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Niedersachsen „Neuer VW Golf signalisiert Sportlichkeit"
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen „Neuer VW Golf signalisiert Sportlichkeit"
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06:15 08.09.2012
Von Johanna Di Blasi
Am Dienstag stellte VW den neuen Golf VII vor. Autodesigner Lutz Fügener spricht im HAZ-Interview über die Ästhetik des siebten Golfs. Quelle: dpa
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Hannover

Herr Professor Fügener, haben Sie einen VW-Golf in Ihrem Fuhrpark?

Nein, ich hatte noch nie einen Golf, aber ich könnte mir gut vorstellen, einen zu fahren. Ich glaube, das kann sich fast jeder vorstellen.

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Eine Riesenüberraschung hat sich keiner vom neuen Golf erwartet, trotzdem war die Spannung enorm. Was sticht bei der siebten Generation ins Auge?

Der neue Golf ist vom Design her geschärft worden. Bei Muskeln würde man sagen, das Ganze wirkt ausdefinierter, trainierter. Ich gehe davon aus, dass jedes Karosserieteil anders ist als beim Vorgänger. Evolutionär aber bleibt der neue Golf augenscheinlich am Vorgänger orientiert.

Welche Details sind Ihnen aufgefallen?

Die Kanten sind schärfer, optisch hat sich der Wagen verbreitert. Das Verhältnis von Höhe und Breite signalisiert Sportlichkeit und Entschlossenheit. Horizontal durchgezogene Linien bringen die Anmutung von Geschwindigkeit. Die Form der Rückleuchten ist überzeugender als beim Vorgänger, schmaler und nicht mehr zur Mitte abfallend. Der Bereich unter dem Kühler wurde vollständig geändert – in diesem Detail fast dem aktuellen Opel Astra ähnelnd. Insgesamt hat das Auto mehr Pfeilung, ist stärker angespitzt. Ich sehe eine optische Beschleunigung – mehr Geschwindigkeit im Stand.

Mit einer rauschenden Weltpremiere hat Volkswagen seine wichtigste Neuerscheinung dieses Jahres präsentiert. Der Star des Abends heißt Golf 7. An Superlativen mangelte es trotz Greenpeace-Protesten nicht.

Golf, das steht für Understatement auf vier Rädern. Gilt das überhaupt noch für die längere, flachere, coupéhafte neue Version?

Ich halte es für eine nachvollziehbare Strategie, den Golf optisch etwas sportlicher und flacher zu gestalten. Das scheint zwar den Komfortansprüchen und Bedürfnissen einer alternden Kundschaft zu widersprechen, hält den Golf aber für alle Generationen und damit auch für die Jugend attraktiv.

Der Golf hat nicht nur eine eigene Klasse begründet, sondern auch die „Generation Golf“. Sie machte in den neunziger Jahren den Golf IV zum bestverkauften Wagen in der Altersklasse der 20- bis 30-Jährigen. Hat der Golf immer noch identitätsstiftendes Potenzial?

Ja, durch die Schärfung des Designs wirkt der neue Golf, obwohl er konservativ weiterentwickelt wurde, etwas verjüngt. Zugleich ist es aber kein Auto, dass irgendeine Generation abschreckt.

Sogar der 1982 geborene britische Prinz William fährt Golf, aber wirkliche Prestigegewinne erzielt man mit diesem Auto wohl kaum.

Der Golf definiert einen Dresscode. Nach der Bekleidung und dem Auto werden wir bewertet, dagegen können wir nichts tun. Selbst wenn ich sage, ich ziehe gar nichts an, werde ich bewertet. Einen Golf kann sich sozusagen jeder anziehen und jeder wird sich gut angezogen fühlen, ohne aber einer spezifisch negativen oder positiven Bewertung ausgesetzt zu sein. Mit einer Luxuslimousine oder einem Sportwagen ist das anders. Volkswagen hat sich mit dem Golf einen großen Vorteil erwirtschaftet. Der Wagen funktioniert, wie er ist. Manche verausgaben sich, um sich einen Golf zu kaufen. Andere könnten sich einen wesentlich teureren Wagen leisten, finden aber gerade dieses Auto cool, so wie in den fünfziger Jahren wohlhabende Leute Spaß daran hatten, einen Mini zu fahren.

Der Golf scheint tatsächlich ein Design-geheimnis zu bergen: Es ist ein unauffälliger, ja neutraler und sogar etwas langweiliger Kleinwagen. Dennoch hat er ein gutes Image.

Langweilig finde ich ihn nicht. Eine Unart besteht heute darin, Autos mit allerlei Ornamenten und ondulierenden Linien zu verzieren, was sie angeblich emotionaler wirken lässt. Liniengebirge und auf Autos übertragene 3-D-Grafiken machen auch mich emotional – allerdings weil ich mich über die Verwässerung der Form ärgere. Was mich hingegen beeindruckt, ist ein klar definiertes, geschärftes Design. Wertbeständigkeit entsteht, wenn Dinge auch mal in Ruhe gelassen werden. Es muss nicht immer alles verziert werden.

Was sagt der Golf über Deutschland aus?

Seine Beständigkeit und designhandwerkliche Qualität bestätigen geradezu das Klischeebild vom deutschen Industriestandort. Dazu gehört auch der Anstrich von Vernunft, die Einsetzbarkeit als Understatement. Hochtechnologie, gutes Design plus ein bisschen Vernunft ergeben eine gute Visitenkarte für Deutschland.

Seit Montag wird die siebte Golf-Generation gebaut, doch außerhalb der Werkshallen ist von dem Wagen nichts zu sehen. Eine Übersicht der Vorfahren.

Sehen Sie im neuen Golfdesign Ansatzpunkte für eine Weiterentwicklung in Richtung Elektroauto? 2013 soll es den Wagen ja mit Elektromotor geben, den „Golf Strom“ sozusagen.

Definitiv nein. Das heißt nicht, dass die Elektrovariante hier nicht sinnvoll wäre, auch wenn der Umstieg wesentlich schwieriger als vielfach prognostiziert werden dürfte. Im aktuellen Design aber sehe ich die Entwicklung nicht eingeschrieben.

Welche größere Entwicklungslinie sehen Sie im Automobildesign?

Das ist schwierig. Es gibt keine deutliche Richtung mehr im Design. Manche setzen auf Retroautos, andere auf sehr moderne Autos – und überfordern damit zum Teil ihre an Innovationssprünge nicht gewöhnten Kunden. Beim Golf wird jede Kante diskutiert. Die Kunst an diesem erfolgreichen Auto scheint zu sein, es zu lassen, wie es ist. Sollte aber ein Konkurrent des Wolfsburger Autobauers mit einem ganz neuen Produkt VW überholen, hätten wir schlagartig eine andere Situation. Dann würde die Branche in Bewegung geraten.

Francis Ford Coppola beschwor Anfang der siebziger Jahre in „American Graffiti“ noch einmal den Autokult der Fünfziger, wo eine ganze Welt ums Auto gebaut war und die Stadt zum gigantischen Drive-in mutierte. Heute wirken in urbanen Zentren postmaterielle, ökobewusste junge Leute stilbildend. Hat das Auto als Prestigeobjekt ausgedient?

Das Auto hat an Prestigekraft zweifellos eingebüßt. Das hat zum Teil ganz praktische Gründe: In Großstädten wie Berlin können Sie das Auto nicht vors Haus stellen. Auch das mit dem irgendwo vorfahren funktioniert häufig nicht mehr. Der Wagen steht in der Tiefgarage und der Schlüssel in der Hosentasche hilft als Prestigeobjekt wenig. Es wächst gerade eine Generation heran, die die Autoindustrie noch vor große Herausforderungen stellen wird.

Stefan Winter 05.09.2012
04.09.2012