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Kommentar: Gefahr für den Zusammenhalt

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00:19 10.05.2019
Protestplakat der Organisation Oxfam: Deutschland ist gerechter als viele andere Länder, aber nicht mehr fair genug. Quelle: dpa
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Der Name Corrado Gini ist außerhalb der Kreise von Wirtschaftsforschern weitgehend unbekannt. Dabei hat der italienische Statistiker ein wunderbar anschauliches Maß für Ungleichheiten entwickelt: Der sogenannte Gini-Koeffizient kann mit einer einzigen Zahl ausdrücken, wie stark die Einkommen der Menschen in einem Land voneinander abweichen. Bei einem Wert von null verdient jeder das Gleiche, bei einem Wert von eins kassiert eine Person alles allein.

In Deutschland blieb der Wert von 1991 bis 1999 stabil bei rund 0,25, seitdem stieg er auf über 0,29 an, wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in seiner neuen Studie vorrechnet. Die Einkommensverteilung ist also zweifellos ungerechter geworden.

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Im internationalen Vergleich sind die hiesigen Einkommen zwar immer noch relativ fair verteilt, denn der deutsche Gini-Wert liegt unter dem EU-Durchschnitt. In den USA fällt die Kennzahl mit etwa 0,4 viel höher aus, in Brasilien und Südafrika sind es sogar über 0,5. Allerdings ist die Schere in Deutschland während einer Phase mit boomender Wirtschaft und sinkender Arbeitslosigkeit auseinandergegangen. In den Achtziger- und Neunzigerjahren hatten hingegen noch alle Schichten ähnlich stark von guter Konjunktur profitiert.

Werden Menschen trotz Jobs abgehängt, gefährdet das auf Dauer den Zusammenhalt. Die Politik muss deshalb wieder mehr günstige Wohnungen schaffen, was allerdings Jahre dauert. Schneller wirken Arbeitsmarktreformen, zum Beispiel mehr allgemeinverbindliche Tarifverträge, ein höherer Mindestlohn und mehr Anreize zur Umwandlung von Minijobs in echte Jobs.

Von Christian Wölbert