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Niedersachsen Die Rückkehr des Selbstbewusstseins bei Continental
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Die Rückkehr des Selbstbewusstseins bei Continental
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19:59 11.08.2010
Von Lars Ruzic
Maria-Elisabeth ist seit Monaten auf der Suche nach Möglichkeiten, ihre Schuldenlast zu senken.
Maria-Elisabeth ist seit Monaten auf der Suche nach Möglichkeiten, ihre Schuldenlast zu senken. Quelle: Rainer Dröse
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Es war der letzte Höhepunkt der Übernahmeschlacht zwischen Schaeffler und Continental – und gleichzeitig der Beginn einer ebenso vorhersehbaren wie trügerischen Ruhephase im Verhältnis von kleinem Großaktionär und großem Tochterunternehmen: Heute vor einem Jahr hat der neue Conti-Chef Elmar Degenhart seinen Job in der Konzernzentrale angetreten, bis dahin war er Leiter des Autogeschäfts von Schaeffler. Zuvor hatte der Großaktionär aus Herzogenaurach Vorgänger Karl-Thomas Neumann unter maximaler Zerstörung von Porzellan vom Hof gejagt.

Wenig später verschaffte sich das Familienunternehmen um Maria-Elisabeth Schaeffler und Sohn Georg Luft an der Kreditfront – und auch dem Letzten bei Conti schwante, dass die Franken zunächst einmal die Macht in Hannover übernehmen würden. „Unser Selbstbewusstsein“, erinnert sich ein Beteiligter, „war bis in die oberste Führungsebene hinein angeknackst.“

Heute ist davon nichts mehr zu spüren. Die Krise und der folgende steile Aufschwung haben dafür gesorgt, dass beide Konzerne vor allem mit sich selbst beschäftigt sind. Zusammenarbeit zwischen dem Kautschuk- und Elektronikriesen auf der einen und dem Wälzlager- und Kupplungsspezialisten auf der anderen Seite findet dort statt, wo sie denn stattfinden kann. Und dass der einstige 96-Sponsor Conti unter Vermittlung von Schaeffler jetzt zum Werbepartner des FC Bayern München avanciert ist, habe nichts mit einer schleichenden Bajuwarisierung des Konzerns zu tun, versichern sie bei der Reifensparte, sondern allein mit Marketing-Erwägungen.

Selbst vor einer Fusion beider Konzerne ist in Hannover niemandem mehr bange. „Wir sind zu gut, als dass man das hier abschaltet“, heißt es aus der Hauptverwaltung. Die Integration diverser Zukäufe habe man ebenso erfolgreich gemanagt wie verschiedene Kapitalerhöhungen. Conti habe mehr als ein Jahrhundert Erfahrung in der Steuerung eines börsennotierten Unternehmens, das es ja auch nach einer Fusion mit Schaeffler bleiben soll.
Nur: Ob es diesen Zusammenschluss je geben wird, steht in den Sternen. Sowohl Degenhart als auch Schaeffler-Chef Jürgen Geißinger betonen, dass er sinnvoll sei, verschieben das Projekt jedoch immer weiter nach hinten. Was einst schon in diesem Jahr über die Bühne gehen sollte, ist jetzt frühestens Ende 2011 geplant. „Das wird noch auf sich warten lassen“, ist sich ein Conti-Aufsichtsrat sicher.

Der Grund liegt vor allem bei Schaeffler. Die Conti-Übernahme hat bei dem Familienunternehmen eine Schuldenlast von gut 12 Milliarden Euro hinterlassen. Weil die fünf beteiligten Institute mit der Commerzbank an der Spitze wegen der Höhe ihrer Ausfallrisiken gar nicht anders konnten, als Schaeffler bei der Tilgung Luft zu verschaffen, gilt derzeit eine Art Stillhalteabkommen. Die Franken zahlen nur die Zinsen für den 7 Milliarden Euro schweren Schuldenblock, der auf dem operativen Geschäft lastet.

Das allein dürfte Schätzungen aus Bankenkreisen zufolge selbst im Aufschwungjahr 2010 nahezu ihren gesamten operativen Gewinn aufzehren. Wie die 2014 beginnende Rückzahlung funktionieren soll, liegt im Dunkeln. Es müsse ein Investor ins Boot geholt werden, wenn die Unternehmerin ihre Macht nicht mittelfristig an die Banken verlieren wolle, heißt es. Denn die Conti-Aktien sind an die Institute verpfändet. Doch die Suche gestaltet sich mehr als schwierig. „Die Scheichs warnen sich inzwischen schon gegenseitig vor, wenn die Schaeffler-Leute mal wieder vor Ort sind“, erzählt ein Insider.

Ein „Comeback der Milliardärin“, wie es der „Focus“ ausgemacht haben will, sieht anders aus. Das „Handelsblatt“ sieht dagegen den Traum von der Conti-Übernahme „ausgeträumt“. Wo die Realität dazwischen liegt, wissen wohl nicht einmal die Schaefflers oder ihre Topmanager Geißinger und Finanzchef Klaus Rosenfeld. Denn letztlich haben sie die Zukunft ihres Unternehmens und damit der Conti nicht mehr allein in der Hand. Sie können nur die Grundlagen für frisches Geld schaffen – und das heißt vor allem: das eigene Unternehmen kapitalmarktfähig machen. Die Rechtsform wurde bereits geändert, Aufsichtsräte bestellt. Zum ersten Mal in der Firmengeschichte wird Anfang September sogar eine Halbjahresbilanz offengelegt.

Conti ist da schon einige Schritte weiter. Die eigene Schuldenlast aus der VDO-Übernahme wurde mittels Kapitalerhöhung und Ausgabe einer Anleihe verringert und teils gestreckt. Noch lasten 8 Milliarden Euro auf dem Konzern. Doch mit dem rasanten Aufschwung ist zumindest die Bedienung der Zinsforderungen kein Problem mehr. Mit weiteren Anleihen wollen die Hannoveraner zudem weg von dem Klumpenrisiko, das sie im Sommer 2012 erwartet. Dann wollen alle Banken ihr Geld zurück.

Conti-Chef Degenhart hatte gleich zu Beginn seines ersten Jahres vor allem mit der Finanzierung zu tun. Gleichzeitig musste er Qualitätsprobleme beheben, die sich wegen des der Krise geschuldeten Sparkurses aufgetan hatten. Und nicht zuletzt musste er das Vertrauen der Mannschaft gewinnen. Letzteres scheint gelungen. „Er ist nicht gerade einer, der Feuer versprüht“, sagt ein Manager, „aber was er sagt, hat Bestand.“ Ein Aufsichtsrat will nach den dominanten Managern Manfred Wennemer und Neumann gar „eine neue Besinnlichkeit“ an der Firmenspitze ausgemacht haben.

Der Badener agiert vor allem im Hintergrund, öffentliche Auftritte sind seine Sache weniger. Wenn er sie denn wahrnehmen muss, überwiegt die Sorge, etwas falsch zu machen. Selbst aus der Automarke, die der 51-jährige Manager privat fährt, macht er ein Geheimnis. Man könnte es sich ja mit anderen Autoherstellern verderben. Ähnlich verhält es sich mit Degenharts Kommentaren zum Verhältnis zu seinem früheren Arbeitgeber. „Er wird nie etwas gegen die Familie oder die Firma Schaeffler tun“, sagt einer, der eng mit Degenhart zusammengearbeitet hat.

Als Garant einer starken Conti sehen sie in der Zentrale deshalb einen anderen – Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle. Der 61-Jährige, der erst nach langem Zögern im vergangenen Jahr das Amt übernahm, arbeitet ähnlich im Verborgenen wie Degenhart, aber mit nicht weniger Engagement. „An einem seiner sieben Arbeitstage widmet sich Reitzle zu 100 Prozent der Conti“, sagt ein Manager. Regelmäßig schlägt der Münchener, der im Hauptberuf Konzernchef von Linde ist, in Hannover auf. „Reitzle ist der Matador, Degenhart ausführendes Organ“, umschreibt es ein Aufsichtsrat.

Der frühere BMW- und Ford-Manager habe den engen Draht zur Familie Schaeffler und gleichzeitig das Standing, ihr unliebsame Entscheidungen abzuverlangen – wie etwa die Zustimmung zur Kapitalerhöhung, die den Schaeffler-Anteil an Conti von 90 auf 75 Prozent drückte. Im Aufsichtsrat sind sich die Arbeitnehmervertreter sicher, dass Reitzle die Unsicherheit bei Schaeffler nutzen wolle, um in der Zeit Conti so fit zu machen, „dass wir bei einer Fusion auf Augenhöhe verhandeln“.