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Niedersachsen Die Spätstarter
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00:15 24.12.2013
Von Dirk Stelzl
„Ich stehe morgens auf und freue mich auf den Tag“: Firmengründerin Heike Droste. Quelle: Moritz Küstner
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Hannover

Selbst einige gute Bekannte wunderten sich über Heike Drostes Entscheidung. Die frühere Chefsekretärin war schon 53 Jahre alt, als sie sich im vergangenen März selbstständig machte und die „Salzgrotte Seelze“ samt „Solevernebelungskabine“ eröffnete. In der Grotte - ausgestattet unter anderem mit Himalaya-Salzsteinen - können sich Kunden etwa mit Erkältungen oder Atemwegs- und Hautproblemen bei salzhaltiger Luft entspannen.

„Viele haben gesagt: Bist du verrückt, das in deinem Alter noch zu machen?“, erzählt Droste, die zuvor ihre Stelle in einem Autohaus verloren hatte. Doch auch wenn nach der recht kurzen Zeit noch nicht klar ist, wie erfolgreich ihr Schritt sein wird, hat sie ihn bisher nicht bereut. Im Gegenteil: „Ich bin jetzt glücklich“, sagt die Unternehmerin, die sich bei ihrer neuen Tätigkeit auf den Rückhalt ihres Mannes stützen kann und deren Sohn die Ausbildung abgeschlossen hat. „Die Arbeit macht mir Spaß. Ich stehe morgens auf und freue mich auf den Tag.“

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Ähnlich geht es dem früheren Pelikan-Manager Peter Raijmann. Er hat ebenfalls mit Anfang 50 noch einmal neu angefangen: als Unternehmensberater, der für andere Firmen auch die Buchführung übernimmt oder bei der Verbesserung von Kostenkalkulationssystemen hilft. „Ich bin ein ganz anderer Mensch geworden“, sagt Raijmann.

Der Niederländer hatte eine erfolgreiche Karriere hinter sich. Bei Pelikan war er vom Controller zum Finanzchef aufgestiegen - doch vor einiger Zeit gab er den Posten ab. „Wir sind einvernehmlich auseinandergegangen“, sagt er. Danach gönnte er sich eine Auszeit mit viel Sport und Wandertouren, nahm einige Kilogramm ab und rief seine Beraterfirma ins Leben. Heute ist Raijmann froh, sein eigener Chef zu sein, und selbstbestimmt arbeiten zu dürfen. Geld und Karriere seien dabei nicht so wichtig.

Dass sich jemand mit über 50 noch auf eine Firmengründung einlässt, ist vergleichsweise selten. Manche verwirklichen sich damit einen lange gehegten Wunsch - anderen dagegen bleibt nichts anderes übrig, weil sie ihren Arbeitsplatz verloren haben und in ihrem Alter keine andere Stelle finden. Oder es sind Frauen, die nach längerer Familienpause oder nach einer Scheidung wieder berufstätig sein wollen.

Die meisten Gründer in Deutschland sind zwischen 25 und 44 Jahre alt, berichtet das Bundeswirtschaftsministerium. „Menschen ab 45 Jahren sind eher seltener am Gründungsgeschehen beteiligt.“ Auch bei der Hannoverschen Volksbank melden sich nur wenige spät berufene Unternehmer wegen eines Kredits: „Anfragen von Existenzgründern über 50 sind die absolute Ausnahme“, berichtet ein Sprecher des Geldinstituts. „Unsere älteren Firmengründer sind Ende 40.“ Hier gebe es viele erfolgreiche Beispiele.

Experten nehmen jedoch an, dass die Zahl der älteren Firmengründer angesichts des demografischen Wandels zunehmen dürfte. Viele Arbeitnehmer geben sich im fortgeschrittenen Alter nicht einfach nur damit zufrieden, dass sie sich im Job etabliert haben - sie wollen noch etwas anderes in Angriff nehmen. „Die heute 50-, 60- oder 70-Jährigen sehen nicht nur um viele Jahre jünger aus als ihre Altersgenossen noch vor wenigen Dekaden“, heißt es in einer Untersuchung des Wirtschaftsministeriums. „Sie sind auch um ein Vielfaches gesünder und leistungsfähiger.“ Ältere seien in der Regel fit genug für das „Abenteuer Selbstständigkeit“.

Dies macht sich auch bei Gründerberatungen der Industrie- und Handelskammern (IHK) bemerkbar. Während in den vergangenen Jahren insgesamt das Interesse an Firmengründungen stark zurückging, erhöhte sich der Anteil der Älteren. Nach Angaben des Deutschen Industrie- und Handelskammertages war im Jahr 2012 etwa ein Fünftel derjenigen, die eine IHK-Gründerberatung in Anspruch nahmen, älter als 50 Jahre. Vor etwa zehn Jahren waren es noch 12 Prozent gewesen. Vor allem im Dienstleistungssektor wollen Ältere mit einer eigenen Firma erneut durchstarten.

Die älteren Gründer profitieren - neben einem über Jahre gewachsenen Kontakte-Netzwerk - von ihrer Berufs- und Lebenserfahrung sowie Branchenkenntnissen, was sie Risiken realistischer einschätzen lässt. Dies führe meist zu „ausgereifteren Geschäftskonzepten“, sagt Guido Langemann von der IHK Hannover. Auch nach Erfahrung der Hannoverschen Volksbank bereiten sie eine Existenzgründung oftmals sorgfältiger vor als die Jüngeren. Außerdem haben sie mit den Jahren häufig mehr Eigenkapital angespart - was den Start in die Selbständigkeit erleichtert.

Manche überschätzten allerdings ihre Kräfte und unterschätzten die Anforderungen an ihre körperliche sowie geistige Fitness, warnen die Experten des Wirtschaftsministeriums. Auch könne es sein, dass man nach längerer Arbeitslosigkeit oder Familienpause erst einmal seine Fach- oder Computerkenntnisse auf den neuesten Stand bringen müsse. Außerdem hätten Gründer ab dem 50 Lebensjahr häufiger Schwierigkeiten, einen Bankkredit zu bekommen, weil Geldinstitute höhere Risiken befürchteten. Etwa weil Banken die Sorge haben, dass bis zum Ruhestand die Zeit mit guten Geschäften zu knapp sein könnte, um das Darlehen zurückzuzahlen.

Sollte die Gründung scheitern, verlören Firmeninhaber häufig einen Großteil ihres über viele Jahre aufgebauten Vermögens, betont die Volksbank in Hannover. „Nicht selten verbleiben Verbindlichkeiten aus dem Gründungsvorhaben.“ Die Bank weist zudem auf eine Notwendigkeit hin, über die viele Unternehmer auch in höherem Alter noch hinwegsehen: „Ab Ende 50 sollte sich ein potenzieller Gründer auch bereits Gedanken über eine geeignete Nachfolge machen.“

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