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Niedersachsen Niedergang der Nordseewerke
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Niedergang der Nordseewerke
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22:21 29.05.2015
Von Jens Heitmann
Ein Schiffsneubau liegt in Emden bei den Emder Nordseewerken im Dock. Quelle: Nigel Treblin
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Hannover

Als der Schiffbau sich für Thyssen-Krupp nicht mehr rechnete, flog der damalige Wirtschaftsminister Philipp Rösler eigens nach Algerien, um Aufträge für den Bau von Fregatten an Land zu ziehen. Es war der erste von vielen Versuchen, die Emder Traditionswerft und die seinerzeit noch 1400 Arbeitsplätze zu retten. Sechs Jahre ist das inzwischen her: Die Hoffnung ist seither immer kleiner geworden wie auch die Zahl der Mitarbeiter, um die es geht - es sind noch 181.

Als Ende Dezember 2010 der Containerfrachter „Frisia Cottbus“ vom Stapel lief, war es mit dem Handelsschiffbau nach 106 Jahren vorbei. Von der Belegschaft wechselte rund die Hälfte zum Windkraftunternehmen Siag Schaaf. Nur ein kleiner Rest blieb im Reparatur- und Ingenieurbereich von Thyssen-Krupp. Der neue Eigentümer hatte mit den Nordseewerken große Pläne: Er wollte einen großen Teil der Lieferkette für Windkraftanlagen auf dem Meer aus einer Hand anbieten und so vom sich abzeichnenden Offshoreboom profitieren.

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Doch der Muttergesellschaft Siag Schaaf Industries ging schon bald die Luft aus - sie schlitterte in die Insolvenz. Anfang 2012 begann den Kontrolleuren der Nord/LB zu dämmern, dass der „Fish“ stinkt. Unter diesem Projektnamen wurden von der Landesbank in Hannover Kreditlinien von insgesamt 70 Millionen Euro verwaltet, für die Land und Bund mit bis zu 80 Prozent gebürgt hatten. Mit 23 Millionen Euro fiel der Verlust der Nordseewerke 2011 zehnmal höher aus als geplant. Damit sei die Fähigkeit des Unternehmens, seine „Verpflichtungen unter dem Kreditvertrag zu erfüllen, infrage gestellt“, hieß es.

Versprochen hatten die neuen Eigentümer anderes: Bis 2013 sollte sich der Umsatz auf 220 Millionen Euro mehr als verzwanzigfachen, unter dem Strich ein Gewinn von 16 Millionen Euro stehen. Die Auftragslage schien diesen Optimismus zu rechtfertigen: Die Nordseewerke sollten Fundamente für einen Windpark bauen, Türme für Offshore-Windkraftanlagen sowie eine Umspannplattform.

Doch noch bevor die Arbeiten beginnen konnten, stockte die Produktion bereits: Die für den Bau der Tripoden eingekauften Bleche fielen durch die Qualitätsprüfung, weil das Management für die Prüfung falsche Normen angesetzt hatte. Die Pannenserie setzte sich fort; immer wieder kam es zu neuen Staus. Zudem brachen auch noch die Aufträge weg. Im Oktober stellten die Nordseewerke die Landesregierung vor ein Ultimatum: Eine „kurzfristige Insolvenzantragstellung“ könne man nur vermeiden, wenn frische Kredite flössen.

In Hannover machte man sich auf die Suche nach einem neuen Investor - doch es fand sich keiner. Erst zwischen Weihnachten und Neujahr meldete sich der belgische Stahlhersteller DSD in der Staatskanzlei. Der damalige Ministerpräsident David McAllister (CDU) setzte seinen Wirtschaftsminister Jörg Bode in Marsch - zwei Tage vor der Landtagswahl 2013 meldete der FDP-Mann Vollzug: Die Nordseewerke schienen wieder einmal gerettet. Doch die Belgier stellten Bedingungen: Sie selbst brachten dem Vernehmen nach nur 4 Millionen Euro mit und forderten einen Kredit von 17 Millionen Euro, den sie von der Nord/LB auch bekamen - das Land bürgte nach HAZ-Informationen für 80 Prozent. Man habe keinen großen Spielraum gehabt, sagte ein Beteiligter: „Die Alternative war DSD oder Zerschlagung.“

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