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Niedersachsen Messechef: „Ich lese im Urlaub keine E-Mails“
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Messechef: „Ich lese im Urlaub keine E-Mails“
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19:44 17.08.2012
Von Jens Heitmann
Wolfram von Fritsch (47),Vorstandsvorsitzender Deutsche Messe AG, im Gespräch mit der HAZ. Quelle: Ralf Decker
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Hannover

Herr von Fritsch, die Messe wird heute 65 Jahre alt - und könnte damit in Rente gehen. Wie viele Ihrer Mitarbeiter sindin diesem Alter noch an Bord?

Unser „Betriebsältester“, wenn ich das so sagen darf, ist 65 Jahre alt - er ist jetzt seit mehr als 30 Jahren bei der Messe. Das ist aber natürlich nicht die Regel. Jeder fünfte Mitarbeiter ist jünger als 36, das Durchschnittsalter liegt bei 44 Jahren. Und bei den 70 Führungskräften ist die Hälfte in den vergangenen fünf Jahren neu hinzugekommen.

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Gleichwohl kommt die Messe ein bisschen altmodisch daher: Trotz eines hohen Frauenanteils in der Belegschaft sitzen im Vorstand nur Männer...

Von außen mag das so aussehen, aber wir sind dabei, das zu verändern. Vor vier Jahren waren 12 Prozent der Führungspositionen mit Frauen besetzt, heute sind es fast doppelt so viele - und wir wollen das weiter steigern. Am Ende wird der Frauenanteil in der Führung in etwa so hoch sein wie im Unternehmen - das kann nicht anders sein.

Was hindert denn die Frauen?

Männer haben einfach mehr Chuzpe. Wenn die etwas Neues machen sollen, dann trauen sie sich das zu - auch wenn sie es nicht gleich perfekt können. Frauen sind da vorsichtiger. Wir versuchen, Frauen vermehrt die Führung von einzelnen Projekten zu übertragen und hoffen, dass sie dann die Scheu vor der nächsthöheren Stufe verlieren.

Ohne die Kapitalerhöhung durch ihre Anteileigner hätte die Messe das Rentenalter nicht mehr erlebt. Wie hat dieser Schock den Konzern verändert?

Mit dem Zukunftsprogramm „Hermes Plus“ haben wir uns 2009 neue Ziele gesetzt - etwa den Einstieg ins digitale Geschäft. Kaum einer hier wusste zu dem Zeitpunkt wirklich, wie das gehen könnte. Das war, um im Bild zu bleiben, als wenn ein Rentner plötzlich anfängt zu studieren. Das Ergebnis ist prima: Wir können unseren Kunden jetzt eine Reihe digitaler Services anbieten, die kein Wettbewerber hat und wir haben 2011 die wirtschaftliche Kehrtwende vollzogen.

Vom lebenslangen Lernen ist in Sonntagsreden häufig die Rede.Wie übersetzen sie das in den Alltag?

Lebenslanges Lernen ist ja geradezu Unternehmensgegenstand: Jede Messe lebt von Neuheiten, und so müssen wir ständig in Innovationen denken - eigenen und denen unserer Kunden. Manche Berufe werden - zu Recht - heute noch ausgeübt wie früher. Wir denken immer in Projekten, wenn eine Messe endet, steht die nächste schon vor der Tür. Der Zeitdruck ist groß, aber es hält fit, wenn nach einem Erfolg direkt die nächste Aufgabe ansteht.

Was tun Sie denn, damitIhre Mitarbeiter auch mal den Kopffrei bekommen?

Wir feiern zum Beispiel unsere Erfolge gemeinsam. Wenn eine Messe am letzten Tag um 18 Uhr die Tore schließt, beginnt hier um 19 Uhr eine Party aller beteiligten Mitarbeiter - da geht schon mal der erste Druck raus. Im Anschluss bauen wir natürlich die während der Messe angefallenen Überstunden ab. Darüber hinaus bieten wir unter dem Motto „Fair Balance“ ein umfangreiches Gesundheitsprogramm. Viele Mitarbeiter verbindet daher gemeinsame Freizeitaktivität. Es gibt hier auch einen eigenen, kleinen Fitnessraum.

Als Ausgleich scheint das nicht allen Mitarbeitern zu reichen. Wegen der Überstunden liegen Sie im Zwistmit dem Betriebsrat und sind Dauergast vor dem Arbeitsgericht...

Ein Messeunternehmen ist geprägt von Arbeitsspitzen: Wenn eine Messe läuft, steht das ganze Unternehmen unter Dampf. Da werden Überstunden gemacht, ganz klar. Die werden im Anschluss wieder ausgeglichen. Wir haben ein eigenes Interesse, dass das nicht überhand nimmt. Zudem erlaubt die Zahl der Verfahren nach meiner Einschätzung keinen Rückschluss auf die Akzeptanz bei den Mitarbeitern - allenfalls auf die Veränderungsgeschwindigkeit des Unternehmens. Wenn wir alles so ließen, wie es ist, würden diese Prozesse aufhören. Aber das können wir uns nicht leisten.

Wie sieht es denn mit den individuellen Freiräumen aus: Erwarten Sie, dass die Mitarbeiter auch nach Feierabend ihre E-Mails beantworten und per Handy erreichbar sind?

Nein. Bei einer Hochzeit habe ich kürzlich erlebt, dass andere Gäste sogar in der Kirche ihre Mails checkten - das ist doch furchtbar! Dass es auch anders geht, leben wir auch im Vorstand vor: Ich lese im Urlaub keine E-Mails und bin nur in Ausnahmefällen telefonisch erreichbar. Ich rufe auch niemandem in seinem Urlaub an - wir erwarten im Gegenzug natürlich, dass die Vertretung geregelt ist.

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