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Niedersachsen Firma DVS aus Hannover tüftelt für Hollywood
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Firma DVS aus Hannover tüftelt für Hollywood
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11:53 25.05.2011
Von Dirk Stelzl
Mit der bei DVS in Hannover entwickelten Technik wurden schon viele erfolgreiche Kinofilme bearbeitet. Quelle: Michael Heck (Archivbild)
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Manchmal führt der Weg aus der sachlich-trockenen Welt der Wissenschaft bis ins schillernde Hollywood. Eine solche ungewöhnliche Karriere haben Hans-Ulrich Weidenbruch, Peter Spoer und Siegfried Beyer mit ihrem Videotechnikunternehmen DVS geschafft. Die hannoversche Firma entwickelt Hard- und Software zur Nachbearbeitung („Post Production“) von Filmen sowie Speicherlösungen für die Film- und TV-Industrie – und ihre Technik wird auch bei der Entstehung von Hollywood-Blockbustern angewandt.

Die drei Ingenieure forschten in den achtziger Jahren als wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Theoretische Nachrichtentechnik und Informationsverarbeitung der Universität Hannover und arbeiteten an ihrer Promotion. 1985 gründeten sie eine Firma, die sich mit Bildcodierung beschäftigte. Die Kunden waren vor allem Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Unternehmen wie Siemens und AEG. Ihr erstes Produkt war ein Bildspeicher, den sie vor allem Universitäten verkauften. 1986 stellten sie als Weiterentwicklung einen Bildsequenzspeicher für hochauflösendes Fernsehen (HDTV) vor. Wenig später produzierten sie Workstations für die Bildbearbeitung.

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Die Chefs der Firma DVS Digital Video Systems erkannten, welches Wachstumspotenzial in der Kino- und Unterhaltungsindustrie steckt – und nutzten die Chancen: Mit den Jahren hat sich DVS eine derart wichtige Position bei der professionellen digitalen Film- und Videotechnik erarbeitet, dass das Unternehmen in das von Florian Langenscheidt und Bernd Venohr herausgegebene „Lexikon der Deutschen Weltmarktführer“ aufgenommen wurde, neben Firmen wie Continental, Otto Bock, Enercon, Sartorius, Mast-Jägermeister, VSM Vereinigte Schmirgel- und Maschinen-Fabriken oder KWS Saat.

Die meisten Hollywood-Filme entstünden mit DVS-Technik, sagt Geschäftsführer Weidenbruch. Auch andere Filmstudios und Fernsehanstalten setzen Workstations der Hannoveraner für ihre Produktionen ein. So wurden Kinofilme wie „The King’s Speech“, „Rio“, „Water for Elephants“, „Resident Evil“, „Tron Legacy“, „Konferenz der Tiere“ oder Fernsehproduktionen wie „Marina And The Diamonds“ in 3-D mit Hard- und Software von DVS produziert. Von außen wirkt das Firmengebäude in einem Gewerbegebiet an der Krepenstraße nicht spektakulär – doch in den Büroräumen erinnern Filmplakate daran, dass die Hannoveraner ein glamouröses Metier beliefern, in dem sie es nicht nur mit Technikern, sondern auch mit Künstlern zu tun haben.

Ein Glanzstück aus dem Hause DVS ist „Clipster“ – eine Workstation, mit der hochauflösendes Filmmaterial geschnitten und bearbeitet wird. Man kann Farben korrigieren und Effekte erzeugen. Das Gerät erstellt die endgültige digitale Kinofassung in verschiedensten Versionen – etwa Länder- und Premiereversionen oder den „Director’s Cut“.

DVS beschäftigt mehr als 120 Mitarbeiter. Die meisten arbeiten in Hannover, ein Teil in der Niederlassung in Burbank bei Los Angeles und in einem Büro in Singapur. Als sie seinerzeit die Firma gründeten, hätten sie nicht gedacht, dass sie einmal so viele Leute beschäftigen würden, sagt Weidenbruch. Die jungen Unternehmer hatten damals weniger Businesspläne im Sinn als ihre technischen Tüfteleien. Doch die Firma wuchs immer weiter. Derzeit suchen die Videotechnikspezialisten mehrere Entwickler, die nicht so leicht zu finden seien. Auch wenn DVS-Spezialisten häufig an beeindruckenderen Orten im Einsatz sind als Hannover – ein Wegzug sei nie in Frage gekommen, sagt Weidenbruch: „Hier haben wir die Leute, die das Know-how haben.“

Der Umsatz lag im Jahr 2010 bei 22,5 Millionen Euro – nach 20 Millionen Euro im Jahr zuvor. 44 Prozent der Erlöse erzielte DVS in Amerika, 42 Prozent in Europa und 14 Prozent in Asien. Der Deutschland-Anteil beträgt nur 15 Prozent.
Von den Gründern sind noch Weidenbruch und Spoer Geschäftsführer. Sie bestimmen weiterhin die Geschicke von DVS, obwohl ihnen die Firma nicht mehr gehört. Im vergangenen Dezember hat der Münchener Elektronikkonzern Rohde & Schwarz das hannoversche Unternehmen gekauft, ein Spezialist für Messtechnik, Rundfunk sowie Überwachungs- und Ortungstechnik. Nicht nur die Firmengründer trennten sich von ihren Anteilen, sondern auch die Beteiligungsgesellschaft Nord-Holding, die vor mehr als zehn Jahren eingestiegen war und 40 Prozent an DVS hielt. Zwischenzeitlich hatte es auch Überlegungen gegeben, DVS an die Börse zu bringen. Weidenbruch und Spoer haben sich bei dem Verkauf verpflichtet, mindestens drei weitere Jahre im Management zu bleiben. Der dritte Gründer, Siegfried Beyer, ist inzwischen im Ruhestand.

Mit dem neuen Eigentümer im Rücken hat sich DVS Einiges vorgenommen. So ist ein jährliches Wachstum von 20 bis 30 Prozent geplant. Von der Einbindung in den Rohde & Partner-Konzern, der rund 7400 Mitarbeiter hat und in vielen Ländern präsent ist, versprechen sich die Niedersachsen auch einen leichteren Zugang zu ausländischen Märkten, etwa in Asien.

DVS will verstärkt Fernsehsender als Kunden gewinnen. Ihnen bietet das Unternehmen auch Technik zur digitalen Speicherung und Archivierung von Filmmaterial an. Zudem sollen bei Videopräsentationen auf Großveranstaltungen zunehmend Geräte von DVS eingesetzt werden. Gehen die Wachstumspläne auf, wird davon auch die Region Hannover profitieren – indem hier weitere Arbeitsplätze entstehen. Der Sitz von DVS, verspricht das Unternehmen, soll in Hannover bleiben.