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Niedersachsen Hannovers Handwerk ist bunter und vielfältiger
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Hannovers Handwerk ist bunter und vielfältiger
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19:34 07.01.2011
Von Stephan Fuhrer
Ami-Schlitten als Sitzgelegenheit: Istok Tomasic hat sich auf exotische Möbelstücke spezialisiert. Quelle: Kristoffer Finn
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Bei der Handwerkskammer Hannover blickt man optimistisch in die Zukunft. Das Handwerk in der Landeshauptstadt sei durch die Krise einigermaßen gut durchgekommen, heißt es. Die Betriebszahlen steigen momentan. Und doch hat sich auf dem Markt in den vergangenen Jahrzehnten einiges geändert: Wer heute eine kaputte Schranktür hat, der holt sich nicht zwangsläufig gleich einen Handwerker ins Haus. Ein neuer Schrank aus großen Möbelhäusern ist inzwischen manchmal die billigere Lösung, glauben viele. Manche Handwerksbetriebe haben sich deshalb Nischen gesucht und spezialisiert, um in dem verstärkten Wettbewerb bestehen zu können.

Dazu gehört etwa der Tischler Istok Tomasic aus Hannover. Früh hatte er damit begonnen, extravagante Möbel herzustellen und mit Lacken zu arbeiten. So konnte der Inhaber von Pearl Möbel an der hannoverschen Südstadt früh zahlungskräftige Kunden gewinnen. Die nötigen Ideen, wie beispielsweise aus einem alten amerikanischen Auto ein Sofa zu bauen, bringen ihm neben seiner herkömmlichen Tischlerarbeit die nötigen Zusatzeinnahmen. Der Aufwand für außergewöhnliche Auftragsarbeiten ist groß, die erzielten Preise allerdings entschädigen für die Mehrarbeit.

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Vom ursprünglich gelernten Handwerk allein könnte Tomasic kaum leben. „Einen Tischler kann sich schon lange nicht mehr jeder leisten“, sagt er. Bereits vor 15 Jahren hat der heute 44-Jährige sein Möbelgeschäft aus einer Tischlerei heraus gegründet. Beides läuft seither parallel. „Man muss den Kunden heute ein Rund-um-Paket bieten können“, sagt Tomasic. Dazu gehörten neben den Auftragsarbeiten auch umfassende Beratungen. Im Prinzip müsse ein Handwerker heute alles können – und trotzdem einzigartig sein.

Die steigenden Betriebszahlen täuschten ein wenig über die Schwierigkeiten auf dem Handwerkermarkt hinweg. Denn Fakt sei, dass es zwar mehr Betriebe gebe, die aber zumeist kleiner seien als früher, sagt Sabine Wilp von der Handwerkskammer Hannover. Die Vielfalt fördert den Wettbewerb um die Kundschaft. Doch die muss auf dem Markt erst einmal gefunden werden. Es sei durchaus ein Problem heutzutage, dass die breite Mittelschicht, aus der traditionell ein Großteil der Kunden des Handwerks komme, in den vergangenen Jahren offensichtlich kleiner geworden sei, sagt Wilp. „Die Kundschaft, die individuelle Leistungen haben will, gibt es zwar noch, man muss sie aber erst noch finden.“ Das dafür erforderliche Marketing sei für Kleinstbetriebe aber ein großes Problem, zumal häufig kein Fachpersonal für solche Arbeiten zur Verfügung stünde.

Für Tischler Tomasic steht der Kundenkontakt im Vordergrund. „Man muss Kunden manchmal auch davon überzeugen, dass ein individuelles Produkt einen Mehrwert schafft, der den Preis rechtfertigt“, meint er. Das gelte allerdings nicht nur für zahlungskräftige Auftraggeber, sondern auch für „normale Kunden“. „Viele gehen von vorneherein davon aus, dass unsere Arbeit für sie zu teuer sei“, sagt Tomasic. Häufig sei das aber gar nicht der Fall.

Weil seine zum Teil glitzernden und schrillen Möbelstücke in Hannover nicht genügend Interessenten finden, verkauft der findige Geschäftsmann seine Ideen inzwischen auch in Hamburg, Berlin oder Mallorca. Aus Sicht des Tischlers, der in seinem Betrieb vier Mitarbeiter beschäftigt, kann das so weitergehen.

Die Ausgezeichnete

Ein Edelmetall wie Silber ist nicht nur zum Angucken da. „Silber ärgert sich schwarz, wenn es nicht benutzt wird“, sagt Maike Dahl. Es ist ein Leitspruch, den sich die 41-Jährige auch für ihre Arbeit gesetzt hat. Die Silberschmiedin entwirft und schmiedet aus dem Edelmetall in ihrer Werkstatt in Hannover-Linden alltägliche Gebrauchsgegenstände – vom Milchkännchen bis zum speziellen Müslilöffel. Hochglanzprodukte sollen es aber bitte schön nicht sein. Durch die Bearbeitung verkratzte Oberflächen sollen die Authentizität der Gegenstände hervorheben. Die Kundschaft der gebürtigen Großburgwedelerin, die zunächst eine Ausbildung zur Goldschmiedin im Allgäu absolvierte und später in Hildesheim und London Metallgestaltung, Schmuckdesign und Silberschmieden studierte, ist weit verstreut. Dahls Produkte sollen zwar alltagstauglich sein, billig sind sie aber nicht. Ein Teelöffel etwa kostet 45 Euro, eine Silberschale bis zu 900 Euro. Von Kunden in und um Hannover könne sie nicht leben, sagt die Schmiedin. Über Ausstellungen auf Kunsthandwerkschauen und Messen hat sie sich einen Namen gemacht. Ihr Design kommt an, 2007 bekam Dahl den Niedersächsischen Staatspreis für gestaltendes Handwerk.

Mit dem Prestige kam der Erfolg: Seit der Auszeichnung kann die Silberschmiedin in ihrem 1998 gegründeten Einfraubetrieb von ihrer Arbeit leben. „Vorher habe ich noch zusätzlich in der Gastronomie gearbeitet, um über die Runden zu kommen“, sagt Dahl. „Der Beruf ist sehr speziell, da dauert es eben seine Zeit, bis das Geschäft läuft.“ Hinzu kommt die Abhängigkeit vom Werkstoff Silber, dessen Preis momentan wieder in die Höhe schnellt. Auf Vorrat kaufen kann Dahl nicht. Dafür reiche das Kapital nicht aus.

Der Künstler

Als Handwerker versteht sich Guido Kratz nicht. Der 52-Jährige ist Künstler, schließlich hat er einst in einer Künstlerkommune im Hinterland von Frankfurt mit Keramikarbeiten angefangen. Dass er rund zehn Jahre später seinen Meister gemacht hat, zeigt aber auch, dass er seine Kunst auch handwerklich beherrscht. In seinem Atelier im hannoverschen Stadtteil List bearbeitet er deshalb neben verschiedenen künstlerischen Projekten auch größere Kundenaufträge, fertigt keramische Möbel oder Baukeramik.

Von den handwerklichen Anfängen, in denen der Autodidakt zunächst massenhaft Geschirr herstellte und auf Märkten verkaufte, ist Kratz allerdings weit entfernt. Ende der neunziger Jahre begann er, sogenannte Netzwerkbilder zu entwerfen, die aus vielen bemalten Keramikfliesen bestehen. Zusammengesetzt ergeben sie ein großes Gesamtkunstwerk, aber auch jede einzelne Fliese für sich ist ein komplettes Bild.

Aus dem Konzept machte Kratz ein Geschäft: Mittlerweile bietet der 52-Jährige unter anderem Workshops für Schulen, Firmen und Organisationen an, in denen Schüler oder Mitarbeiter gemeinsam Netzwerkbilder erstellen – als teamfördernde Maßnahme. „Das gemeinsame Arbeiten und Malen schweißt zusammen“, erklärt Kratz.

Mit dem Angebot hat Kratz eine neue Nische gefunden. Auf der Stelle stehen geblieben sei er ohnehin noch nie. „Vom Geschirr machen können Keramiker schon lange nicht mehr leben“, sagt der Künstler. Mit neuen Drucktechniken könnte das Material inzwischen kostengünstig mit Motiven bedruckt werden. Die Ergebnisse seien gut. „Die Leute überlegen sich dann zu Recht, ob sie für eine Kaffeetasse 4 oder 28 Euro ausgeben wollen.“

Die Gewandelte

Sachen aus Stahl“ sei eigentlich nur ein Arbeitstitel gewesen, erzählt Silke Schmidt-Pfeiffer. Heute beschreibt der Firmenname des Einfraubetriebs in Langenhagen treffend, was die 42-jährige Metallbaumeisterin ihren Kunden
anzubieten hat – hochwertige, individuelle Produkte aus Stahl, vom soliden Gartentor und Balkongeländer bis zum kunstvoll gebogenen Zierschwan. Die Mischung aus klassischer Schlosserarbeit und kunsthandwerklicher Betätigung funktioniert: Inzwischen sind die Auftragsbücher der zierlichen Frau, die ihren Beruf aus Liebe zu ihrem Werkstoff, dem Stahl, ausgesucht hat, gut gefüllt.

2006 hat Schmidt-Pfeiffer ihr kleines Geschäft im Gewerbegebiet Rödiger an der Hans-Böckler-Straße als Ich-AG gegründet. Ihre Kunden sind derzeit ausschließlich Privatpersonen, die Akquise funktioniert durch Mund-zu-Mund-Propaganda. „Ich hätte auch gar nicht die Kapazitäten für größere Aufträge“, sagt sie. Helfend steht ihr lediglich Ehemann Jürgen zur Seite, der gleich nebenan einen Quad-Laden betreibt. Die Unterstützung ist nötig, schließlich kann die zweifache Mutter nur halbtags in ihrer Werkstatt arbeiten.

Dass sich ihr kleines Geschäft so gut entwickelt, erzählt Schmidt-Pfeiffer nicht ohne Stolz. „Es war schon immer ein Traum, selbstständig zu sein“, sagt die gebürtige Bad Fallingbostelerin. Der Wunsch verfestigte sich, nachdem die Metallbaumeisterin nach ihrer Ausbildung in der Schweiz und einigen Berufsjahren als Schlosserin schließlich einen Neustart in der Finanzwelt versucht hatte und drei Jahre lang Bausparverträge verkaufte. Da sei ihr klar geworden, was sie wirklich wolle, meint sie. Irgendwann einmal will Schmidt-Pfeiffer ihr Wissen auch an einen eigenen Auszubildenden weitergeben. Wenn die „Sachen aus Stahl“ weiterhin so gefragt sind, dürfte das wohl nur eine Frage der Zeit sein.