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Niedersachsen Gemeinsamer Kampf gegen Alstom in Niedersachsen
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07:43 26.05.2011
Von Dirk Stelzl
„Hören Sie auf, die Beschäftigten an der Nase herumzuführen“: Ministerpräsident David McAllister kritisiert das Vorgehen von Alstom. Quelle: dpa
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Bogdan Bohdanow gibt die Hoffnung nicht auf. Zwar plagt ihn die Befürchtung, dass sich der Alstom-Konzern kaum noch von seinen Stellenabbauplänen für Salzgitter abbringen lässt. Dennoch will sich der 59-Jährige nicht einfach geschlagen geben. Gemeinsam mit Kollegen marschiert er deshalb vom Werksgelände zur Kundgebung in Salzgitter-Watenstedt, um gegen das Vorhaben des französischen Unternehmens zu protestieren. „Man muss kämpfen“, sagt der Schlosser. „Mir geht es dabei vor allem um die jungen Leute hier.“

So wie Bohdanow sind mehr als 5000 Beschäftigte von Alstom sowie weiterer Betriebe der Region wie MAN, Salzgitter AG, Bosch, Volkswagen, Voith oder Stoll auf die Straße gegangen und verschaffen ihrem Unmut Luft. Alstom hat angekündigt, in dem nicht kostendeckend arbeitenden Werk 700 feste Arbeitsplätze zu streichen und die Verträge von Leiharbeitskräften sowie befristet Beschäftigten nicht zu verlängern. Der Rohbau von Schienenfahrzeugen soll nach Polen verlagert werden – dies verunsichert die Belegschaft besonders. Die IG Metall befüchtet, dass dem Standort ein „langsames Sterben“ drohe. Mehrere Verhandlungsrunden über die Zukunft des Werks, das die meisten in Salzgitter nach dem früheren Namen Linke-Hofmann-Busch „LHB“ nennen, blieben ergebnislos.

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Nicht nur die Beschäftigten sind aufgebracht. Auch Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister (CDU), SPD-Chef Sigmar Gabriel, Stefan Wenzel von den Grünen, der aus der Gegend stammende Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, Oliver Liersch (FDP) und weitere Politiker beteiligen sich an der Protestaktion, um ihre Solidarität mit den Beschäftigten zu bekunden. Wenn es um die Zukunft der Arbeitsplätze bei Alstom gehe, „halten wir parteiübergreifend zusammen“, sagt McAllister, der dem Unternehmen eine unzureichende Informationspolitik vorwirft.

Die Pläne des Unternehmens seien weder nachvollziehbar noch hinnehmbar. Die Belegschaft habe Vorschläge zur Standortsicherung vorgelegt und sei zu Zugeständnissen bereit. Das Management solle sein „Taktieren“ beenden. „Hören Sie auf, die Beschäftigten an der Nase herumzuführen!“ Und auf Französisch wendet sich McAllister an Konzernchef Patrick Kron: „Ich erwarte von Ihnen: Sorgen Sie endlich für eine konstruktive Gesprächsbasis, damit es zu einer Einigung kommen kann.“

„Wir lassen uns nicht kleinkriegen in der Region“, betont Gabriel, zu dessen Wahlkreis Salzgitter gehört. Notfalls kämen auch doppelt so viele zu Protestaktionen. Ein Jobabbau bei einer derart boomenden Auftragslage in einer Branche – das habe er noch nicht erlebt. Der Grünen-Landtagsfraktionschef Wenzel schlägt vor, der Konzernzentrale in Paris einen Besuch abzustatten. Eine Delegation mit Vertretern des Betriebsrats, der Landtagsfraktionen und der Landesregierung solle die Forderungen der Belegschaft vortragen und Gespräche zur Sicherung der Produktionsstätte einfordern.

Man solle die Leute in Salzgitter in Ruhe lassen mit Ausgliederungen und Arbeitsplatzabbau, fordert IG-Metall-Bezirksleiter Hartmut Meine und meint nicht nur Alstom, sondern auch die Auslagerung der Logistikaktivitäten aus dem benachbarten MAN-Werk. Dass die Alstom-Fabrik Probleme hat, liege vor allem an Managementfehlern. Die Geschäftsführung müsse endlich ein zukunftsweisendes Standortkonzept vorlegen. Der Konzern bemühe sich nicht genügend um Aufträge zum Bau von Schienenfahrzeugen. „Während der Markt brummt, will der Alstom-Konzernchef Kron Kapazitäten in Salzgitter stilllegen“, bemängelt Meine. Kron solle seiner Rolle als Unternehmer gerecht werden und Aufträge nach Salzgitter holen.

Ähnlich argumentiert McAllister: In einem wachsenden Markt Stellen zu streichen sei kurzsichtig. Alstom werde die Mitarbeiter noch brauchen. Betriebsratschef Bernd Eberle ärgert sich über Forderungen von Alstom, die drastische Einbußen für die Beschäftigten vorsähen. Bevor kein bis 2020 reichendes industrielles Konzept für den Standort vorliege, werde es keine Verhandlungen über Abweichungen vom Tarifvertrag geben.

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