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Niedersachsen Getreidepreise befinden sich im freien Fall
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Getreidepreise befinden sich im freien Fall
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20:58 17.05.2015
Von Carola Böse-Fischer
„Bei Preisen von unter 140 Euro wird es langsam eng“: Für Lebensunterhalt und Investitionen in neue Maschinen bleibt den Bauern immer weniger übrig. Quelle: Julian Stratenschulte
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Hannover

Die Stimmung bei Niedersachsens Getreidebauern ist im Keller. Als sie im vergangenen Herbst ihre Felder mit Weizen und Roggen für die diesjährige Anbausaison bestellten, haben sie ihre Flächen nochmals ausgeweitet. Insgesamt meldet das Landesamt für Statistik Niedersachsen eine Zunahme um fast 4 Prozent auf knapp 847 000 Hektar, allein bei Winterweizen seien die Flächen um 3 Prozent auf fast 418 000 Hektar ausgeweitet worden. Doch jetzt folgt die Ernüchterung: Die Getreidepreise befinden sich seit Anfang April im freien Fall.

Nur noch mit etwa 155 Euro wird die Tonne Weizen derzeit an der Pariser Agrarbörse Matif gehandelt, wie der Landhändler Konrad Weiterer aus Algermissen berichtet. Vor einem Monat seien es noch mehr als 190 Euro gewesen, vor Jahresfrist sogar über 210 Euro je Tonne. Der „physische“ Preis, den die Landwirte vom Handel bekommen, ist noch etwa 20 Euro niedriger als die Börsennotierung.

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„Bei Preisen von unter 140 Euro für die Tonne Weizen wird es langsam eng“, sagt der Pattenser Landwirt Günter Bötger. Denn es bleibe bei weiter laufenden Dünger- und Energiekosten immer weniger in der Kasse für den Lebensunterhalt und Investitionen, beispielsweise in neue Maschinen, übrig. „Wer jetzt nicht unbedingt die Reste aus der alten Ernte verkaufen muss, der lässt sein Getreide im Silo und hofft auf bessere Preise“, erklärt Bötger.

Landwirte bauen mehr Sommergetreide an

EU schreibt mehr Fruchtfolgen vor: Niedersachsens Landwirte bauen in diesem Jahr mehr Sommergetreide an, wie das Landesamt für Statistik Niedersachsen nach einer ersten Trendberechnung mitteilt. Demnach verzeichnet die prozentual höchsten Zuwächse die Sommergerste, deren Anbaufläche um 26 Prozent auf 45 900 Hektar im Vergleich zu 2014 wächst. Die Flächen für Hafer und Sommerweizen steigen um 11,6 Prozent auf 10 900 Hektar und um 11,2 Prozent auf 4900 Hektar. Grund dafür sind nach Angaben der Statistiker die neuen EU-Regelungen zur Anbaudiversifizierung, also die Vorgaben zum „Greening“, das mit der EU-Agrarreform beschlossen wurde. Danach müssen Landwirte in der EU von diesem Jahr an mindestens zwei Fruchtarten auf ihren Feldern anbauen. Allerdings gelten beispielsweise die Winter- und Sommerform derselben Getreideart als verschiedene Fruchtarten. Infolge des „Greenings“ mussten die Landwirte zudem mehr Flächen stilllegen. In Niedersachsen nahmen diese Flächen nach Angaben des Statistikamtes um 37 Prozent auf 34 800 Hektar zu.

Der Handel sei fast zum Erliegen gekommen, bestätigt Weiterer, der auch Präsident des Bundesverbandes der Agrargewerblichen Wirtschaft (BVA) ist. Der BVA ist die Interessenvertretung von Verbänden und Unternehmen der Agrarbranche gegenüber Parlamenten und Ministerien in Bund und Ländern. Die Absatzmöglichkeiten sind laut Weiterer zudem derzeit nicht günstig. Die Mühlenbranche habe sich bereits mit Lieferkontrakten ausreichend versorgt. Allerdings gebe es eine sporadische Nachfrage von Futtermittelunternehmen.

Ausgelöst haben den Preisverfall weltweit optimistische Schätzungen für die Getreideernten in diesem Jahr, wie der BVA-Präsident erklärt. Wegen der bereits guten Ernten in den vergangenen zwei Jahres gebe es zudem hohe Vorräte, was die Preise zusätzlich unter Druck setze. Allerdings sei die gegenwärtige Verfassung der Märkte nur eine Momentaufnahme. Denn geerntet werde erst im Sommer. „Extreme Wetterlagen oder politische Krisen wie in der Ukraine können den Preistrend schnell wieder umkehren.“

Angesichts zunehmender Preisschwankungen an den Agrarmärkten wird es nach Ansicht des Landhändlers auch für landwirtschaftliche Betriebe immer wichtiger, sich gegen diese Risiken an der Warenterminbörse abzusichern. Hätten sie Ende vergangenen Jahres Kontrakte für Weizenlieferungen im Mai abgeschlossen, erklärt Weiterer, müssten sie heute deutlich geringere Preiseinbußen beklagen. Die „physische Absicherung“ durch Vorverträge mit dem Handel reiche allein nicht mehr zur Minimierung des Preisrisikos aus. Von der neuen Ernte in Niedersachsen ist den Angaben zufolge derzeit ein Fünftel durch Verträge mit dem Handel verkauft.

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