - aber setzt man sie durch, wird es wohl erst recht Austrittsforderungen geben.

Da bin ich nicht so sicher. Macron hat in Frankreich gerade gezeigt, dass man mit Reformkurs und Euro-Optimismus Wahlen gewinnen kann. Auch in Italien hatte Matteo Renzi gut losgelegt, die Reformen haben ihm zunächst nicht geschadet. Meine Hoffnung ist, dass Italien wieder dort anknüpft. Und was wir gern übersehen: Die Bundesregierung trägt bisher sehr wenig dazu bei, Europa weiterzuentwickeln. Sie hat meist Nein zu vielen Reformvorschlägen gesagt.

Die Bundesregierung pocht auf die einmal beschlossenen Regeln. Ist das so falsch?

Nein, das ist absolut richtig. Aber so, wie Europa jetzt aufgestellt ist, wird der Euro nicht nachhaltig sein. Wir brauchen wirtschafts- und vor allem finanzpolitisch eine stärkere Koordination und Integration.

Dann reden wir über Transferunion und Eurobonds? Beides ist in Deutschland extrem unbeliebt.

Wir brauchen keine Transferunion, aber eine Art Versicherungsunion: Man könnte einen Fonds auflegen, in den Länder in guten Zeiten einzahlen und aus dem sie in Krisen unterstützt werden. Über einen Euro-Finanzminister hat sogar Wolfgang Schäuble schon einmal nachgedacht. Ich glaube, man kann da Kompromisse finden. Als Wirtschaftsnation sind wir Deutschen manchmal überheblich, ein bisschen Bescheidenheit würde nicht schaden.

Nach den Italien-Wahlen könnte es - im besseren Fall - passieren, dass mit Emmanuel Macron und Matteo Renzi zwei neue Hoffnungsträger die Euro-Politik prägen. Ist das dann gut oder schlecht?

Dieses Duo wäre ein Signal pro Europa, aber natürlich würden die Deutschen dann nicht mehr so dominieren wie bisher. Ich halte es für gut, dass Macron die Bundesregierung unter Druck setzt. Wir brauchen Bewegung, wenn die Währungsunion dauerhaft stabil werden soll. Aus Berlin habe ich dazu bisher keine wirklich konstruktiven Vorschläge gehört.

Schauen wir noch weiter voraus: Was wird aus dem Euro in fünf Jahren geworden sein?

Ich bin Optimist, und deshalb glaube ich nicht nur, dass es die Währungsunion noch geben wird - sie wird sogar mehr Mitglieder haben als heute.

Interview: Stefan Winter

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