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Niedersachsen Tui-Chef Joussen: „Wir werden eine Art Amazon des Reisens“
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Interview Tui-Chef Friedrich Joussen: „Wir werden eine Art Amazon des Reisens“

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11:08 20.09.2019
„Wir brauchen eine Bereinigung des Marktes“: Tui-Chef Friedrich Joussen. Quelle: Samantha Franson

Die Tui streicht bei ihrem Reiseveranstalter in Hannover jede dritte Stelle, Ihr Last-minute-Spezialist L’tur baut ein Viertel seiner Jobs ab, der Konkurrent Thomas Cook kämpft ums Überleben – wie groß ist die Krise in der Touristik, Herr Joussen?

Man muss da unterscheiden: Unser Hotel- und Kreuzfahrtgeschäft und die Erlebnisse vor Ort in den Urlaubsländern wachsen. Da liegt heute unser Schwerpunkt im Konzern. Die traditionelle Veranstalter-Branche ist in Europa aber unter Druck. Deshalb baut auch Tui Deutschland ihr Geschäft weiter um. In Großbritannien kommt die Unsicherheit um den Brexit dazu, darüber hinaus hat uns das Flugverbot für die Boeing 737 Max belastet. Die eigentliche Herausforderung aber ist eine andere: Wir brauchen eine Bereinigung des Marktes.

„Runter von den Überkapazitäten“: Tui-Chef Friedrich Joussen fordert Konsolidierungen des Marktes. Quelle: Samantha Franson

Mit Air Berlin, Germania, Flybmi oder Small Planet sind doch eine Reihe von Konkurrenten pleite gegangen. Das reicht Ihnen noch nicht?

Air Berlin ist ein gutes Beispiel: Da wurde am Ende nur die Verwaltung abgewickelt, die Maschinen sind auch heute alle noch unterwegs! Wir müssen aber von den Überkapazitäten im Flugverkehr runter – es kann doch nicht sein, dass ein Flug nach Mallorca weniger kostet als die Taxi-Fahrt zum Flughafen. Easyjet, Ryanair und auch Eurowings fliegen in Deutschland hohe Verluste ein. Auf Dauer kann und will sich das niemand leisten. Das schreit nach einer Konsolidierung. Solange die Flugsitze im Markt sind, werden sie gefüllt – auch wenn die Ticketpreise die Kosten nicht decken.

Was heißt das für die Fluggesellschaften der Tui? Mit einer Flotte von insgesamt rund 150 Maschinen ist der Konzern nur ein mittelgroßer Spieler am Markt: Wollen Sie wachsen oder weichen?

Wir sind schon ein führender Spieler bei den Ferienfluggesellschaften. Unsere Airlines werden nicht zu einem Objekt anderer werden, denn wir haben heute die Stärke, eine Konsolidierung aktiv mitzugestalten. Klar ist auch: Wir brauchen eigene Fluggesellschaften. Unser Anspruch muss sein, in einem Markt mit weniger Akteuren profitabel zu sein und zu wachsen. Aktuell sind wir ein aktiver Beobachter: Wenn sich am Markt Chancen ergeben, werden wir diese nutzen. Sie müssen wirtschaftlich und strategisch vernünftig sein.

Veranstalter müssen sich permanent verändern

Die Tui versteht sich heute vor allem als Hotel- und Kreuzfahrtkonzern. Nur noch 30 Prozent der Erträge kommen aus dem klassischen Reiseveranstaltergeschäft. Wie wollen Sie die Betten in Ihren Ferienanlagen füllen, wenn die Mitarbeiterzahl hier weiter schrumpft?

Die Veranstalter haben weiter eine wichtige Rolle, trotzdem müssen sie sich permanent verändern. Das ist wie in jeder anderen Industrie. Die Profitabiltät eines Hotels hängt davon ab, wie viele Betten zu guten Preisen belegt sind. Hier ist heute die Anzahl der Gäste, die der Veranstalter bringt, entscheidend. Wir sind dabei, dieses Geschäft auf ein neues Level zu heben: Die Tui wird den eigenen Hotels und anderen Hoteliers eine Plattform anbieten, auf der sie ihre Kapazitäten viel individueller vermarkten können als bisher. Bis heute finden die Kunden nur feste Kategorien – künftig werden nicht alle Zimmer gleich sein: Hier können Sie Ihr Wunschzimmer buchen, also beispielsweise Zimmer 401 oder Zimmer mit Seeblick bei Morgen- oder Abendsonne – nah am Pool oder am Kinderclub. Jeder Gast hat sehr individuelle Wünsche, für die viele auch bereit sind, etwas zu zahlen.

Pool mit Meerblick: Für die Erfüllung individueller Wünsche zahlen Touristen mehr. Quelle: Heidrun Braun/srt-Bild

Und Sie glauben, dass der Marktführer Booking.com sich das gefallen lässt? Der Konzern ist bekannt dafür, die Hoteliers mit strengen Klauseln bei der Stange zu halten.

Booking.com ist ein Marktplatz, der möglichst viele Hotels im Angebot hat. Hier zählt die Masse des Angebots, möglichst undifferenziert. Mit der Individualisierung des Angebots bekommt das Hotel die Kontrolle zurück. Booking.com hat deshalb so hohe Margen, weil kleinere Hoteliers heute wenig Marktmacht haben. Wir geben ihnen mit unserer Plattform mehr Möglichkeiten und auch Kraft ...

...und geben sich auch mit geringeren Provisionen zufrieden?

Wir werden die Hoteliers schlau machen und zeigen, was digital auf unserer Plattform möglich ist. Wir haben die IT für uns selbst und unsere Hotels gebaut und öffnen sie künftig für Dritte. Wir unterstützen die Hoteliers dabei, den maximalen Wert aus ihren Häusern herauszuholen. Auch Kooperationen mit der Tui sind möglich: Die Hoteliers können unsere Software oder unsere Marke nutzen – und am Ende wird dann ein Entgelt stehen, mit dem beide Seiten zufrieden sind.

Hoteliers können die Tui-Software oder die Tui-Marke nutzen

Neben der Plattform für Hoteliers bastelt die Tui auch an einer Vermarktungsdrehscheibe für Urlaubsaktivitäten außerhalb der Ferienanlagen. Sie haben dafür eigens das italienische Technologie-Start-Up Musement gekauft. Was ist das Ziel?

Wir werden eine Art Amazon des Reisens. Schon heute bieten wir rund 150.000 Aktivitäten, Touren und Ausflüge weltweit an. Wir wollen unseren Kunden möglichst individuelle Urlaubserlebnisse bieten – und sehen das als eine gute Basis, um den größten Marktplatz für solche Angebote zu schaffen. Es gibt keinen Grund, nicht über die Zeit auf eine Million unterschiedliche Aktivitäten auf unserer Plattform zu kommen. Je mehr Angebote eingestellt werden, desto individueller und attraktiver wird es für die Nutzer.

So eine Plattform könnten auch Wettbewerber entwickeln, die eher von der Technologieseite kommen. Was kann die Tui besser als andere?

Wir haben rund 9000 Mitarbeiter in den Feriengebieten. Eine Führung durch den Louvre in Paris kann jeder auf seine Plattform ziehen, aber bei Angeboten wie einer Fahrt mit dem Heißluftballon in Marokko oder einer Stadtführung mit einem Guide, der Chinesisch spricht, wird das schon schwieriger. Das Vertrauen in unsere Marke sollte man dabei nicht unterschätzen. Das ist ein großer Wert – auch in der digitalen Welt.

„Das Vertrauen in unsere Marke ist ein großer Wert“: Tui-Chef Joussen will das Unternehmen binnen fünf Jahren zu einem Digialkonzern umbauen. Quelle: Samantha Franson

Bei der Tui ist ein großer Teil des Kapitals in Hotels und Kreuzfahrtschiffen gebunden. Als Plattformunternehmen könnten Sie viel Ballast abwerfen, ohne Ihr Geschäftsmodell zu gefährden. Werden Sie die Investitionen in Steine und Stahl zurückfahren?

Unsere Strategie ist klar: In fünf Jahren werden wir ein digitales Unternehmen sein. Wenn wir mit unseren Plattformen so stark wachsen wie erhofft, hätte das natürlich Folgen für unsere Investitionen. Aktuell sind wir mit dem Geschäft unserer Schiffe und Hotels sehr zufrieden; diese Stärke bietet uns die Chance, im digitalen Bereich stärker zu wachsen. Mit 21 Millionen Kunden haben wir dafür eine exzellente Ausgangsposition.

Zur Person: Friedrich Joussen

Friedrich Joussen ist seit sechs Jahren Vorstandschef der Tui. Der 56-Jährige war zuvor Deutschland-Chef von Vodafone und kannte die Touristikbranche zunächst nur als Kunde. Nach dem Zusammenschluss des Mutterkonzerns Tui mit der britischen Tochter Tui Travel definiert sich das Unternehmen vor allem als Hotel- und Kreuzfahrtkonzern. Zu dem Unternehmen gehören 1600 Reisebüros, führende Onlineportale, sechs Fluggesellschaften mit rund 150 Flugzeugen, mehr als 380 Hotels und 17 Kreuzfahrtschiffe. Im Geschäftsjahr 2018 erwirtschaftete der Konzern mit rund 70 000 Mitarbeitern einen Umsatz von 18,5 Milliarden Euro und einen Gewinn von 733 Millionen Euro.

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