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Niedersachsen Mehr Transparenz bei Futtermittelherstellern
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Mehr Transparenz bei Futtermittelherstellern
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22:55 16.01.2011
Von Carola Böse-Fischer
Schärfere Kontrollen der Futtermittelbranche und mehr Transparenz sollen vermeiden, dass Schweine und andere Tiere in der Landwirtschaft verunreinigte Nahrungsmittel erhalten. Quelle: Reuters
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Bruno Fehse nimmt kein Blatt vor den Mund. „Wir haben einfach Glück gehabt, dass Harles und Jentzsch nicht zu unseren Geschäftspartnern gehört“, sagt der Seniorchef der Futtermittel- und Landhandelsfirma Fehse mit Sitz in Estorf-Leeseringen bei Nienburg. Rund 750 landwirtschaftliche Betriebe beliefert das Familienunternehmen mit eiweißreichem Kraftfutter – fast alle Stammkunden. Die Konsequenzen im anderen Fall mag sich Fehse gar nicht ausmalen.

Der Futterfetthersteller Harles und Jentzsch in Uetersen, der inzwischen Insolvenz angemeldet hat, hatte bei der Produktion gepanscht. Damit nahm der Dioxin-Skandal seinen Lauf. Über ein verzweigtes Geflecht von Lieferwegen gelangte kontaminiertes Fett zu etlichen Futtermittelproduzenten. Nach Fehses Angaben setzt die Branche bei der Futtermittelherstellung nur in geringen Mengen Fette als Vorprodukte ein – diesmal allerdings mit weitreichenden Folgen: Die Bundesregierung schätzt, dass das krebserregende Gift in bis zu 150 000 Tonnen Futter gelangt sein könnte. Tausende Landwirte mästeten ihre Schweine, Rinder, Hühner und Puten und fütterten ihre Legehennen damit. Am Ende landeten mit Dioxin belastetes Fleisch und Eier im Lebensmittelhandel und dann auf dem Teller der Verbraucher.

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Kriminelle Machenschaften ließen sich trotz Kontrollen nie ausschalten, meint Bruno Fehse. Trotzdem ist der Unternehmer, der als Präsident des Bundesverbandes der agrargewerblichen Wirtschaft in der vergangenen Woche bei dem Verbändegespräch mit Bundesagrarministerin Ilse Aigner dabei war, ein Verfechter schärferer Kontrollen – insbesondere der Komponentenhersteller, die Vorprodukte wie Fette für die Mischfutterwerke produzieren – und von mehr Transparenz in der gesamten Kette. „Das schützt auch uns als Mischfutterhersteller und zahlt sich durch das Vertrauen unserer Kunden aus“. Die erfolgreiche Entwicklung des Familienunternehmens beruhe nicht unmaßgeblich auf einem umfassenden System interner und externer Kontrollen. Rund 150 000 Tonnen Mischfutter verkauft Fehse im Jahr und setzt einschließlich des Landhandelgeschäfts etwa 65 Millionen Euro um, berichtet Dörte Fehse-Ehlert, die mit ihrem Bruder Knut Fehse in dritter Generation das operative Geschäft führt.

„Von allen Waren, die rein- und rausgehen, werden Proben gezogen“, erklärt Betriebsleiter Volker List. Sie werden im Rückstelllager fünf Monate aufbewahrt, sodass bei Bedarf jederzeit die Inhaltsstoffe der Futtermittel bis zu ihrem Ursprung zurückverfolgt werden können. Gleichzeitig sind die Protokolle im Computer gespeichert.

Täglich etwa 100 Lkw bringen Getreide und Rapsschrot von hiesigen Landwirten sowie Weizenkleie aus den Mühlen in das Kraftfutterwerk an der Weser. Importiert werden Eiweißprodukte wie Soja- und Palmkernschrot, die in der industriellen Tierhaltung eingesetzt werden, um die Mast von Schweinen und Geflügel zu beschleunigen. Diese Einzelfuttermittel bezieht Fehse etwa über das Hamburger Agrarhandelshaus Toepfer International. Per Schiff über Rotterdam werden sie direkt ins Werk geliefert. Dazu kommen Zusatzstoffe wie Vitamine, Proteine, Spurenelemente, Kalzium und Fette aus Pflanzenölen. Verwendet würden nur zertifizierte Rohstoffe, sagt der Seniorchef.
Produziert wird „just-in-time“. „Heute bestellt der Landwirt, morgen wird ihm das fertige Produkt mit einem unserer zehn eigenen Silozüge geliefert“, sagt Dörte Fehse-Ehlert. Etwa 750 Futtermischungen sind im Zentralrechner gespeichert. Die jeweilige Mischung hängt von Tierart, Alter und Energiebedarf ab. Legehennen brauchen Kalzium für eine feste Eierschale, Schweine einen hohen Getreideanteil. Die Hälfte des Absatzes macht Fehse im Umkreis von 300 Kilometern um Nienburg mit Futtermischungen für Schweinemäster und Sauenhalter, 40 Prozent mit Rinderfutter und jeweils 5 Prozent mit Pferde- und Geflügelfutter.

Ehe die Komponenten computergesteuert gemischt, gemahlen und zu Pellets, Granulat oder Mehl verarbeitet werden, kommt im hauseigenen Labor das Spektroskop zum Einsatz. Mit diesem „Schnellbestimmer“ werden ständig Inhaltsstoffe und Qualität der eingehenden Rohwaren geprüft, wie Betriebsleiter List erklärt. „Modernste Technik, aber kostspielig.“ Allein 200 000 Euro habe die Anschaffung gekostet. Jedes Jahr müsse der Spektrometer für rund 100 000 Euro neu justiert werden. Um auf Nummer sicher zu gehen, lässt Fehse die eigenen Analysen von einem Fremdlabor überprüfen. Auch gezielt auf „unerwünschte Stoffe“ wie Dioxin, sagt der Senior. Eine solche Untersuchung, deren Ergebnis nach fünf bis sieben Tagen vorliege, koste 800 Euro.

Futtermittel der Mischfutterwerke würden genauer kontrolliert als Lebensmittel, behauptet Bruno Fehse. Zehn- bis 15-mal im Jahr erscheinen im Werk unangemeldet wechselnde Kontrolleure des Niedersächsischen Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit in Oldenburg, kurz Laves. Sie ziehen Proben, ohne zu sagen, was sie untersuchen, wie Fehse sagt. Bei Beanstandungen drohen je nach Schwere Geld- oder Gefängnisstrafen bis zu drei Jahren. Nach dem 10-Punkte-Plan, mit dem Agrarministerin Aigner für mehr „Sicherheit und Transparenz“ in der Futtermittelbranche sorgen will, sollen neben den angekündigten schärferen Kontrollen auch härtere Strafen zur Abschreckung geprüft werden.

Der „Aktionsplan“ der CSU-Politikerin, sagt Bruno Fehse, weise in die richtige Richtung, weil er die Schwachstellen in der Branche anpacke. In seinem Unternehmen gibt es allem Anschein nach keine. Die von Kritikern der Futtermittelbranche geforderte offene Deklaration der Bestandteile des Futters werde längst praktiziert, erklärt Dörte Fehse-Ehlert. „Alles, was drin ist, steht auf unseren Futtermittelsäcken drauf.“ Entscheidend ist allerdings, dass die daran beteiligten Geschäftspartner „sauber“ sind. Und das kann manchmal einfach Glück sein.

Stefan Winter 14.01.2011
Albrecht Scheuermann 14.01.2011