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Niedersachsen Heideblume Molkerei ist als Spezialist gefragt
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Heideblume Molkerei ist als Spezialist gefragt
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22:26 11.07.2009
Von Carola Böse-Fischer
Produktion bei Heideblume: Jährlich werden 50 neue Produkte kreiert.
Produktion bei Heideblume: Jährlich werden 50 neue Produkte kreiert. Quelle: haz
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Obwohl sie mit einer verarbeiteten Milchmenge von 200 Millionen Kilogramm im Jahr klein sind, legen die Elsdorfer großen Wert auf ihre Selbstständigkeit. „Wir wollten nicht in eine Werksstruktur eingegliedert werden und am Tropf eines Hauptquartiers hängen“, sagt Heideblume-Vorstand Tim-Oliver Schön. Anders als bei vielen der noch rund 100 Molkereien in Deutschland, die angesichts des Milchpreisverfalls ums Überleben kämpfen, stand die Elsdorfer Molkerei „nicht unter Druck“, sich auf Gedeih und Verderb in die Hände eines größeren Konkurrenten zu begeben.

Über die Jahre hat sich das Unternehmen gezielt vom Anbieter klassischer Milchprodukte wie Trinkmilch, Butter und Sahne zum Spezialisten für „würzige und süße Quark- und Joghurtprodukte“ sowie „Dips und Dressings“ gewandelt. Zu einem der wichtigsten Produkte im rund 350 Artikel umfassenden Sortiment zählt der Zaziki auf Joghurtbasis mit Knoblauch und Gurke. Rechnerisch stammt etwa jede vierte hierzulande verkaufte Einheit des griechischen Klassikers aus Elsdorf, wie Schön sagt. Dank der im Vergleich zu einfacher Frischmilch höher veredelten Produkte, mit denen sich bessere Margen erzielen lassen, konnte der Strukturwandel in der Milchbranche der Molkerei wenig anhaben.

Auch deshalb nicht, weil das Management frühzeitig erkannte, dass man sich nur als „flexibler Partner“ des Handels dauerhafte Vorteile im Wettbewerb erarbeiten kann. Etwa 50 neue Produkte werden jährlich von den Heideblume-Entwicklern kreiert. Auf seine Innovationsstärke setzt das Unternehmen auch bei der Verpackung. Ob Multipack, Einzelbecher, Groß- oder Kleinstgebinde, große oder kleinere Stückzahlen - kaum ein anderes Unternehmen in Deutschland biete eine so große Bandbreite an Abfüllmöglichkeiten, sagt der 35-jährige Manager, der vor seinem Wechsel zu Heideblume vor fünf Jahren bei der Münchener Unternehmensberatung Roland Berger in Diensten stand.

Diese Strategie hat sich ausgezahlt, und sie beweist, dass auch ein kleiner Nischenanbieter Erfolg am Markt haben kann. Die Elsdorfer sind bei allen großen Handelskonzernen gelistet, von den Discountern Aldi und Lidl bis hin zu Rewe und Edeka. Vier Fünftel des Umsatzes von 122 Millionen Euro bei Heideblume und 30 Millionen Euro bei der Elsdorfer Feinkost, die Schön in Personalunion führt, werden mit Handelsmarken für die Konzerne erzielt. Etwa 10 Prozent werden im Export in über 20 Länder erwirtschaftet. Man folge dabei vor allem den Handelskonzernen ins EU-Ausland, sagt Schön. Der Rest entfällt auf Eigenprodukte der Marke Elsdorfer.

Doch auch der besten Strategie sind Grenzen gesetzt - wenn Kapital für Investitionen fehlt, die die Wettbewerbsfähigkeit sichern. Ohne strategischen Partner war das nicht zu machen, räumt Schön ein. Die Elsdorfer waren in der komfortablen Lage, ihn selbst auszuwählen und die Sache einzufädeln.

Anfang 2007 wurde die Genossenschaft in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Die rund 400 Milchbauern, bis dahin Lieferanten und Anteilseigner, wurden zu Aktionären. Das nötige Geld einzubringen waren die meisten nicht in der Lage. Trotzdem musste Schön zwei Jahre über die Dörfer „tingeln“, um die Landwirte von den Vorteilen einer Partnerschaft zu überzeugen.

Den Wunschpartner hatte er bereits gefunden - ausgerechnet am anderen Ende der Republik. Die Privatmolkerei Bauer im bayerischen Wasserburg am Inn - bundesweit durch ihren gleichnamigen Joghurt bekannt -, die in fünfter Generation von der Familie Bauer geführt wird, sollte und wollte es sein. Warum gerade Bauer? Weil das ähnlich große Familienunternehmen laut Schön Heideblume die Selbstständigkeit garantierte. Das war die Bedingung dafür, dass die Landwirte der „freundlichen Übernahme“ zustimmen.

Sie taten es sogar mehrheitlich. Auf Anhieb verkauften die Milchbauern 85 Prozent ihrer Anteile an Bauer. Inzwischen besitzen die Bayern 95 Prozent, Heideblume hält 4 Prozent eigene Aktien, ein Prozent liegt noch bei Landwirten. Im Gegenzug sicherte Bauer ihnen ein lebenslanges Lieferrecht zu. Wer sich nicht binden will, kann das Lieferrecht mit einer Frist von einem Jahr kündigen.

Aber Schön ging es bei der Wahl Bauers nicht allein um einen kapitalkräftigen Partner. Trotz der großen Entfernung nutze die Übernahme beiden Unternehmen durch Kosteneinsparung beim gemeinsamen Einkauf, weil man ähnliche Lieferanten etwa für Fruchtzubereitungen und Verpackungen habe. Wichtig aber seien vor allem die Synergien in der Vermarktung. So produziert Heideblume mit ihrem Know-how einen Kinderquark im Multipack, den die Bayern seit Kurzem bundesweit unter ihrem Logo Bauer vermarkten.

Dem „ersten gemeinsamen Baby“ sollen bald weitere folgen - und für Gewinne sorgen. “2009 sind wir so weit, dass wir Erträge erwirtschaften“, sagt Schön.

10.07.2009
Jens Heitmann 10.07.2009