Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Niedersachsen Wenn die Saat aufgeht
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Wenn die Saat aufgeht
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:19 08.11.2014
Von Carola Böse-Fischer
Arbeit am Pflanzentopf und im Hightech-Labor: Die Forscher von KWS tüfteln an der Entwicklung neuer Rüben-, Getreide- und Maissorten.Fotos: KWS
Arbeit am Pflanzentopf und im Hightech-Labor: Die Forscher von KWS tüfteln an der Entwicklung neuer Rüben-, Getreide- und Maissorten.Fotos: KWS
Anzeige
Einbeck

Vorsichtig fischt Christine Rohde mit einer Pinzette ein winziges Staubgefäß aus einer Weizenähre und legt es in ein Glasschälchen. Dann versieht die promovierte Biologin es mit einem Barcode, wie man ihn aus dem Supermarkt kennt. Hier, im Biotechnikum des Saatgutherstellers KWS in Einbeck, wird an neuen Mais-, Weizen- oder Zuckerrübensorten geforscht - mit modernsten Methoden von der Gentechnik bis zur Markertechnologie, mit der sich erwünschte Eigenschaften von Pflanzen auslesen lassen. Ziel ist es, Sorten zu entwickeln, die den Landwirten höhere Erträge bringen, wie Robert Heidhues, Chefcontroller der KWS-Forschung, sagt. Zum Beispiel, indem Pflanzen Resistenzen gegen Krankheiten, Schädlinge oder Stress „angezüchtet“ werden. Weil die Ackerflächen weltweit durch Industrialisierung und Versteppung schrumpften, werde das immer wichtiger, erklärt Heidhues.

Wegen des Einsatzes der grünen Gentechnik ist KWS immer wieder zur Zielscheibe von Greenpeace und anderen Umweltgruppen geworden. Sie warnen vor Genmanipulationen an Zuckerrüben, Mais und Getreide und sähen es am liebsten, wenn KWS sich ganz auf konventionell gezüchtetes Saatgut konzentrierte. Das Unternehmen aber setzt - auch mit Blick auf Märkte außerhalb Europas - auf die Mischung aus klassischem und gentechnisch verändertem Saatgut. High-Tech-Labors sind in jedem Fall unabdingbar.

Züchtungen gegen Schädlinge

Statt wie früher einzeln von Hand holen heute 96 Pipetten eines Extraktionsroboters gleichzeitig DNA von Pflanzenproben und deponieren sie auf Chips, die ebenfalls mit Barcodes gekennzeichnet sind. Ohne Barcodes geht im Biotechnikum nichts. Sie enthalten bis zu 50 000 Datenpakete über eine DNA - die Informationen über Eigenschaften einer Pflanze. In einer Datenbank werden sie gespeichert. Bioinformatiker werten sie dann aus, damit sie gezielt für die Züchtung neuer Sorten verwendet werden können. Forschung und Entwicklung sichern die Zukunft des Unternehmens, das gut vier Fünftel seines Umsatzes auf Auslandsmärkten erzielt. KWS ist in mehr als 70 Ländern aktiv. „Trotzdem sind wir seit über 150 Jahren ein familiengeprägtes Unternehmen“, sagt Vorstandssprecher Philip von dem Bussche, der im Dezember in den Ruhestand geht.

Die Mehrheit des im S-Dax notierten Konzerns halten die Familien Büchting, Arendt Oetker und Gieseking. Langfristig orientiertes Handeln hat KWS zum weltweit viertgrößten Saatguthersteller gemacht, wie von dem Bussche erklärt. Und zu einem profitablen Unternehmen mit einem Betriebsgewinn von rund 140 Millionen Euro. Dennoch sei der Gewinn nicht das Wichtigste, so von dem Bussche. Entscheidend sei die Maximierung des Unternehmenswerts. Die Forschung spielt dabei eine „strategische“ Rolle. Jedes Jahr erhalten rund 280 neue KWS-Sorten eine Zulassung von den Sortenämtern. Eine Sorte zu entwickeln dauert zehn Jahre und kostet „einige Millionen Euro“. Die Zeit, Aufwendungen plus Gewinn einzuspielen, ist laut von dem Bussche jedoch kurz. Nach vier Jahren sei das Potenzial einer Sorte ausgeschöpft. Jährlich 13 Prozent des Umsatzes von zuletzt 1,2 Milliarden Euro investiere KWS in Forschung und Entwicklung. In diesem Jahr sollen es mindestens 164 Millionen Euro sein. Damit sei KWS eines der forschungsstärksten Unternehmen der Branche, sagt Chefcontroller Heidhues.

Zweites Standbein in den USA

Weltweit arbeiten über 1800 der knapp 4850 Mitarbeiter in der Forschung, allein 1500 im Biotechnikum am Stammsitz. „Junge Menschen aus 32 Nationen sind hier beschäftigt“, sagt von dem Bussche. Die Sprache im Unternehmen ist englisch. Gerade werden für 25 Millionen Euro Zentrale und Biotechnikum erweitert, um Platz für neue Forscher zu schaffen. Einbeck ist zwar der Nabel der KWS-Welt. Aber Spitzenforschung in der Pflanzenzüchtung finde vor allem in den USA statt, erklärt Heidhues. Zudem ist Amerika wichtigster Einzelmarkt des Unternehmens. Deshalb baut KWS einen zweiten Forschungsstandort in St. Louis im US-Bundesstaat Illinois auf. Hier gebe es das beste Forschungsumfeld für Biotechnologie, sagt Heidhues. Zunächst sollen 25, mittelfristig 80 Mitarbeiter an biotechnologischen Anwendungen für neue Maissorten forschen. Zugleich hofft der Konzern, Nachwuchskräfte auch für die Einbecker Zentrale zu gewinnen.

In der Branche gilt KWS als „attraktiver Arbeitgeber“ - obwohl die Stadt weit vom Schuss liegt. Allerdings muss KWS den „besten Köpfen“ mehr bieten als gute Bezahlung. „Junge Leute können bei uns früh große Verantwortung übernehmen“, sagt von dem Bussche. Auch mit „familienfreundlichen Maßnahmen“ versucht der Konzern, junge Leute an sich zu binden - mit flexiblen Arbeitszeiten, Kinderbetreuungszuschüssen und einer Betriebsvereinbarung zur Pflege von Familienangehörigen.

Niedersachsen Angebote für Urlauber - TUI wird zum Mobilfunker
10.11.2014
Niedersachsen Forderung von NiedersachsenMetall - Fällt Lkw-Sonntagsfahrverbot wegen Streik?
06.11.2014