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Niedersachsen Firmen sollen Ansprüche senken
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Firmen sollen Ansprüche senken
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20:35 24.01.2011
Von Lars Ruzic
Viele Unternehmen suchen Fachkräfte – sie stellen dabei aber auch oft hohe Anforderungen an die Bewerber. Quelle: dpa
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„Ich appelliere an die Arbeitgeber, mehr Kompromissbereitschaft bei der Auswahl der Bewerber zu zeigen“, sagte der Vorsitzende der Geschäftsführung, Klaus Stietenroth, am Montag in Hannover.

„Die Fachkräfte-Engpässe werden 2011 weiter zunehmen“, warnte der Behördenchef. Schon heute gebe es in Niedersachsen einige Regionen, in denen die Arbeitsagenturen in bestimmten Branchen weniger Bewerber als offene Stellen registrierten. Die Firmen sollten ihre Personalpolitik an die veränderten Marktbedingungen anpassen. Noch immer stellten 30 Prozent der Firmen generell keine oder nur kurzzeitig Arbeitslose ein. Dabei gebe es unter den aktuell rund 400.000 Arbeitslosen und Menschen in Fördermaßnahmen in Niedersachsen „ein großes Facharbeiterpotenzial“.

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Die Arbeitsagentur will den Firmen die Anstellung von Bewerbern schmackhaft machen, die nicht hundertprozentig das Anforderungsprofil erfüllen. Entstünden etwa durch Nachschulungen Mehrkosten, so „können wir das mit öffentlichen Mitteln flankieren“, umschrieb es Stietenroth. Auch wolle die Behörde die Vermittlungszahlen bei denjenigen steigern, die zwar schon gekündigt, aber noch nicht arbeitslos sind. Besonders ausgeprägt seien die Engpässe im Bereich der Altenpflege, der Erzieher, der Metall- und Elektroindustrie und der IT. Große Konzerne haben es aufgrund ihrer bekannten Namen und vermeintlich sichererer Arbeitsplätze dabei leichter, Stellen zu besetzen.

Den deutschen Mittelstand dagegen trifft das Phänomen nach einer neuen Studie inzwischen mit voller Wucht. Den kleineren und mittleren Unternehmen entgingen wegen fehlender Fachkräfte mindestens 30 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr, hat die Beratungsgesellschaft Ernst & Young ausgerechnet. Demnach fällt es im Mittelstand mittlerweile drei Viertel der Firmen „eher“ oder sogar „sehr“ schwer, ausreichend qualifizierte Mitarbeiter zu finden, wie es in der Umfrage heißt. Am stärksten betroffen sind Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg. Besonders knapp ist das Arbeitskräfteangebot im Segment Bau/Energie: 81 Prozent der Chefs sprechen von einer „eher“ oder „sehr“ schweren Suche. „Erhebliche Umsatzeinbußen“ wegen des Fachkräftemangels melden 15 Prozent der Chefs. 36 Prozent haben Einbußen von bis zu 5 Prozent.

Mehr als jedes vierte Unternehmen will zusätzliche Mitarbeiter einstellen. Zwei von drei rechnen aber mit wachsenden Schwierigkeiten bei der Rekrutierung von Toppersonal. Einen Stellenabbau plant nur jeder 17. Mittelständler. Für das Mittelstandsbarometer befragte Ernst & Young 3000 Firmen.

Weniger Schwarzarbeit: Auch für den illegalen Arbeitsmarkt hat der Wirtschaftsboom Folgen. Wegen des Aufschwungs wurde in Deutschland 2010 so wenig schwarzgearbeitet wie seit 15 Jahren nicht. Das Tübinger Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung nimmt an, dass rund 347,6 Milliarden Euro umgesetzt wurden – 13,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Der Hintergrund: Durch den Aufschwung hätten viele Menschen einen regulären Arbeitsplatz gefunden. 2011 soll diese Entwicklung anhalten.