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Niedersachsen Experten uneins über Zukunft des Geflügellands Niedersachsen
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11:21 23.01.2011
Putenküken auf einem Geflügelhof in Niedersachsen. Quelle: dpa
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In Niedersachsen wird fast die Hälfte des bundesweiten Umsatzes mit Geflügelfleisch gemacht. 2009 setzte die Branche im Nordwesten 915 Millionen von bundesweit 1,915 Milliarden Euro um. Insgesamt gibt es im Land nach Angaben des Zentralverbands der Geflügelwirtschaft (ZDG) 1845 Geflügelbetriebe. Unangefochten ist Niedersachsen Deutschlands Geflügelland Nummer eins.

Geflügelfleisch gilt als preiswert und gesund - und liegt damit eigentlich im Trend. Dieter Oltmann, niedersächsischer Landeschef des ZDG, ist davon überzeugt, dass der Dioxin-Skandal und die Proteste gegen geplante Mastanlagen und Schlachthöfe an diesem Image nichts geändert haben: „Der Verbrauch ist nach wie vor da.“ Oltmann prognostiziert ein nachhaltiges Wachstum des Marktes.

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Ganz anders sieht dies Eckehard Niemann, der Sprecher der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL). Seiner Meinung nach ist der Boom in der Geflügelbranche erst einmal vorbei. „Es geht mit Sicherheit abwärts für einen Zeitraum von zwei bis drei Jahren“, sagt Niemann. Dazu trügen auch die aktuellen Entwicklungen bei. „Der Dioxin-Skandal fällt in jedem Fall auf fruchtbaren Boden. Ich glaube, dass es dadurch schon einen Effekt geben wird.“

Beim Bauernverband will man ein Ende des Geflügel-Booms dagegen keinesfalls heraufbeschwören. Gabi von der Brelie, Sprecherin des Landvolks Niedersachsen, ist sogar vom Gegenteil überzeugt: „Ich denke, dass es keine Wende geben wird. Der Verbraucher reagiert immer sehr kurzfristig, und Geflügelfleisch ist generell eher noch im Wachstum.“ Von der Brelie rechnet mit einer Beruhigung des Marktes, wenn der Skandal aufgearbeitet ist.

Schätzungen des ZDG für den Geflügelfleisch-Verbrauch im vergangenen Jahr zeigen tatsächlich ein leichtes Wachstum. Der Pro-Kopf-Verbrauch der Deutschen ist demzufolge um 400 Gramm gestiegen und liegt nun bei 19 Kilogramm. Den größten Anteil daran hat das Hähnchenfleisch mit 11,2 Kilogramm.

Verstärkt auf die Zukunft der Geflügelindustrie setzt die Firma Rothkötter Frischgeflügel. Ihr gehört bereits ein großer Schlachthof in Haren (Kreis Emsland), momentan wird in Wietze (Kreis Celle) ein zweiter gebaut. Im Spätsommer sollen nach Angaben des Unternehmens die ersten Tiere geschlachtet werden, rund 108.000 pro Tag.

Ob die Firma aber die benötigten Mastbetriebe als Vertragspartner in der Region findet, halten Beobachter für fraglich. Auch Eckehard Niemann von der AbL ist kritisch: „Ich schätze, Herr Rothkötter hat bislang nur 50 Vertragspartner gefunden.“ Geplant seien ursprünglich 400 Partner gewesen. Nach Angaben einer Sprecherin rechnet das Unternehmen nicht damit, dass es Probleme geben könnte. Über den aktuellen Stand will es aber keine Auskunft geben.

Die Bürgerinitiative Wietze mit ihren rund 1250 Mitgliedern protestiert energisch gegen den Bau des Schlachthofes. „Der Betreiber hat große Probleme, er findet keine Mäster“, glaubt der Vorsitzende Norbert Juretzko. „Unser Protest trägt Früchte, wir sind eben keine klassische Geflügelregion.“ Er ist sich sicher, dass der Schlachthof in seiner ursprünglich geplanten Form nicht entstehen wird.

Wie gut oder schlecht die Aussichten grundsätzlich sind, können selbst Experten nicht mit Sicherheit beurteilen. Eine zuverlässige Vorhersage der Zukunftschancen für die Geflügelwirtschaft in Niedersachsen hält Hans-Wilhelm Windhorst von der Universität Vechta für schwierig. „Das ist momentan derartig unübersichtlich, da ist keine vernünftige Prognose möglich.“

dpa

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