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Niedersachsen KVN-Chef: „Den Ärzten geht es nicht nur ums Geld"
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen KVN-Chef: „Den Ärzten geht es nicht nur ums Geld"
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08:50 10.10.2012
Von Jens Heitmann
Foto: Der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen, Marc Barjenbruch, fordert eine Reform des Systems.
Der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen, Marc Barjenbruch, fordert eine Reform des Systems. Quelle: Martin Steiner
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Hannover

Herr Barjenbruch, die niedergelassene Ärzteschaft in Niedersachsen hat ihr Honorar im ersten Quartal um 6,6 Prozent gesteigert und will heute streiken, weil die Krankenkassen nicht noch einmal 11 Prozent drauflegen wollen. Geht das nicht ein bisschen weit?

Nein. Die Honorarsteigerungen der vergangenen Jahre waren lediglich eine Bezahlung zusätzlich erbrachter Leistungen. Für ihre gestiegenen Kosten haben die Ärzte bisher keinen Ausgleich bekommen. Der Zuschlag von 11 Prozent soll die Preissteigerungen seit 2008 ausgleichen – vor diesem Hintergrund finde ich diese Forderung legitim.

Laut Bundesgesundheitsministerium ist die Vergütung der Ärzte zuletzt deutlich stärker gestiegen als das Bruttoinlandsprodukt oder Löhne und Gehälter. Sehen Sie wirklich Nachholbedarf?

Die 11 Prozent sind natürlich eine Maximalforderung, mit der man erst einmal in die Verhandlungen geht. Aber der Unmut unter den Ärzten ist schon sehr groß. Ein Praxisinhaber arbeitet im Schnitt 55 Stunden in der Woche und bekommt ein Viertel seiner erbrachten Leistungen nicht bezahlt, weil das die mit den Kassen vereinbarten Mengenvorgaben so vorsehen.

Nach Ihrer Wahl zum KVN-Chef Anfang vergangenen Jahres haben Sie angekündigt: „Für begrenzte Vergütungen wird es in Zukunft auch nur begrenzte Leistungen geben.“ Die Realität sieht immer noch anders aus ...

Leider ja. Wir bekommen von den Krankenkassen nur einen begrenzten Betrag, wir stehen jedoch vor einem deutlich höheren Bedarf. Man kann es auch zuspitzen: Damit sich eine Praxis rechnet, braucht ein Arzt viele gesunde Patienten, die wenig Kosten verursachen. Nehmen wir als Beispiel einen Gynäkologen: Für die Behandlung einer Versicherten bekommt er 14 Euro im Quartal. Um die aufwendige Therapie für eine krebskranke Patientin leisten zu können, benötigt er acht weitere Patientinnen mit geringen Beschwerden.

Andererseits hat die KVN ihren Ärzten erst kürzlich attestiert, dass sie es immer besser verstünden, „auf der Klaviatur des Honorierungssystems zu spielen“. Heißt das: Wenn die Ärzte mehr üben würden, müssten sie weniger klagen?

So einfach ist es leider nicht. Die Krankenkassen vergüten bestimmte Leistungen außerhalb des festgesetzten Budgets – wie etwa die Teilnahme an besonderen Behandlungsprogrammen für chronisch Kranke. Dies rechnen Ärzte nicht entsprechend ab. Dazu bieten wir Beratungen in den Praxen an.

Laut einer Umfrage haben 93 Prozent der Ärzte dennoch Spaß an der Arbeit, 82 Prozent würden sich wieder für den Beruf entscheiden – 56 Prozent sind sogar zufrieden mit ihrer Bezahlung ...

Das zeigt doch nur, dass es den Ärzten nicht nur ums Geld geht! Den meisten ist vor allem wichtig, dass sie für ihre gute Arbeit auch Anerkennung erfahren. Keinem Arzt fällt es leicht, seine Patienten heute vor verschlossenen Türen stehen zu lassen. Aber wenn Krankenkassenvertreter ihre Leistungen immer wieder abqualifizieren oder sie als „IGel-Abzocker“ hinstellen, dann ist eben irgendwann eine Grenze erreicht.

Dennoch drängen immer mehr Mediziner auf den Markt, die Zahl der Niederlassungen steigt seit Jahren stetig ...

Das ist richtig – das gilt aber vor allem für die Fachärzte. Dabei spielt auch die zunehmende Spezialisierung der Medizin eine wichtige Rolle. Niemand kann hier den wirklichen Bedarf abschätzen. Hausärzte hingegen sind schon heute in einigen Regionen knapp, das Problem wird sich verschärfen.

Die Honorare der einzelnen Arztgruppen klaffen weit auseinander. Ein Hausarzt verdient im Schnitt netto 5000 Euro im Monat – ein Radiologe kommt auf 6800 Euro. Halten Sie diese Spreizung für gerecht?

Nein, eine gleichmäßigere und gerechtere Verteilung des ärztlichen Honorars wäre aus meiner Sicht sehr wünschenswert. Ich sehe hier großen Handlungsbedarf für die Selbstverwaltungsorgane auf Bundes- und Landesebene. Man muss dafür aber auch bei der Gebührenordnung ansetzen: Heute werden technische Leistungen höher bewertet als etwa die sprechende Medizin. Das heutige Honorarsystem ist leider nicht geeignet, die Kranken vernünftig durch das Gesundheitssystem zu steuern.

Sehen Sie einen Ausweg?

Zunächst einmal sollte man sich als Ausgangspunkt darauf verständigen, dass es so einfach nicht weitergehen kann. Wenn ein Hausarzt heute am Tag im Schnitt 100 Patienten durch seine Praxis schleust, dann nutzt das niemandem – auch dem Patienten nicht. Um sein Einkommen zu sichern, muss er die Patienten wieder einbestellen, damit auch die Pauschale für das nächste Quartal hereinkommt. Ist so ein System sinnvoll?

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