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Niedersachsen „Habe mich nie verbiegen müssen“
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen „Habe mich nie verbiegen müssen“
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12:12 06.07.2012
Von Dirk Stelzl
IHK-Hauptgeschäftsführer Wilfried Prewo geht nach mehr als 27 Jahren im Amt in den Ruhestand Quelle: Steiner
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Hannover

Er steht zu seinen Überzeugungen, auch wenn sie nicht dem Zeitgeist entsprechen. Das sieht man auch daran, dass in seinem Büro etwa Fotos der früheren amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan und George Bush senior hängen – und Prewo nicht müde wird, die Vorteile einer angebotsorientierten Wirtschaftspolitik zu loben. Einer in jüngster Zeit nicht mehr ganz so populären Politik, die besonders auf die Bedeutung der Angebotsseite der Wirtschaft für das Wachstum abhebt und darauf setzt, Investitionsbedingungen für Unternehmen zu verbessern sowie Steuern und Löhne moderat und den Einfluss des Staates auf die Wirtschaft gering zu halten. Eine solche „Supply Side Economics“ habe Amerika seinerzeit unter Reagan wieder zu nachhaltigem Wachstum verholfen, meint Prewo.

Ordnungspolitik sei aus der Mode gekommen und mittlerweile auch parteipolitisch heimatlos, bedauert der Volkswirt, der gestern Abend nach mehr als 27 Jahren als IHK-Chef mit einer Vortragsveranstaltung in den Ruhestand verabschiedet wurde. Im Hannover Congress Centrum sprach der Soziologe Erich Weede über das Thema „Von der Finanzkrise über die Staatsschuldenkrise zur Krise der europäischen Demokratie“.

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Es war Prewos Wunsch, dass es bei seiner Abschiedsveranstaltung weniger um ihn und die Kammer als um wirtschafts- und ordnungspolitische Themen gehen sollte. Schließlich werde bei – in der Regel positiven – Abschiedsreden für Personen das Prinzip der Bilanzwahrheit doch häufig „arg strapaziert“. Zudem habe ihn die „marktwirtschaftliche Positionierung“ in seinem Berufsleben begleitet – „und ich bin ihr auch treu geblieben“, sagte der gebürtige Stuttgarter.
Prewo wurde 1985 Hauptgeschäftsführer der hannoverschen Kammer. Davor war er – nach Wirtschaftsstudium und Promotion in den USA – Assistant Professor an der University of Texas, Leiter einer Forschungsgruppe am Institut für Weltwirtschaft in Kiel sowie Niederlassungsleiter einer Leasinggesellschaft in München gewesen.

Noch bevor er sein Amt antrat, war die IHK von einer Unternehmensberatung durchleuchtet worden. Prewos Aufgabe war es dann, die Kammer umzustrukturieren und vom „Behördendenken“ zu entfernen, Kosten zu senken und die Einrichtung stärker zu einem Dienstleister für die Mitgliedsfirmen zu machen. So wurde die Belegschaft um etwa ein Viertel verringert. Prewo änderte Arbeitsabläufe und auch das Tarifgefüge, indem etwa Urlaubs- und Weihnachtsgeld durch ein Bonussystem ersetzt wurden.

Die Kammer beschloss, für ihre Leistungen kostendeckende Gebühren zu kassieren – verlangt im Gegenzug aber nach eigenen Angaben seit Jahren die bundesweit niedrigsten IHK-Beiträge. Zuletzt haben die Mitgliedsfirmen mehrmals einen Teil ihrer Beiträge rückerstattet bekommen. Prewo engagierte sich auch, als Hannover den Zuschlag für die Weltausstellung bekam, zum Beispiel als Geschäftsführer der Expo-Beteiligungsgesellschaft der Deutschen Wirtschaft.

Wenn Prewo etwas für richtig hält, lässt er sich nicht so schnell aus dem Konzept bringen. „Es ist besser, einen Unterstützer oder Freund zu verlieren als die Glaubwürdigkeit“, lautet einer seiner Grundsätze. In seiner Amtszeit hat er fünf Kammerpräsidenten erlebt. Der erste war Gerhard Barner, der letzte Hannes Rehm. Er sei der IHK dankbar, dass er  seinen marktwirtschaftlichen Prinzipien habe stets treu bleiben können.

Dass es seine Kollegen mit ihm nicht immer leicht hatten, räumt Prewo ein. Er habe seine Aufgabe nicht darin gesehen, „den Mitarbeitern jeden Tag auf die Schulter zu klopfen und zu sagen, wie toll sie sind“, sagte Prewo unlängst vor der IHK-Hauptversammlung. Seine Aufgabe sei vielmehr gewesen, ihnen zu sagen, was falsch laufe oder besser gemacht werden könne.

Ende des Monats endet Prewos Amtszeit, und Horst Schrage übernimmt seinen Posten. Doch obwohl er offiziell schon verabschiedet wurde, will er am 13. Juli noch einmal eine Aufgabe übernehmen, die ihm am Herzen liegt: Er stellt die Ergebnisse der Kammerumfrage zur Konjunktur in Niedersachsen vor.

Auch nach seinem Ausscheiden aus der IHK bleibt Prewo Präsident der Leibniz-Fachhochschule. Dass er künftig mehr Zeit hat, wollen er und seine Frau Sylvie für häufigere USA-Besuche nutzen. Zurück nach Süddeutschland zieht es ihn nicht. Dort lebt übrigens sein Bruder, der sich in der – wirtschaftsliberalem Denken ablehnend gegenüberstehenden – SPD engagiert: der frühere Nagolder Oberbürgermeister und ehemalige Abgeordnete im baden-württembergischen Landtag, Rainer Prewo. Auf dessen Wirtschaftspolitik als Verwaltungschef lässt Wilfried Prewo nichts kommen: „Er hat eine super wirtschaft- und gewerbefreundliche Politik betrieben.“

Albrecht Scheuermann 03.07.2012
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