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Niedersachsen Das Kartoffel-Kartell reicht bis Hannover
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Das Kartoffel-Kartell reicht bis Hannover
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22:18 12.05.2013
Foto: „Das wäre ein Skandal“: Verbraucher könnten über Jahre überhöhte Preise für Kartoffeln bezahlt haben. Auch Firmen aus Niedersachsen stehen in Verdacht, Preise abgesprochen zu haben.
„Das wäre ein Skandal“: Verbraucher könnten über Jahre überhöhte Preise für Kartoffeln bezahlt haben. Auch Firmen aus Niedersachsen stehen in Verdacht, Preise abgesprochen zu haben. Quelle: dpa
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Hannover/Bienenbüttel

Bei den Ermittlungen gegen ein bundesweites Kartoffel-Kartell ist auch Niedersachsen als wichtigstes Agrarland in den Fokus des Kartellamts geraten. Nach Medienberichten stammt einer der wegen illegaler Preisabsprachen verdächtigten Betriebe aus Uetze-Dollbergen in der Region Hannover. Auf Anfrage wollte das betroffene Unternehmen zunächst keine Stellungnahme abgeben. „Wenn sich der Verdacht der illegalen Absprachen bestätigt, wäre das ein Skandal“, sagte Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) der HAZ. „Nicht nur die Verbraucher wären durch überhöhte Preise erheblich geschädigt worden. Auch einige Kartoffelbauern haben ihre Pflanzkartoffeln möglicherweise zu erhöhten Preisen bekommen und wären die Geschädigten.“

Weitere Angaben lehnte das Landwirtschaftsministerium mit Verweis auf die laufende Ermittlungen des Bundeskartellamtes ab. Minister Meyer betonte aber: „Es kann nicht sein, dass wenige große Spieler die Konditionen diktieren und die Landwirte und Verbraucher die Zeche zahlen.“ Er sieht sich in seiner Auffassung bestätigt, in der Landwirtschaft die Vielfalt fördern zu wollen. „Wir wollen die Subventionen von den Großen auf die Kleinen umverteilen. Die kleinen Betriebe sollen pro Hektar mehr Subventionen bekommen.“

Nach Informationen der „Süddeutschen Zeitung“ sollen 80 bis 90 Prozent der großen und größeren Verarbeitungsbetriebe in der Kartoffel- und Zwiebelbranche regelmäßig die Preise abgesprochen haben, zu denen Supermarkt-Ketten beliefert wurden. Die Gewinnmargen wurden so erhöht, Verbraucher zahlten zu viel; auch Pflanzkartoffeln für die Bauern sollen zu überhöhten Preisen angeboten worden sein. Das Bundeskartellamt hatte am Freitag Ermittlungen wegen illegaler Preisabsprachen bestätigt. Neun Unternehmen seien durchsucht worden, gegen fünf weitere Unternehmen wurden schriftlich Bußgeldverfahren eingeleitet. Nach Angaben der „Bild“-Zeitung stammen die verdächtigen Firmen aus Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern.

Das Kartell habe ganz einfach funktioniert, berichtete die „Süddeutsche Zeitung“. Vor Bestellungen der großen Discounter-Ketten habe ein Mitglied des Kartells die Kollegen angerufen und den Wochenpreis für Kartoffeln ausgemacht. Die Angebote sollen sich dann nur um wenige Cent unterschieden haben.

Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) zeigte sich zufrieden mit den Ermittlungen des Bundeskartellamtes. Nicht nur die Verbraucher, sondern auch viele Landwirte seien durch Absprachen großer Kartoffelhandels-Unternehmen möglicherweise massiv geschädigt worden, erklärte der niedersächsische AbL-Vorsitzende Ottmar Ilchmann. Mehrere Landwirte hätten seit Langem ein undurchsichtiges und marktbeherrschendes Gebaren großer Kartoffelzucht- und Kartoffelhandelsunternehmen kritisiert. Die AbL forderte deutlich mehr Markttransparenz und eine stärkere Bündelung der Interessen der Kartoffelbauern gegen Zucht- und Großhandelskonzerne.

Noch gehen die Angaben über den volkswirtschaftlichen Schaden weit auseinander. Die „Süddeutsche Zeitung“ nannte unter Berufung auf einen nicht genannten Branchen-Insider eine Summe von mehr als 100 Millionen Euro. Laut „Bild“-Zeitung summieren sich die illegal angehäuften Gewinne über zehn Jahre hinweg sogar auf rund eine Milliarde Euro. Eines der neun betroffenen Unternehmen kündigte in Mönchengladbach für die kommenden Tage eine Stellungnahme an. Vorher werde man sich zu den Vorwürfen nicht äußern.

Jede zweite Knolle aus Niedersachsen

Das Agrarland Niedersachsen ist auch im Kartoffelanbau die Nummer eins. Fast jede zweite Knolle (46 Prozent) kommt von der Feldern zwischen Ems und Elbe. Im vergangenen Jahr waren das 4,85 Millionen Tonnen, die auf einer Gesamtfläche von fast 104 000 Hektar – einer Fläche, größer als das Land Berlin – geerntet wurden.

Im Vergleich zu den anderen Kartoffelbauern sind die gut 5000 Landwirte in Niedersachsen Großunternehmer. Sie bewirtschaften im Durchschnitt eine Fläche von 21,4 Hektar. Zum Vergleich: An zweiter Stelle folgen die Bayerischen Kartoffelanbauer mit einer Durchschnittsfläche von 
3,3 Hektar. Zum ersten Mal überhaupt ist diese Durchschnittsfläche in Niedersachsen im vergangenen Jahr gesunken.

Als Grund gelten geänderte EU-Förderrichtlinien und zuletzt stark gestiegene Preise für Weizen oder Mais, die zudem mit weniger Risiko behaftet seien. Hinzu kommt, dass der Kartoffelkonsum der Deutschen seit Jahren sinkt. Er liegt heute mit rund 56 Kilogramm pro Kopf und Jahr nur noch gut halb so hoch wie Anfang der siebziger Jahre.

Karl Doeleke/Frank Christiansen/lr/dpa

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

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