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Niedersachsen Meteor steht vor der Sanierung
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Meteor steht vor der Sanierung
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19:42 20.02.2012
Von Lars Ruzic
In Bockenem prägend: Der insolvente Zulieferer Meteor bestimmt Ortsbild und Zukunftsperspektiven der Gemeinde im Ambergau. Quelle: Rütter
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Hannover

Physikalisch ist es ein Ding der Unmöglichkeit. Einmal abgestürzt, lässt sich ein Meteor nicht mehr zum Fliegen bringen. Doch die Gesetze der Wirtschaft sind andere als die der Naturwissenschaft. Darauf hoffen sie in diesen tristen Tagen in Bockenem und Umgebung – gut einen Monat nach dem Insolvenzantrag der Meteor Gummiwerke, nach eigenen Angaben führender Produzent von Elastomerdichtungen weltweit.

Der Einschlag hat die Region hart getroffen. Meteor steht für 1800 Arbeitsplätze in der strukturschwachen Vorharzregion. Zur Einordnung: Die Stadt Bockenem kommt gerade auf knapp über 10.000 Einwohner. Die Insolvenz gehört zu den größten der vergangenen Jahre in Niedersachsen. „Wenn Meteor dichtmacht, gehen hier überall die Lichter aus“, brachte es unlängst ein Einheimischer auf den Punkt.

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Dabei mangelt es nicht an Arbeit. Meteor beliefert vor allem die Premiumhersteller in der Autoindustrie mit Dichtungen, besonders stark ist das Unternehmen bei Coupés und Cabrios. Die Branche boomt – und in Bockenem läuft die Produktion rund um die Uhr, um die Abrufe der Hersteller auch bedienen zu können. „Alle arbeiten hier volle Pulle, als wenn nichts gewesen wäre“, berichtet Peter Winkelmann von der IG Bergbau, Chemie, Industrie.

Und weil Daimler, BMW und Co. auf die Teile aus dem Ambergau angewiesen sind, bleiben sie auch bei der Stange. „Das haben wir bislang ganz gut hinbekommen“, sagt der Sprecher des Insolvenzverwalters Christopher Seagon. Der Jurist kommt von der Kanzlei Wellensiek und hat mehr als ein Dutzend Zulieferer in der Insolvenz begleitet, darunter Engelmann aus der Wedemark und Stankiewicz aus Celle. Sowohl auf der Lieferanten- als auch auf der Absatzseite liefe es derzeit weitgehend in geregelten Bahnen, so Seagons Sprecher. Der Jurist widme sich deshalb im Moment vor allem der Bestandsaufnahme.

Die dürfte aufzeigen, dass der einstige Familienbetrieb seit Jahren von der Substanz zehrte. Gerade, als Meteor mit den Folgen eigenen Missmanagements zu kämpfen hatte, schlug 2008/09 die Krise ein – und brachte das Unternehmen schon damals in Zahlungsschwierigkeiten. Die Banken verlangten eine Radikalsanierung und den Ausstieg der Eigentümerfamilien. Ein Treuhänder organisierte in der Folge den Verkauf der Firma, das Land Niedersachsen gewährte eine Bürgschaft in Höhe von 10 Millionen Euro. Gut 200 Mitarbeiter mussten gehen, der Rest musste auf Weihnachtsgeld verzichten. Gleichwohl lief 2009 bei 190 Millionen Euro Umsatz ein Verlust in Höhe von 24 Millionen Euro auf.

Den vermeintlichen Retter, der die Löcher stopfen wollte, fand der Treuhänder in Indien. Doch die Ruia-Gruppe geriet selbst ins Schlingern, und das Geld aus Asien blieb aus. So musste der gerade erst inthronisierte Geschäftsführer Burkhard Brühl – zuvor Chef von Henniges in Bad Rehburg – gut sechs Wochen nach seinem Antritt in Bockenem den Gang nach Hildesheim antreten, zum Amtsrichter.

Der von ihm eingesetzte Insolvenzverwalter sieht durchaus Chancen für einen erneuten Verkauf des 1951 gegründeten Unternehmens. Einige Interessenten, die in der ersten Bieterrunde nicht zum Zuge kamen, sollen schon wieder Interesse angemeldet haben. „Das ist doch kein schlechtes Zeichen“, so Seagons Sprecher. Auch die Landesregierung will bei der Investorensuche mithelfen. „Die Karten sind wieder neu gemischt“, sagte unlängst Wirtschaftsstaatssekretär Oliver Liersch – früher selbst als Insolvenzverwalter aktiv. „Es lohnt sich, wieder auf die Suche zu gehen.“

Das Interesse der Politik kommt nicht von ungefähr. Zum einen dürften die Meteor-Gläubiger, die das Land einst mit der Bürgschaft ruhigstellen wollte, sich nun auf Kosten des Steuerzahlers schadlos halten. Zum anderen gilt es, eine Großpleite in einer strukturschwachen Region zu verhindern.

Aus Ministeriumskreisen heißt es, die Landesregierung könne sich als möglichen Retter gut Continental vorstellen. Das allerdings hält man in der hannoverschen Konzernzentrale für wenig wahrscheinlich, da die Kautschuktochter ContiTech erst vor wenigen Jahren ihr Dichtungsgeschäft an Finanzinvestoren verkauft hatte – hohe Kosten für eine Standortschließung in Hannover inklusive. Die Tochter Sealing Systems erschien der ContiTech-Spitze damals zu klein und die Marge zu dünn, um das Geschäft an Bord zu behalten.

Jemand mit Branchen-Know-how und Kenntnis des deutschen Marktes käme nach dem Reinfall mit den Indern auch der Belegschaftsseite recht. „Wir brauchen einen industriellen Investor, der die Kraft hat, Meteor wieder nach vorn zu bringen“, fordert Gewerkschafter Winkelmann. Mit einem schnellen Verkauf rechnet er allerdings nicht. Die harten Schnitte überlassen die Investoren generell lieber dem Insolvenzverwalter. Die Uhr dafür läuft: Noch bis Ende März zahlt die Arbeitsagentur die Löhne, anschließend muss Seagon sie aus dem laufenden Geschäft finanzieren. Es ist deshalb nur eine Frage von Wochen, bis er erste Sanierungspläne vorlegen wird.

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